Kultur : Was Sammler so sammeln

Das zeigt die Ausstellung „Familientheater“ im Pavillion auf der Freundschaftsinsel

Richard Rabensaat
Ein ganz besonderes Familientheater. Blick in die aktuelle Ausstellung im Pavillion auf der Freundschaftsinsel mit Arbeiten von Josef Kramhöller, Michael Krebber, David Lamelas und Walter Swennen.
Ein ganz besonderes Familientheater. Blick in die aktuelle Ausstellung im Pavillion auf der Freundschaftsinsel mit Arbeiten von...Foto: BKV Potsdam

„Man stellt sich den Sammler immer als einen Mann mit einem dicken Scheckbuch vor, der durch die Kunstmessen geht und mehr oder weniger planlos teure Kunst kauft“, so der Kurator Gerrit Gohlke bei seiner Eröffnungsansprache der Doppelausstellung in Potsdam und Berlin mit Werken der Sammlung Kienzle und Schürmann. Diese Vorstellung sei aber falsch, Sammeln sei eine recht schwierige Angelegenheit und genau das wolle die Ausstellung zeigen. Auf der Freundschaftsinsel stellen sich mehrheitlich Künstler mit kleineren Formaten vor. In Charlottenburg finden sich unter anderem Werke von Paul Klee, Wols, Emil Schumacher und Franz Erhard Walther.

Zumeist sind es Tafelbilder. Aber es gibt auch einen Polstersessel. „Der ist sauber, wir haben ihn aufwendig desinfizieren lassen. Alle Mikrokulturen sind wohl tot“, beruhigt eine Mitarbeiterin angesichts des reichlich ramponierten Möbelstücks. Der Sammler Jochen Kienzle hat es auf einer Kunstmesse erstanden. Jetzt zeigt er es in der Ausstellung. Auch eine große amerikanische Zeitung interessierte sich für den Sessel als Kunstgegenstand. Das gründlich demolierte Objet trouvé musste als Beispiel für den grassierenden Sammlerwahn herhalten. Ein Schicksal, das auch schon Flaschentrocknern und Urinoirs widerfahren ist, wenn sie öffentlich zur Schau gestellt wurden.

Allerdings steht der Sessel ja nicht mehr irgendwo auf dem Sperrmüll, wo ihn Rodney McMillian einst hergeholt hat, sondern in einem Ausstellungsraum. Der ist weiß gestrichen und klar gegliedert. Die Ausstellungstücke sind sorgfältig arrangiert und zu einem klangvollen Gesamtensemble vereint. Auf den Kontext kommt es an. Das zerschlissene Möbelstück aus einer mutmaßlich nicht sonderlich begüterten Wohnsituation komplementiert ein Umfeld, in das es sonst nie gelangt wäre. Neben dem Stuhl hängt ein gemalter Blumenstrauß, dahinter ein Bild von Klaus Merkel mit dem Titel „Tiere“. Die sind aber nicht zu erkennen, der Betrachter schaut auf eine grün-orange Fläche. „Ein illusionistischer Körper, der nach und nach alles in sich verschlingt’ – wie ein Tier?“, fragt Gohlke. Der Blumenstrauß auf der rechten Seite, das Tier dahinter. Das Arrangement erinnert an ein Wohnzimmer mit Stillleben und rörendem Hirsch und konterkariert dieses Klischee sogleich, gerade durch den Sessel.

„Familientheater“ ist der Titel der Ausstellung. Kunstwerke seien Sonderlinge, eigenwillige Charaktere, rebellische Störenfriede, sagt Gohlke. „Sie begehren auf, reden am Tisch mit vollem Mund und unterwerfen sich keineswegs der Besitzlust eines Patriarchen“. Der Sammler müsse, wie in einer Familie, mit ihnen leben. Das sei nicht immer spaßig, mache aber nach überstandenem Konflikt auch viel Freude. Genau dies illustriert die Ausstellung auf der Freundschaftsinsel. Weit davon entfernt, hübscher Wandschmuck zu sein, zeigt sich in den Bildern, Objekten und Fotos das Eigenleben der Werke und ihre Eingebundenheit in den Kunstdiskurs einerseits und die Subjektivität des Sammlers andererseits.

„The violent tapes“ ist der Titel einer Fotoserie von David Lamelas. Ein Mann und eine Frau ringen um eine Filmrolle, verfolgen sich durch die Stadt, werden verfolgt. Schließlich liegt die Frau am Boden, reichlich derangiert, die Filmrolle neben ihr. Die kunstvoll arrangierten Fotos erzählen die Geschichte, die vielleicht auch auf das Zelluloid der Filmrolle gebannt ist. Die Bilder sind actiongeladen, aber auch unerklärlich und treffen sich so mit den anderen Werken der Ausstellung. Hinter Glas zeigt Jürgen Brodwolf eine Assemblage aus Blechtuben und feiner Zeichnung. Eine Reihe von Figuren staffelt sich in die Tiefe des Raumes. Zwei Blechtuben kleben wie zwei Mumien auf dem Blatt. Das kafkaeske Bild könnte einem ägyptischen Tempelinneren entnommen sein. Mit reduzierten Mitteln schafft es ein Maximum an Rätselhaftigkeit. Diese beiden eher realistischen Werke stehen neben abstrakten Bildern von Klaus Merkel oder Monika Baer. Auf einer weitgehend grauen Fläche schichtet die Malerin verlaufende Farbspuren, Rudimente abstrakter Formen und Farbspitzer zu einer „Farbwolke mit Mauerwerk“. Zusammen mit Zeichnungen von Josef Krammhöller, Ölmalerei von Michael Krebber und anderen entsteht eine spannungsreiche Ausstellung. Sie zeigt, dass auch sperrige Kunst, die nicht mit illusionistischer Schönfärberei nach dem Publikumsgeschmack schielt, einen starken Auftritt haben kann. Im nachdrücklich arrangierten Familienensemble entsteht ein Chor, der mit anderen Kunstwerken und den Zeitströmungen, denen die Werke entstammen, letztlich einen gemeinsamen Klang findet. Den Ton dazu haben Sammler und Kurator gemeinsam und unbehelligt vom eventorientierten Museumsspektakel gestimmt.

„Familientheater“ noch bis zum 18. November im Pavillon auf der Freundschaftsinsel, dienstags bis sonntags, 12-18 Uhr

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