• Von Jana Haase: Das Ich im Container

Von Jana Haase : Das Ich im Container

Potsdamer Künstler im Dialog: Morgen eröffnet im Schirrhof die Ausstellung „Dialog + 3“

Raumgreifend. Ellinor Euler bemalte Klon-Skulpturen von Marcus Golter (l.). Ihre Muster-Bilder erinnern an Illustrationen aus dem Physikbuch. Foto/Repro: Gunter Lepowski/PNN
Raumgreifend. Ellinor Euler bemalte Klon-Skulpturen von Marcus Golter (l.). Ihre Muster-Bilder erinnern an Illustrationen aus dem...

Kunst und Container, an diese Liaison wird sich die Potsdamer Kulturszene gewöhnen müssen. Auf dem Schirrhof jedenfalls, dem steinernen Herzen der schick sanierten Schiffbauergasse, haben sich drei neue Exemplare breit gemacht. Richtig neu sind sie nicht, sondern rostig, die graue und schmutzigbraune Farbe ist an etlichen Stellen abgeplatzt, genau wie bei den zwei schon etablierten Kunst-Club-Containern mit der „Temporary Art Zone“ des Trollwerk e.V. direkt gegenüber. Wie viele Kilometer diese Container in ihrem früheren Leben über Flüsse oder Meere geschippert wurden, welche Häfen sie gesehen und welche Frachten getragen, darüber kann der Besucher nur spekulieren. Die aktuelle Ladung dagegen ist ab morgen zu besichtigen.

Drei Potsdamer Künstler lässt Kuratorin Isolde Nagel vom Kunstverein A Trans in den drei Eisenmonstern auf dem Schirrhof aufeinander treffen. „Dialog + 3“ heißt der Titel der Ausstellung – und ist ganz wörtlich zu verstehen. Denn die Fotocollagen von Birgit Borggrebe, die Zeichnungen von Ellinor Euler und die Skulpturen von Marcus Golter werden nicht einfach nur zusammen ausgestellt. Sie sind auch im Dialog entstanden, wie die Künstler gestern bei einem Rundgang mit Journalisten berichteten.

Besonders sinnfällig wird das im mittleren der drei Container-Räume. Hier haben sich die scheinbar organischen Zellstrukturen abgeschauten Minimal-Muster von Ellionor Eulers fünf großformatigen Arbeiten auch auf die im Zentrum des Containers platzierte weiße Polymerstuck-Skulptur von Marcus Golter ausgebreitet: wie Moos wuchern die kleinen schwarzen Bläschen über die Reihe von immergleichen menschlichen Köpfen aus weißem Polymergips, die der gebürtige Stuttgarter zu Zwölferpacks übereinandergestapelt hat, als sollten sie verschickt werden und seien dann doch vergessen worden.

„Ellinor Euler hat tagelang bei mir im Atelier gemalt“, sagt Marcus Golter. Der künstlerische Dialog führte in diesem Fall an die Schnittstelle zwischen Individualität und Konformität. Golters Köpfe sind Teil seiner Serie „Klone“, Eulers Muster-Bilder, für die sie im vergangenen Jahr mit dem Brandenburgischen Kunstpreis ausgezeichnet wurde, lassen ein weites Assoziationsfeld zu: Vom Zellhaufen unter einer Mikroskop-Linse bis hin zur verwitterten Landkarte von unbekannten Ländern.

Die Gegenüberstellung von Mikrokosmos und Makrokosmos bildet wiederum den gemeinsamen Ausgangspunkt der Arbeiten von Ellinor Euler und Birgit Borggrebe. Sie treffen im rechten der drei Kunst-Container aufeinander. Ein feines Spinnennetz aus silberweißen Strichen spannt Euler hier über große schwarze Flächen. Das erinnert an Illustrationen von Kosmos und Raumzeit in Physikbüchern. Wie Bilder aus einer düsteren Parallelwelt wirken daneben die Fotocollagen von Birgit Borggrebe. Sie verfremdete ihre Fotos nachträglich am Rechner. „Infos von Überall“ heißt eines dieser Werke, auf dem der zur Ruine verfallene ehemalige Abhör-Turm auf dem Berliner Teufelsberg zu sehen ist. Das unnatürliche, bedrohlich wirkende Zwielicht zusammen mit dem gekippten Horizont vermittelt Weltuntergangsstimmung.

Das Bild gehört in eine Serie, der Borggrebe den Titel „Ich ??? eine Frage“ gegeben hat. Und in der sie den Zusammenhang von Identität und Persönlichkeit im Kleinen und den Weltläuften im Großen auszuloten sucht. „Der Mensch ist das kleinste Teilchen im All“, sagt die Künstlerin. Auch Fotografien aus ihrer Vergangenheit hat sie für diese Reise auf der Suche nach dem, was das eigene Ich ausmacht, durchforstet.

Wie im dritten Container, in dem Borggrebes Arbeiten sich gegen eine Mauer aus drei überdimensionalen Janusköpfen von Marcus Golter behaupten. Auf einem der Werke ist die Künstlerin im leichten Sommerkleid mit Sonnenbrille zu sehen, sie kommt dem Betrachter auf einer Rolltreppe entgegengefahren. „ich?“ hat Birgit Borggrebe in gelben Lettern über das Bild gelegt und provoziert damit die Frage, was dieser Schnappschuss aus einer anderen Zeit heute noch über sie aussagen kann. Das Ich, ein Dauer-Provisorium?

Soweit also der erste Blick in die drei neuen Kunst-Container. Mit 6000 Euro hat die Stadt die vorübergehende Ausstellung unterstützt. Provisorisch ist auch die Einrichtung, von den Aufhängungen mit Magneten bis hin zur Beleuchtung mit Neonröhren. Einen Monat lang sind die Ladeklappen zu den fensterlosen Container-Räumen geöffnet, hauptsächlich im zweiten Teil der Woche und wie die benachbarte „Temporary Art Zone“ bis in die Nachtstunden hinein. Im Oktober sollen die drei Container dann wieder verschwinden. Vorerst jedenfalls.

Denn dass mit den rostigen Monstern auch Leben auf den Schirrhof gekommen ist, nimmt man in Potsdams Kulturverwaltung offenbar ernst. „Hier ist ein Nukleus für zeitgenössische Kunst entstanden“, sagt Birgit-Katharine Seemann, Fachbereichsleiterin für Kultur und Museum. Sie denkt das vom am Schirrhof ansässigen Trollwerk e.V. begonnene Konzept bereits weiter. „Wir hoffen, dass sich auf diese Art und Weise eine Kunstachse entwickelt, die die Attraktivität des Schirrhofs erhöht“, sagt Birgit-Katharine Seemann. Von Kunst in Containern wird man in Potsdam wohl noch öfter hören.

Die Ausstellung „Dialog + 3“ eröffnet am morgigen Freitag um 18.30 Uhr. Bis zum 3. Oktober ist sie von Donnerstag bis Samstag von 15 bis 24 Uhr und an den Sonntagen von 15 bis 20 Uhr geöffnet. An den Wochenenden sind die Künstler anwesend

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