• Von Lena Schneider: Gestern habe ich noch getanzt

Von Lena Schneider : Gestern habe ich noch getanzt

Ein Glücksgriff: Sascha Hawemann inszeniert „Die Aeneis“ als discogetränktes Flüchtlingsdrama

Fast ohne Pause in Bewegung: Studierende der Babelsberger Filmhochschule spielen in Hawemanns Inszenierung „Aeneis“.
Fast ohne Pause in Bewegung: Studierende der Babelsberger Filmhochschule spielen in Hawemanns Inszenierung „Aeneis“.Foto: HOT/HL Böhme

Man kann die „Aeneis“ als Heldengeschichte erzählen: Aeneas, einer der stärksten Krieger Trojas, Sohn der Aphrodite, entflieht der brennenden Stadt, den Vater auf dem Rücken, überquert Meere und Länder, ringt mit Göttern und Monstern, reist in die Hölle und zurück und lässt sich schließlich nieder, wo Rom entstehen wird. Hartnäckigkeit und Stärke siegen – und herauskommen die von Entbehrung gestählten Grundfesten eines neuen Staates. So ungefähr hat Vergil das vor 2000 Jahren aufgeschrieben und damit einen der Gründungsmythen Roms verewigt. Eine Erfolgsstory.

Man kann die „Aeneis“ auch anders erzählen. Als Geschichte eines aus der Heimat Vertriebenen, von Grenze zu Grenze Hetzenden. Eine Migrationsgeschichte, in der es keine Helden, nur Flüchtlinge gibt. Keinen schützenden Vater Staat, nur verschlossene Türen. Keine göttergestützte Kraft, nur menschliche Schwäche. Der franco-kanadische Autor Olivier Kemeid (Jahrgang 1975) erzählt in seiner „Aeneis“ genau davon. Vergils Heldenepos hat er konsequent auf seinen Kern als Flüchtlingsdrama verschlankt, den Versen eine knappe, schnörkellose, poetische Sprache gegeben und damit in Karlsruhe bereits einen Preis gewonnen. Dass das Hans Otto Theater nun die deutschsprachige Erstaufführung zeigt, ist ein Glücksgriff. Dass Sascha Hawemann sie inszeniert auch.

Hawemann, der Ende der Neunziger am HOT bereits Hausregisseur war und unter Tobias Wellemeyer mehrfach in Magdeburg inszenierte, zeigt Aeneas und die Seinen als nonstop Rennende, Fallende, Weiterstolpernde. Keine vom Krieg Zerrütteten sind die Trojaner hier, sondern ein heutiges, lebens- und partyhungriges Volk, das tanzt, bis Bomben lauter hämmern als die Disco-Beats. Die Party ist vorbei, die Flucht beginnt, kopflos, überstürzt, schneller als sie es begreifen können. „Gestern habe ich noch getanzt“, sagt Aeneas einmal, fassungslos. Die acht Studierenden der Babelsberger Hochschule für Film und Fernsehen auf der Bühne (3. Studienjahr) geben in den kommenden gut zwei Stunden alles, sind von der ersten bis zur letzten Sekunde fast ohne Pause in Bewegung – auf der Stelle rennend, über die Bühne fegend, rollend, tanzend, vorangepeitscht von einem über allem ausgerollten Musikteppich aus Discobeats, Folklorefetzen, Bluesnummern und wieder Discobeats. Unerträglich? Ja, auch – aber nur bis der Abend seinen Sog entfaltet, und das tut er bald, den Sog einer unaufhaltbar voran bretternden Handlung, der das Nie-Innehaltende der Figuren fast körperlich spürbar macht und die Sehnsucht von Aeneas nach Ankunft und neuer Heimat vermischt mit der des Zuschauers, dieser Musik-und-Tempo-Rausch möge so bald nicht zu Ende gehen.

Woher soll Ruhe, Mäßigung auch kommen in einem Stück, das von Rastlosigkeit erzählt? Für betuliche Einfühlung bleibt hier keine Zeit. Vieles lässt Hawemann chorisch sprechen, rufen, wiederholen, und zeigt damit auch, wie nah Komisches und Tragisches oft beieinander liegen. Aeneas erkennt man an dem Namen auf seinem T-Shirt: er ist ein Typ, „der Suchende“ – genauso wie sein Freund Achates (Sebastian Schlecht und Eric Klotzsch), „der Kämpfende“. Die Handlung rast vorüber: Eben flieht Aeneas (anfangs gespielt von Akhtarjan Saidi) noch mit Frau, Vater, Kind aus der brennenden Stadt, dann bleibt seine Frau Creusa (Leoni Schulz) schon auf der Strecke, strandet er mit einer kleinen Gruppe von Anhängern (wer sind die eigentlich? – egal) als boat people auf einer Ferieninsel. Wieder ein Schiff, ein Sturm, dann ein Auffanglager, wo Aeneas Elissa kennenlernt. Stehlampe, Chipstüte, fertig die vorübergehende Heimeligkeit der beiden. Sie wird, wie alles hier, nicht dauern.

Mit Elissa (herausragend: Juliane Götz) erzählt Autor Kemeid exemplarisch, worum es seiner „Aeneis“ auch geht: den Blick für den eigenen Umgang mit „Fremden“ zu schärfen. So sehen wir Elissa mit den bürokratischen Hürden einer Einwanderungsbehörde ringen: drei mit grellen Perücken und Partyhütchen aufgedonnerte Beamtinnen, die offensichtlich nichts von dem Schicksal verstehen, über das sie urteilen sollen. In der Lachhaftigkeit dieser Figuren bezieht die Inszenierung bedingungslos Position für die Migrantin; sie zeigt, wie willkürlich Einwanderungsbehörden oft entscheiden. Nur wenn der Fall politisch liege, erklärt man Elissa, habe sie ein Recht zu bleiben. Woraufhin sie zurückfragt, ungläubig, erschöpft, entwaffnend: „Wann liegt er nicht politisch?“

Dass Hawemann es schafft, bei allem Klamauk, aller betäubenden Partyhaftigkeit seiner Inszenierung diese Fragen dennoch klar und ernsthaft an die Zuschauer weiterzureichen, ist beeindruckend. Selten gibt es sie übrigens doch, die von Protagonisten wie Zuschauern gleichermaßen ersehnten Verschnaufpausen. Wenn Elissa, sich aus Verzweiflung darüber, dass Aeneas sie wieder verlässt, selbst in Flammen steckt etwa. Aber Zeit für Mitleid ist nicht, die Reise geht weiter ins nächste Lied, Aeneas, inzwischen vom Darsteller seines verstorbenen Vaters (Alexander Kasprik) gespielt, hetzt zur nächsten Etappe. Am Ende landet er bei einer neuen Partygemeinde, die zum Tanz lockt. Aber ist das wirklich das Ziel der Reise?

Dieser letzte Moment, es ist der trostloseste des Abends: Aeneas, ratlos verharrend, ist endlich irgendwo angekommen – aber wonach er eigentlich suchte, scheint er vergessen zu haben.

Die nächste Vorstellung ist am 12. November um 19.30 Uhr in der Reithalle A, Schiffbauergasse.

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