• Vortreffliche Ariadne eines Lutheraners

Kultur : Vortreffliche Ariadne eines Lutheraners

„I Confidenti“ bereitet ein selten gespieltes Melodram von Georg Anton Benda zur Aufführung vor

Ein Mann verlässt eine Frau. Auch umgekehrt ist es denkbar. Ihre gemeinsame Zeit scheint abgelaufen, was sie einander band, ist verbraucht. So etwas ist alt und alltäglich. Wir haben uns daran gewöhnt, Trennungsgeschichten als Normalität anzusehen. Doch bleiben nach jedem Glück, das plötzlich vorbei sein soll, Fragen. Eine der berühmtesten Frauen des Altertums, die – soweit wir wissen – von einem Mann ohne Angabe von Gründen verlassen wird, ist Ariadne. Während einer Ruhepause, die das Paar auf der Reise nach Athen auf der Insel Naxos einlegt, verlässt Theseus seine Partnerin heimlich.

Die Geschichte von der betrogenen Ariadne wird im Mittelpunkt des diesjährigen Barocken Theatersommers stehen. Das Potsdamer Ensemble für mobiles Musiktheater „I Confidenti“, das unter der künstlerischen und organisatorischen Leitung von Christine Jaschinsky arbeitet, zeigt seit 2002 alljährlich mindestens ein Stück, mit dem es durch die Lande tourt. In der Landeshauptstadt gastierte „I Confidenti“ stets im Schlosstheater im Neuen Palais. Seit zwei Jahren muss es sich einer Sanierung unterziehen. Somit gibt das Ensemble in der historischen Schinkelhalle in der Schiffbauergasse Vorstellungen. In diesem Jahr spielt es „Ariadne auf Naxos“. Aus den zahlreichen Vertonungen des Mythos, die im Laufe der Musikgeschichte entstanden sind, wählte das Theater das Melodram von Georg Anton Benda von 1775 aus.

Der Violinist Benda war zunächst wie seine Brüder Joseph, Franz und Johann Georg in der Hofkapelle Friedrichs des Großen tätig. Nach seiner Übersiedlung im Jahre 1750 nach Gotha diente er dem Herzog Friedrich III von Sachsen-Gotha-Altenburg und nach dessen Tod Ernst II. als Musiker. Zunächst komponierte er für den Hof fast ausschließlich nur Kirchenmusik, später konnte er auch weltliche Werke in der Öffentlichkeit präsentieren. Melodram-Anregungen erhielt Benda von dem französischen Philosophen und Komponisten Jean-Jacques Rousseau, der diese Gattung kreierte. Das Melodram kam für eine gewisse Zeit in Mode. Auch Wolfgang Amadeus Mozart war von ihm fasziniert, wie aus einem Brief im November 1778 an seinen Vater hervorgeht: „Sie wissen wohl, dass da nicht gesungen, sondern declamirt wird – und die Musique wie ein obligirtes Recitativ ist –, bisweilen wird auch unter der Musique gesprochen, welches dann die herrlichste Wirkung thut; – was ich gesehen, war Medea von Benda; er hat noch eine gemacht, Ariadne auf Naxos, beide wahrhaft fürtrefflich. Sie wissen, dass Benda unter den lutherischen Kapellmeistern immer mein Liebling war; ich liebe diese zwey Werke so, dass ich sie bey mir führe.“ Für den Musikschriftsteller und Zeitgenossen des Komponisten, Christian Friedrich Daniel Schubart, war Benda „einer der ersten Tonsetzer, die jemals gelebt haben – einer der Epochenmacher unsrer Zeit“.

Den Text für das Libretto schrieb der Mannheimer Schauspieler und Librettist Johann Christian Brandes, der vor allem daran dachte, seiner Frau, einer Schauspielerin, eine tolle Rolle zu verschaffen, die sich nach seiner Ansicht „durch natürliche Talente und Studium in ihrer Kunst zu dem Range einer beyfallswürdigen Schauspielerin empor geschwungen hatte“. In der aktuellen Inszenierung, die für die Schinkelhalle vorbereitet wird, spielt Alexandra Broneske die Titelrolle. Die Berliner Schauspielerin und Mezzosopranistin ist seit mehreren Jahren mit „I Confidenti“ verbunden. Mit Erfolg verkörperte sie die preußische Dichterin Anna Louise Karschin, Verehrerin Friedrichs des Großen, in dem literarisch-musikalischen Stück „Oh, meine Phantasie ist heftig“. Als weitere Darsteller sind Michael Günther und Steffen Findeisen angekündigt. Das Streichquartett Quatour Voltaire wird unter der Leitung von Konzertmeister Wolfgang Hasleder die Partitur von Georg Anton Benda zu Gehör bringen und den Darstellern eine musikalische Basis liefern.

Die Regie zu dem Bühnenbild und den Kostümen von Christine Jaschinsky ist Jürgen Hinz übertragen worden. Der Regisseur wird nach mehr als zwei Jahrzehnten erstmals wieder ein Stück szenisch einrichten. Zu DDR-Zeiten hat er an verschiedenen Theatern zahlreiche Opern inszeniert, beispielsweise in Senftenberg, Greifswald oder in Stendal. Nach der politischen Wende 1989/90, so meinte Hinz, habe er als Regisseur keinen Marktwert mehr gehabt. Im brandenburgischen Kulturministerium kümmerte er sich bis vor Kurzem um den fortwährenden Bestand und die Förderung der Theater des Landes Brandenburg. Traurig möchte der Regisseur, der das Stück hinterfragen will, die Zuschauer nicht aus der Vorstellung entlassen. Bei dem Goethe-Zeitgenossen August von Kotzebue fand er eine bissige Parodie auf den damals verbreiteten Ariadne-Theater-Kult. Diesen wird er in seine Inszenierung mit einbauen, sodass es ein weinendes und ein lachendes Auge geben wird. Klaus Büstrin

„Ariadne auf Naxos“ in der Schinkelhalle, Schiffbauergasse, am 3., 12. und 13. September. Der Ticketverkauf hat bereits begonnen: Karten unter Tel.: (0331) 2840 284 sowie www.ticketeria.de

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