Kultur : Von Tätern zu Opfern

Das Bild der Deutschen im tschechoslowakischen Spielfilm

Astrid Priebs-TrögerD

Es war ein ambitioniertes Programm, das das Deutsche Kulturforum östliches Europa im Filmmuseum präsentierte. Unter dem Titel „Anziehung und Distanz“ wurden Filme gezeigt, die das Verhältnis von Tschechen und Deutschen thematisieren. Welchen Veränderungen das Bild der Deutschen im tschechoslowakischen Spielfilm nach 1945 unterworfen war, stand im Mittelpunkt eines Vortrages von Petr Koura aus Prag, den er zum Abschluss der Reihe am Montagabend im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte hielt.

Der Zweite Weltkrieg ist eines der Hauptthemen der tschechoslowakischen Kinematografie nach 1945. Über einhundert abendfüllende Spielfilme, Koura nannte sie „Okkupationsfilme“, wurden gedreht. In den meisten von ihnen wird der „typische“ Deutsche als fanatischer Nazi, der vor keiner Grausamkeit zurückschreckt, gezeigt. In Streifen wie „Herrenvolk“ oder „Männer ohne Flügel“ aus den ersten Nachkriegsjahren werden der Krieg als Kampf zwischen Gut und Böse und die Deutschen als Verkörperung dessen ziemlich eindimensional dargestellt. Ging es doch zu dieser Zeit vor allem auch darum, die Vertreibung der sudetendeutschen Bevölkerung zu rechtfertigen. Dieses Bild des fanatischen und geradezu dämonischen Deutschen kann man bis heute in Spielfilmproduktionen des Nachbarlandes finden.

Als Paradebeispiel kommunistischer Propaganda präsentierte der Historiker den Streifen „Reportage unterm dem Strang geschrieben“, nach dem Buch von Julius Fucik, der in den 60er Jahren nicht nur in der Tschechoslowakei eine Verbreitung wie der „Schwejk“ erreichte. Aus ganz anderer, nämlich komisch-satirischer Perspektive, wurde die Okkupationszeit in der Verwechslungskomödie „Keiner weiß was“ und in dem Animationsfilm „Federmann und die SS“ dargestellt. Die Nazis wurden darin der Lächerlichkeit preisgegeben; doch diese Art der Darstellung fand bereits 1948 ein Ende und wurde erst nach 1989 wiederbelebt.

Der Film „Jahrgang 21“, der nach der kommunistischen Machtübernahme erstmals in Koproduktion mit Babelsberg gedreht wurde, markiert einen ersten Wendepunkt. Er kann als Versuch einer tschechisch-deutschen Versöhnung angesehen werden und zeigt neben fanatischen Nazis auch antifaschistische Deutsche. Das Zusammenwirken von Widerstandskämpfern beider Länder findet ebenfalls erst seit dieser Zeit Eingang in die Filme. Allerdings wird in den 50er und 60er Jahren weiterhin an der Verfestigung des negativen Bildes der Sudetendeutschen gearbeitet und Stereotype, wie gute Deutsche sind Österreicher und schlechte sind Sudetendeutsche, immer wieder bedient.

Erst Filme wie „Adelheid“ von 1969, der auch im Programm gezeigt wurde, brechen mit diesen Schwarz-Weiß-Malereien. Nachgerade eine Umkehrung findet im „Wagen nach Wien“ statt. Der Film, der nach einem Buch von Jan Procházka, einem der populärsten Politiker des Prager Frühlings entstand, gipfelt in der brutalen Quälerei eines jungen Deutschen durch tschechische Partisanen und der Vergewaltigung seiner tschechischen Freundin durch ihre eigenen Landsleute. Doch dieser frühe Vorstoß wurde bald durch die Zensur verboten und erst nach 1989 gab es Filme, die sich Themen öffneten, die bis dahin tabuisiert wurden, wie beispielsweise die brutale sexualisierte Gewalt an der weiblichen deutschen Zivilbevölkerung. Koura präsentierte in seinem fakten- und kenntnisreichen, teilweise akustisch schwer verständlichem Vortrag, mehrere prägnante Filmausschnitte und belegte damit nachdrücklich seine Thesen. Allerdings hätte man sich so einen Überblick eher am Beginn der Filmreihe gewünscht. Astrid Priebs-Tröger