Kultur : Wachse oder weiche

Deutschlandpremiere und Gespräch: „Bauer unser“ im Filmmuseum Potsdam

Astrid Priebs-Tröger

Der Filmtitel „Bauer unser“ klingt wie Vaterunser. Und dies sei auch gewollt, sagte Regisseur Robert Schabus, der zur Deutschlandpremiere seines gleichnamigen Filmes am Donnerstagabend im Filmmuseum zu Gast war. Denn Bauer sei einer der wichtigsten Berufe, und da Schabus selbst auf einem Hof in Kärnten groß geworden ist, wollte er zeigen, was mit der grenzenlosen Wachstumslogik in der österreichischen Landwirtschaft – sie steht exemplarisch für Europa – in den vergangenen 40 bis 50 Jahren angerichtet wurde und nach wie vor wird.

„Wachse oder weiche!“ – dieser Slogan wird an mehreren Beispielen in Österreich gezeigt. Schabus spricht mit konventionellen und (Bio-)Landwirten, die Schweine, Hühner oder Kühe halten. Und er setzt bei diesen Protagonisten keine ideologische Brille auf, sondern lässt alle gleichberechtigt zu Wort kommen und den systemimmanenten Mechanismus der immer schnelleren, intensiveren und (scheinbar) kostengünstigeren Produktionsabläufe darstellen.

Doch es sind konventionell arbeitende Schweinebauern, die erklären, dass sie mit ihrer Arbeit eigentlich nichts (mehr) verdienen, sondern pro schlachtreifem Tier bis zu zehn Euro draufzahlen. Auch von Schulden und Landflucht ist immer wieder die Rede. Das insgesamt desaströse Bild, das der Film zeichnet, wird von Benedikt Haerlin, der am Weltagrarbericht von UN und Weltbank 2008 mitwirkte, durch Kommentare zur Weltlage ins Verhältnis gesetzt.

Haerlin war ebenfalls zu Gast im Filmmuseum. Er ist Gründer der Berliner Zukunftsstiftung Landwirtschaft und zeigte im anschließenden Filmgespräch auf, wie alles mit allem zusammenhängt. Er sagte auch, dass der Großteil der landwirtschaftlichen Produkte weltweit durch Betriebe erzeugt wird, die weniger als zwei Hektar bewirtschaften. In Deutschland (und Europa) nimmt jedoch der Trend zu immer größeren Flächen weiter zu, während die Zahl der Landwirte abnimmt.

Dass es Tieren, Böden und den Menschen mit dieser Intensivierung nicht gutgeht, wurde, je länger man schaute und zuhörte, mehr als deutlich. Denn obwohl einem die vielen Zahlen und Fakten nur so im Hirn schwirrten, sah man auch in die Gesichter der Menschen und verstand, dass selbst bei denen, die den Gewinnversprechen getraut haben, die Zweifel an der Machbarkeit wachsen.

Zum Glück hat der Regisseur Robert Schabus auch Landwirte gefunden, die andere Wege gehen. Da ist dieses Ehepaar, das ohne Kredit auskommt und einen Betrieb mit Schafen, Getreide, Wein- und Gemüseanbau unterhält. Die Bilder der industriellen Fleischfabriken, die den Film durchziehen, könnten in keinem größeren Gegensatz stehen als zu den Szenen der Hausschlachtung, die dort ohne teure Gerätschaften und mit so etwas wie Demut dem Sterben gegenüber bewerkstelligt wird.

Und wenn man glaubt, dies sei alles Ökospinnerei und niemals dazu geeignet, die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren, muss man sich von den Fakten des Weltagrarberichtes eines Besseren belehren lassen. Denn über 80 Prozent der Weltlandwirtschaftsprodukte stammen aus Kleinbetrieben. Und wenn diese vorwiegend Gemüse und Getreide anbauen, ziehen sie zudem für die menschliche Ernährung mehr verwertbare Kalorien aus ihrem Land als die hochintensivierte Landwirtschaft. Das Schlussbild des Filmes eines regionalen Bauernmarktstandes tat zudem auch der Seele gut.

Astrid Priebs-Tröger

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