• Von Klaus Büstrin: Maler, Schauspieler, Diakonissen

Von Klaus Büstrin : Maler, Schauspieler, Diakonissen

Erinnerungen auf dem Goethe-Friedhof in Babelsberg / Ein ganz persönlicher Spaziergang

Ort freundlicher Anekdoten. Der Goethe-Friedhof in Babelsberg.
Ort freundlicher Anekdoten. Der Goethe-Friedhof in Babelsberg.Foto: Andreas Klaer

Ein Fall von Vandalismus gab den Ausschlag. Kurz nachdem die Engelsstatue auf dem Grab der Familie Joop in Bornstedt beschädigt wurde, machten sich die PNN auf die Suche nach dem Besonderen auf Potsdamer Friedhöfen und den Geschichten, die sie noch heute von den Menschen erzählen. Nach dem Bornstedter Friedhof (26. Juli) und dem Alten Friedhof in Bornim (5. August) folgt nun der Goethe-Friedhof in Babelsberg.

Mit Goethe hat der Goethe-Friedhof nichts zu tun. Absolut nichts. Da er sich aber an der Goethestraße in Babelsberg befindet, hat er den Namen des deutschen Nationaldichters kurzum geerbt. An dessen Wirken wird man hier jedoch nicht erinnert. Jedenfalls fand ich auf keinem Grabstein einen feierlichen Vers Goethes.

An diesem Vormittag gilt die Suche aber nicht den Goethe-Sprüchen, sondern der Grabstätte des Potsdamer Künstlers Hubert Globisch, dessen sterbliche Überreste hier vor sechs Jahren beigesetzt wurden. Man glaubt sich zu erinnern, wo seine Urne in die Erde gesenkt wurde. Doch es beginnt ein Abschreiten von Gedenkstein zu Gedenkstein. Nichts. Auch kein Mitarbeiter, der einem bei der Suche weiter helfen könnte. Das Friedhofsbüro ist verzogen. So gebe ich zunächst das Nachforschen in Sachen Globisch auf, entdecke aber die Gräber des ehemaligen Ärztlichen Direktors des Potsdamer Klinikums Professor Hans Röding, gestorben 1998, und des Dichters und Astronomen Bruno H. Bürgel, der 1948 das Zeitliche segnete. Auch das Grab einer Potsdamer Schauspielerfamilie, nämlich von Otto Krieg-Helbig, gestorben 1976, seiner Frau Ursula, gestorben 2007, die Schauspielerin und Malerin war, sowie des Sohnes Peter, der 1983 bereits mit 36 Jahren starb. Auch er war Schauspieler, vor allem beim Fernsehen.

Otto Krieg-Helbigs Namen ist auf dem Gedenkstein nur mit den Anfangsbuchstaben zu lesen: OKH. Zahlreiche Erinnerungen an den kraftvollen wie sensiblen Schauspieler werden wach, der am Hans Otto Theater von 1956 bis 1966 engagiert war. Vor allem mit dem Tournee Ensemble reiste er in die abgelegensten Städtchen und Dörfer der Mark Brandenburg und Mecklenburgs, um kulturhungrigen Menschen in Kulturhäusern und Gasthöfen Theater zu bringen. Zu seinen großen Rollen gehörten der Nathan, der Dorfrichter Adam, der „Eingebildete Kranke“ oder der Kaspar Bernauer in „Die Bernauerin“ von Carl Orff. Mit Achtundsechzig nahm er Abschied vom Theater, blieb aber seinem Schauspielerberuf treu und wurde immer wieder für Aufgaben bei der DEFA und beim Fernsehen vor die Kamera geholt, zumeist für kleine Charakterrollen.

An Otto Krieg-Helbig werden sich nur wenige Menschen erinnern, an Ilse Werner, deren Todestag sich im August zum fünften Mal jährte, mit Sicherheit mehr. Die Schauspielerin, Sängerin und Kunstpfeiferin war eine gefragte Darstellerin in Ufa-Filmen aus der Zeit des Dritten Reiches. Ein Star. „Wir machen Musik“, so hieß einer ihrer großen Filmerfolge, der von Helmut Käutner 1942 gedreht wurde. Nach dem Krieg konnte Ilse Werner nicht mehr an ihre Ufa-Erfolge anknüpfen. Ihr großer Wunsch, in Babelsberg, wo sie wohl die schönsten Berufsjahre erlebte, beigesetzt zu werden, ging in Erfüllung. Auf dem Grabstein finden wir die Worte: „Wir machen Musik“. Zwei weibliche Fans stellten einen Porzellanteller an den Stein. Darauf steht: „In ewig bleibender Erinnerung an das große Talent und die unverwechselbare Künstlerin“.

