• "Wagenknecht"-Doku in Potsdam vorgestellt: 300 Stunden Filmmaterial über Sahra

"Wagenknecht"-Doku in Potsdam vorgestellt : 300 Stunden Filmmaterial über Sahra

Mit Pumps auf einer Picknickdecke möchte sie sich nicht sitzen: Die Doku „Wagenknecht“ zeigt den politischen Alltag von Sahra Wagenknecht, der Potsdamer Cutter Jörg Hauschild stellte sie im Filmmuseum vor.

Der Potsdamer Schnittmeister Jörg Hauschild im Filmmuseum.
Der Potsdamer Schnittmeister Jörg Hauschild im Filmmuseum.Foto: Manfred Thomas

Potsdam - Die minimale Enttäuschung war einkalkuliert. Diese kurze Irritation, die man beim Schauen von Sandra Kaudelkas Dokumentation „Wagenknecht“ verspürt. Weil sie – anders als der Titel vermuten lässt – kein biografischer, kein persönlicher Film über die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht ist, sondern ein politischer. Zweieinhalb Jahre lang hat die Regisseurin Wagenknecht begleitet. Während ihrer Zeit im Bundestagswahlkampf 2017 bis zu ihrem Rückzug als Fraktionsvorsitzende der Linken 2019. Reden hat sie eingefangen, Interviews, Ortstermine.

„Es war von Anfang an klar, dass der Film das Leben einer Spitzenpolitikerin darstellen sollte“, sagt Jörg Hauschild am Dienstagabend im Filmmuseum Potsdam. Hier stellte der Potsdamer Schnittmeister den Film im Rahmen der traditionellen Berlinale-Nachlese vor, bis Sonntag ist jeden Tag um 19.30 Uhr ein Film aus der Sektion „Perspektive Deutschland“ zu sehen. Sowohl Hauschild als auch Regisseurin Sandra Kaudelka sei von Anfang an klar gewesen, dass einige Zuschauer vielleicht enttäuscht sein könnten, keinen persönlicheren Film zu sehen. „Aber die Zielstellung war eben eine andere“, sagt der Cutter, der zum festen Team von Andreas Dresen gehört und auch mit der Dokumentar-Regisseurin Annekatrin Hendel bereits zusammenarbeitete. Privatere Szenen seien zwar durchaus gefilmt worden, haben es aber nicht in die Endversion geschafft. „Sahra Wagenknecht wollte auch nicht, dass man ihre Mutter sieht, weiß, wer sie ist“, sagt Hauschild. Überhaupt seien sie und ihr Team bedacht darauf gewesen, nichts zu sagen, „was man ihnen im Mund umdrehen könne“. „Sie waren unglaublich vorsichtig.“

Im Film ist das deutlich spürbar. Wagenknecht verharrt fast immer in ihrem Politikersprech, selbst in Gesprächen während längerer Autofahrten gibt sie kaum etwas von sich preis. Nur kurz sieht man sie in ihrer Wohnung Tee kochen, in einem besonders schönen alltäglichen Moment flicht sie sich die Haare. Die politischen Momente hingegen – und darauf liegt ja der Schwerpunkt – fängt der Film unglaublich spannend ein. Der eng getaktete Wahlkampf, die innerparteilichen Kämpfe der Linken, die Liebe, aber auch den Hass, der ihr von allen Seiten entgegenschlägt. Wie viel Kraft Wagenknecht das alles kostet, ist ihr anzumerken. Mehrmals ist sie schwer erkältet, trotzdem muss es weitergehen – und sie bewahrt Haltung. Nie lässt sie sich gehen, Haare und Outfit sind immer wie aus dem Ei gepellt.

Besonders schön sind diverse skurrile Interview- oder Fotoszenen: Über Kunst im Büro möchte ein Journalist mit rosa Mütze mit Wagenknecht sprechen, das macht sie gerne. Ein Fotograf möchte Wagenknecht beispielsweise vor dem Bundestag auf eine Picknickdecke setzen, sie lehnt freundlich, aber bestimmt ab. Es sei ihr zu unauthentisch in Pumps und kurzem Rock ein Picknick zu mimen. Von einer ähnlichen Situation, die es aber nicht in den Film geschafft hat, erzählt Hauschild am Dienstag: Ein Fotograf hatte sich viel Mühe gegeben, sein ganz in schwarz gehaltenes Setting aufzubauen. „Und dann kam Sahra Wagenknecht und sagte: ,Vor Schwarz lasse ich mich nicht fotografieren’. Eine schöne Szene.“

Sebastian Stielke vom Filmmuseum Potsdam im Gespräch mit Jörg Hauschild (v.l.).
Sebastian Stielke vom Filmmuseum Potsdam im Gespräch mit Jörg Hauschild (v.l.).Foto: Manfred Thomas

Etwa 300 Stunden Material hat Hauschild auf den Tisch bekommen, in intensiven Gesprächen mit Sandra Kaudelka habe er das Material zunächst auf ungefähr elf Stunden minimiert, dann auf zwei Stunden und 45 Minuten. Beim Dreh war Hauschild selbst nicht dabei, das brauchte er auch nicht, um die ganzen Szenen zu überblicken, wie er sagt. „Ich erkenne inzwischen sehr schnell, was am Ende nicht dabei sein wird.“ Manche Beobachtungen seien auch einfach langweilig. Die Endversion umfasst nun 100 Minuten – nach Hauschilds Meinung immer noch zehn Minuten zu viel.

Tatsächlich hat der Film ein paar Längen, spannend ist er trotzdem. Als Zeitdokument, das auch den Aufstieg der AfD dokumentiert und Einblick in einen Berufsalltag gibt, der vielen sonst verschlossen bliebe. 

>>Regisseurin Sandra Kaudelka und Editor Jörg Hauschild stellen den Film am 12. März um 18.45 Uhr im Thalia-Kino vor


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