Kultur : Wenn der Vater weg ist

Odyssee im Zirkuszelt: Jugendliche auf den Spuren von Odysseus Sohn Telemachos. Premiere ist am Freitag

Astrid Priebs-Tröger

Wer kennt ihn nicht - Odysseus, den Listenreichen, der das Trojanische Pferd ersann und damit den Sieg vor Troja errang. Seine Heldentaten wurden von Homer in der Ilias und der Odyssee für die Nachwelt besungen. Doch seinen Sohn, Telemachos genannt, kennt kaum jemand. Der war, während sein Vater von Abenteuer zu Abenteuer eilte, allein zu Hause bei seiner Mutter Penelope. Ein Schicksal, das er mit vielen heutigen Kindern und Jugendlichen teilt: Ein Elternteil – meist der Vater – ist vorübergehend oder dauerhaft nicht präsent. Und während die modernen Väter viel zu viel arbeiten oder im Laufe ihres Lebens nacheinander mehrere Familien gründen, irrte der sagenhafte Odysseus - von den Göttern dazu verdammt - jahrzehntelang umher, ohne nach Ithaka zurückzugelangen. In der Zwischenzeit wuchs sein Sohn, ohne seinen Vater jemals gesehen zu haben, zum Mann heran.

Die Theaterpädagogin Gela Eichhorn und die Choreografin Anja Kozik bringen am kommenden Freitag ihr Stück „Eine Odyssee“ im Montelino-Zelt im Buga-Park zur Premiere. Gemeinsam mit elf Jugendlichen im Alter zwischen 16 und 23 Jahren haben sie seit Februar nach Motiven aus Homers Odyssee und einem Theaterstück von Ad de Bont ihre eigene „Odyssee“ erarbeitet. Und sie haben sich dabei ganz bewusst auf die Figur des Telemachos konzentriert. Ihre Inszenierung beginnt damit, dass Odysseus, nach seiner langen Reise, Pallas Athene anfleht, endlich nach Hause zu dürfen. Da sitzt kein strahlender Held auf der Bühne unter der Zirkuskuppel, sondern ein gealterter Mann, der Heimweh hat.

Ronny, der jetzt den Telemachos spielt, hat sich sehr für das Stück, das die Jugendlichen zusammen mit der Regisseurin auswählten, stark gemacht. Er kann sich aus eigener Erfahrung gut in die Gefühle des allein gelassenen Sohnes hineinversetzen. Aber auch andere Themen von Eltern-Kind-Beziehungen kommen zur Sprache und man merkt schon bei den Proben, wie viel Spaß es macht, Eltern mal richtig die Meinung zu sagen, aber auch wie schwierig es ist, mit dem Vorbild eines übergroßen Vaters erwachsen zu werden oder mit bestimmten Rollenerwartungen einfach überfordert zu sein.

Denn auch davon erzählt das Stück, nämlich als Telemachos seine Mutter drängt, sich endlich neu zu vermählen, da er selbst noch zu jung für die Thronfolge beziehungsweise zu unerfahren zum Kämpfen ist. Regisseurin Gela Eichhorn erzählt, das in dem intensiven Probenprozess viel „Bonusmaterial“ erarbeitet worden sei, von dem sie sich aber gegen Ende der Proben doch trennten, um strikt ihr Telemachos-Projekt zu verfolgen.

In der vergangenen Woche, der letzten der diesjährigen Sommerferien, zelteten die Jugendlichen sogar auf dem Zirkusgelände, um möglichst viel Zeit zum Probieren zu haben, denn vorher war die Erarbeitung der Inszenierung aus Sprechtheater und Tanzelementen für Ronny, Aaron, Birk, Almut und die anderen gar nicht so leicht zu stemmen: neben dem Artisten- oder Musikpädagogikstudium, den Abiturprüfungen oder dem Abschluss der 10. Klasse. Doch mittlerweile stehen sie in den Endproben und haben sich auch an die Zusammenarbeit von Regisseurin und Choreografin gewöhnt.

Anfangs waren manche schon skeptisch, wurde Gela Eichhorn gefragt: „Müssen wir jetzt tanzen lernen?“, als die Choreografin Anja Kozik zur Theatergruppe stieß. Die Regisseurin hatte sie eingeladen mitzumachen, weil sie selbst etwas ausprobieren wollte, was sie noch nie gemacht habe, sagt die quirlige blonde Frau, und weil sie spürte, dass sich manche Themen im Stück auch gut tänzerisch umsetzen lassen. Anja Kozik hat mit den Jugendlichen, von denen nur wenige Erfahrungen mit Kontaktimprovisationen hatten, nach vorsichtigem Herantasten gemeinsam Bilder entwickelt, die das schicksalhafte Geworfensein der Figuren zeigen. Die entstandenen Tanzszenen haben in der Inszenierung ein vorwegnehmendes Moment; sie zeigen unter anderem, welche Personen als nächstes eine Begegnung haben werden.

Ungewohnt für die meisten Mitspieler war nicht zuletzt die Erarbeitung einer abendfüllenden Schauspielproduktion. Einige von ihnen, zum Beispiel die Geschwister Birk und Almut, konnte man früher bei den Montelino-Jugendvarieté-Produktionen, in Clownsrollen erleben, aber das, sagen sie, sei im Gegensatz zu jetzt sehr wenig Text gewesen. Doch schon als Probenzuschauer spürte man, sie alle haben sich da richtig hineingekniet. Und kosten es aus, beispielsweise in der Szene zwischen Zeus und seinen Kindern Hermes und Athene, ihren Text mit prallem Leben zu erfüllen, denn Erfahrungen mit Eltern, die keine Zeit haben und zudem schlecht zuhören, haben sie allemal. Astrid Priebs-Tröger

Premiere am 19. August, 19 Uhr im Montelino-Zelt im Volkspark. Nächste Vorstellungen am 20., 21. und 28. August. Wegen begrenzter Platzzahl Plätze unter 0176/52091812 reservieren.

Mehr lesen? Hier die PNN gratis testen.