Gleich neben Ilse Werner befindet sich das Grab von Werner Nerlich, gestorben 1999. Der Maler und Grafiker, der zum Ehrenbürger Potsdams ernannt wurde, wohnte jahrzehntelang in Bornim. Doch Babelsberg sah er immer als seine Heimat an. Sein Elternhaus stand gegenüber vom Goethe-Friedhof. Hier wollte er zur letzten Ruhe kommen. Nach dem Abschluss seines Kunststudiums in Berlin wurde er 1939 zum Militärdienst einberufen. 1943 wechselte er im Kessel von Stalingrad auf die Seite der Roten Armee. Er war für das Nationalkomitee Freies Deutschland im Fronteinsatz. Ein baldiges Ende des Krieges, kein Blutvergießen mehr, ein demokratisches Deutschland – das strebte auch Werner Nerlich an. In der DDR hatte er von 1955 bis 1973 die Leitung der Fachhochschule für Werbung und Gestaltung Berlin und der Außenstelle in Potsdam inne. Nach seiner Pensionierung konnte er sich endlich ganz und gar der Malerei widmen. Viele seiner Bilder entstanden an der Ostsee. Sie leben von einer dichten Atmosphäre und farblichem Nuancenreichtum.

Ein bewegtes Leben hatte auch der 2006 verschiedene Historiker Wolfgang Ruge zu durchmessen. Hier auf dem Babelsberger Friedhof ist die Urne mit seiner Asche beigesetzt. Ruge wuchs in einem kommunistischen Elternhaus auf. Als die Nazis an die Macht kamen, mussten er und seine Familie flüchten. Sie gingen in die Sowjetunion. Dort wurde sein Bruder verhaftet und der Vater an das faschistische Deutschland ausgeliefert. Ruge kam als Zwangsarbeiter zum Holzfällen nach Sibirien. Dort konnte er aber 1948 unter Umgehung des Verbannungsregimes ein Fernstudium der Geschichte in Swerdlowsk absolvieren. 1956 kehrte er in die DDR zurück, weil er den Glauben an den Sozialismus nicht verlor und ihn in der DDR gut aufgehoben sah. Als Historiker wurde er auf seinem Spezialgebiet Weimarer Republik weithin eine Kapazität.

Weit entfernt vom Heldentum und Ruhm waren die Diakonissen des Oberlinhauses. Auf dem Goethe-Friedhof haben sie eine gemeinsame Grablege. Ihr Einssein im Geiste präsentiert hier auch die Gleichheit in der Gestaltung der Grabkreuze aus Sandstein. Der Dienst der Schwestern galt ausschließlich Gott und den Menschen – Nächstenliebe als über allem stehende Aufgabe. Im Oberlinhaus war es die Arbeit mit behinderten Menschen, vor allen Taubblinden, sowie den Kranken in der Klinik. Inmitten ihrer Schwestern ruht auch die erste Oberin Thusnelda von Saldern, gestorben 1912. Damals wirkten an der Einrichtung noch 188 Diakonissen. Auch die anderen Oberinnen wie die 1976 gestorbene Johanna Hochbaum oder Huberta Müller, gestorben 2002, sowie die Vorsteher Theodor Hoppe, gestorben 1934, Reinhard Kleinau, gestorben 1974, und Eckard Beyer, gestorben 1963, sind hier begraben.

Freundliche Anekdoten erzählt man sich noch heute über die Diakonissen. So mussten die von der 1986 gestorbenen Schwester Käthe Loest streng behüteten Schwesternhelferinnen, die im Wohnheim lebten, vor einem Kinobesuch das Programm vorlegen und sich die Genehmigung zum Anschauen des Films einholen. Bei „My Fair Lady“ schloss sie sich aber zum Erstaunen der Mädchen der Gruppe an. Charlotte Klein, deren Sterbedatum auf dem Gedenkstein nicht zu entziffern ist, war Gemeindeschwester des Oberlinhauses in Bornstedt. Als in den fünfziger Jahren der neue Pfarrer seinen Dienst antrat, machte sie ihm unverständlich klar, wer in der Kirchengemeinde das Sagen hat: „Das müssen Sie wissen: Ick bin hier die Seele vons Butterjeschäft.“ Punkt. Mit eigenen Gedanken über Charlotte Klein, die mir als Kind nach einem fröhlichen Streich eine Ohrfeige verpasste, verabschiede ich mich von den Schwestern. Und Hubert Globischs Grab? Nach ihm werde ich wohl weiter suchen müssen. Aber in der Erinnerung und vor allem in seiner Kunst lebt er weiter.

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