Kultur : Wäsche waschen in Europa

Hans-Christian Schmid präsentierte neuen Film

Astrid Priebs-Tröger

Ein Zeitungsartikel in der Süddeutschen Zeitung und die Frage „Was wissen wir eigentlich über unsere Nachbarn?“ inspirierten den Regisseur Hans-Christian Schmid, den Dokumentarfilm „Die wundersame Welt der Waschkraft“ zu drehen. Am Dienstagabend präsentierte Schmid, der sich vor allem mit Spielfilmen wie „Lichter“ oder „Requiem“ einen Namen machte, seinen abendfüllenden Streifen noch vor dem offiziellen Kinostart im Potsdamer Filmmuseum.

Ganz am Anfang sieht man adrette Stubenmädchen in schicken Berliner Hotels die Betten beziehen. Jeden Tag fallen dort Unmengen an schmutziger Wäsche an. Doch kaum jemand hat sich wohl bisher Gedanken darüber gemacht, wo und von wem diese Textilien gereinigt werden. In der Welt des globalisierten Kapitalismus ist das aber eine wichtige Frage, die schon kurz nach der Wende findige Geschäftsleute auf den Plan rief. Die bauten eine Stunde von der deutschen Hauptstadt entfernt eine Großwäscherei, in der vor allem Frauen, rund um die Uhr, an sieben Tagen die Woche sowie an allen Feiertagen „unsere“ Wäsche – täglich sieben Tonnen – waschen.

Wohlgemerkt polnische Frauen, die dafür im Durchschnitt 300 Euro im Monat verdienen, wie der Regisseur danach im Filmgespräch sagte. Denn im Film selbst wird diese Summe nicht genannt. Schmid zeigt kommentarlos den Alltag von zwei Familien. Er lässt die Protagonisten über ihre Träume und Wünsche reden und blickt der Realität ungeschminkt ins Gesicht. Er zeigt, wie sehr die ungeliebte, aber lebensnotwendige Arbeit das Leben der Frauen und ihrer Familien bestimmt. Lässt die Frauen sagen, wie wenig Zeit sie für ihre Kinder und Männer haben, wie kaputt sie nach der körperlich anstrengenden Plackerei sind und dass sie sich wenigstens am Feierabend nach Ruhe sehnen.

Je länger der Zuschauer das hört und sieht, desto beklommener wird ihm zumute. Schmid wird nicht polemisch, er klagt nicht an, sondern er zeigt einfach, wie es ist. Das Wort „Ausbeutung“ will er selbst auf Nachfrage aus dem Publikum nur ungern in den Mund nehmen. Aber wahrscheinlich bezieht der Film gerade aus dieser objektiven Distanz seine nachdrückliche Wirkung. Er zeigt, nicht nur am Schluss, wie sehr diese globalisierte Arbeitswelt auch von uns Besitz ergriffen hat. Denn Beata, Monika und Marta haben kaum eine andere Möglichkeit. Sie sind froh, überhaupt einen Job gefunden zu haben, der ihnen das Überleben sichert. Wünsche nach einem besseren Leben werden da schnell an die eigenen Kinder delegiert, denen man vor allem mittels guter Schulbildung größere Chancen verspricht.

Wie sehr sie sich auch darin täuschen könnten, weiß nicht nur der hiesige Kinobesucher. Der Film, der an einigen Stellen Längen hat, schafft es, durch seine unaufgeregte Authentizität eine große Nähe zu den Protagonisten herzustellen. Er wirkt, wie die Moderatorin des Abends sagte, wie eine nicht verfilmte Episode aus Schmids preisgekrönter Ost-West-Milieustudie „Lichter“. Im Vordergrund steht nicht, wie oft in Dokumentarfilmen, die Vermittlung von harten Fakten, sondern er lässt einen auch durch seine einfühlsame Kameraführung (Bogumil Godfrejów) deutlich spüren, wie sich prekäre Verhältnisse unmittelbar vor unserer eigenen Haustür anfühlen. Astrid Priebs-Tröger

Kinostart ist am 7. Mai.

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