Kultur : Wahlkampf der anderen Art

Der Satiriker Oliver Maria Schmitt im Waschhaus

Oliver Dietrich

Es ist Wahlkampf, unübersehbar, und auch wenn für einige die Entscheidung bereits gefallen sein soll, wird woanders noch erbittert um Stimmen gestritten. Auch für die aus dem kuriosen Sammelbecken der Satire-Zeitschrift „Titanic“ entstandene Partei „Die Partei“ geht es um politische Veränderungen: Die Partei – ausgeschrieben „Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative“ – gründete sich aus politikinteressierten Menschen, die ziemlich genau wissen, wie Politik funktioniert.

Oliver Maria Schmitt, von 1995 bis 2000 Chefredakteur der „Titanic“, ist so einer, der Politik verinnerlicht hat. Was liegt also näher, als im Selbstversuch in die politische Landschaft einzugreifen? Im Jahr 2012 wagte Schmitt dann den Angriff: Er wollte Oberbürgermeister von Frankfurt am Main werden. Und war dabei gar nicht mal so erfolglos: Immerhin 1,8 Prozent der Stimmen erhielt er mit seinem Programm „9,5 Thesen für Frankfurt – und keine für Offenbach“ und dem schlagkräftigen Argument „Ich brauch den Job!“ sowie Forderungen wie „Frankfurt 21 – das Bankenviertel unter die Erde verlegen“ oder „Mehr kleine und niedliche Tiere für den Frankfurter Zoo“. Seinen steinigen Weg zum Erfolg hat Schmitt in einem Buch mit dem Titel „Mein Wahlkampf“ veröffentlicht – sicherlich ein assoziativer Titel – und am Donnerstagabend im Waschhaus daraus gelesen.

Genauso wie sein mittlerweile bekannterer Kollege Martin Sonneborn, der für „Die Partei“ zurzeit in den Bundestagswahlkampf zieht – es gab tatsächlich die Zulassung mit dem hochpolitischen Slogan „Wählen Sie Die Partei! Sie ist sehr gut.“ - , hat Schmitt das Talent, auf nicht Eingeweihte eine politische Seriosität auszustrahlen. Politik besteht eben größtenteils aus Rhetorik, die Glaubwürdigkeit generieren soll. Seinen Vorteil sieht Schmitt schon in seinem Namen, der seriös genug ist für Politik und bereits von einem gewissen Altkanzler mit Erfolg instrumentalisiert wurde. Über Namen mache man ja keine Witze, referiert Schmitt, wofür sich besonders Personen wie der CDU-Politiker Wilfried Penner sowie der SPD-Mann Rudi Geil starkmachen würden.

Das Prinzip ist ziemlich simpel: Er kopiert den Wahlkampf etablierter Parteien, garniert ihn jedoch mit absurden Forderungen, die er mit seriöser Ausstrahlung zu untermauern versucht. Durch diese inszenierte Ernsthaftigkeit entlarvt er jedoch schonungslos die Funktionsweise des politischen Geschehens – genau das ist jedoch die Aufgabe von Satire: auf die Realität zu referieren.

So stellt sich Schmitt eben in langem Ledermantel, der ihm eine „gestapohafte Fluidität“ verleihe, in die Frankfurter Fußgängerzone, verteilt kalte Bockwürste aus der Dose und freut sich natürlich über die alten Knochen, die ihm seine Stimme versprechen. Und wenn Bockwürste nicht zünden, gibt es eben Freibier. Der Wähler ist einfach gestrickt. Und falls nichts mehr hilft, dann nur noch die „Sonneborn-Strategie“: an der Haustür klingeln, „Scheiß CDU“ rufen und wegrennen. Immerhin, 1,8 Prozent: das beste Wahlergebnis in der Geschichte der „Partei“.

Was Schmitt und Sonneborn gelingt, ist die Verengung der Schnittstelle zwischen Satire und Politik, indem die Erkennungszeichen von Satire minimiert werden. Nicht auszumalen, wenn nun alle Politikverdrossenen und Protestnichtwähler erfahren, dass sie ernsthaft ihr Kreuz am 22. September ganz legal an eine Satirikerpartei setzen können, die „Inhalte überwinden“ propagiert. Schmitt weiß jedenfalls um die Macht der Rhetorik: „Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss“, zitiert er den römischen Staatsmann Cato Censorius, der eine flammende Rede so beendete. Und baut ihn gleich als Schlusswort in seine „Potsdamer Rede“ ein: „Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Werder zerstört werden muss.“ Wohlan! Oliver Dietrich