• Von Heidi Jäger: Die Tochter der Generalin

Von Heidi Jäger : Die Tochter der Generalin

Die Regisseurin Hannelore Unterberg wird heute 70 Jahre / Morgen wird sie im Filmmuseum gefeiert

Schon Sonntagmittag bekam sie Bauchschmerzen. Sie wollte abends nicht wieder zurück in das dunkle Freiadlige Magdalenenstift mit den 140 kreischenden Mädchen, die ihr Angst machten und von denen sie mit 25 den Schlafsaal teilen musste. Doch die Tränen der elfjährigen Hannelore vermochten nichts auszurichten gegen die feste Überzeugung der Mutter, dass dieses Internat genau das richtige für sie sei. Dabei hätte das schmale blonde Mädchen viel lieber mit ihren beiden Brüdern draußen Fußball gespielt. Doch seitdem der Vater die Familie verlassen hatte, änderte sich vieles für das „Papa-Kind“.

„Das Leben hat Ecken und Kanten“, sagt der Schauspieler Kurt Böwe in Hannelore Unterbergs Kinderfilm „Der Junge mit dem großen schwarzen Hund“, der anlässlich ihres 70. Geburtstags morgen im Filmmuseum zu sehen ist.

Hannelore Unterberg stieß sich oft an den Kanten des Lebens. Doch wenn sie darüber erzählt, klingt das nicht wehleidig oder gar verbittert. Die arbeitsbesessene vitale Frau hat sich immer wieder hochgerappelt, „auch wenn so viel Kraft dadurch weggegangen ist“.

Viele dieser Erinnerungen kamen wieder hoch, als sie jetzt die zig Kästen mit dem Material zu ihren sechs DEFA-Kinofilmen und den vielen unrealisierten Projekten sichtete. Sie tat es gemeinsam mit Jeanette Eggert, der Kuratorin der neuen ständigen Ausstellung des Filmmuseums, die im November 2011 eröffnet wird und die an die märchenhaft-musikalischen Filme von Hannelore Unterberg nicht vorbeikommt. Nicht nur der schwarze Hund, der aus einem Tierheim befreit wird, findet dort sein Plätzchen, sondern auch ihr „Konzert für Bratpfanne und Orchester“ aus dem Jahr 1976. Es ist ihr Debütfilm, in dem Sohn Tobias die Hauptrolle spielt und „der auch heute noch erstaunlich erfrischend wirkt und unkonventionell auf die musikalische Früherziehung der Kinder zielt“, wie die Kuratorin lobt. „Das Tolle an Hannelore Unterbergs Filmen ist, dass sie so nahe an den Kindern dran sind.“ Die einstige Erzieherin dreht einfühlsame Geschichten, die Kindersorgen ernst nehmen und fesseln, ohne Sensationen zu schüren. „Das Leben bietet genug Konflikte, die es zu erzählen lohnt“, sagt sie. Man braucht nur auf das eigene zu schauen.

Immer wieder musste sich Hannelore Unterberg durchbeißen, wie in diesem ungeliebten Internat in ihrer thüringischen Heimatstadt Altenburg, in dem sie sich genauso verlassen fühlte wie ihre Filmfigur „Isabel auf der Treppe“, das chilenische Mädchen im Exil. In ihren lebendigen Beschreibungen sieht man es genau vor sich: dieses Stift, von dem die kleine Hannelore direkt auf das Schloss blicken konnte, in dem die Mutter wohnte. Als sie es eines Morgens vor Heimweh nicht aushielt, lief sie schnell vor Schulbeginn zur Mutter, um „Guten Morgen“ zu sagen. Doch das unerlaubte Entfernen wurde streng geahndet, schließlich bestimmte allein die Pröpstin, wann man nach Hause durfte. Und das war nur alle zwei Wochen erlaubt. Zur Strafe musste Hannelore die Klasse wechseln, obwohl sie pünktlich zum Unterricht erschien. Zum Glück machte ihr die Schule Spaß, „dort war es gesellig wie in einer Kneipe“, erzählt die Regisseurin in ihrer heiter-unterhaltsamen Art. Als ehrgeiziges Mädchen lernte sie dort auch heimlich Geige spielen, so wie Vater und Mutter es konnten, obwohl die Mutter angewiesen hatte: „Du lernst Klavier“. Im Duo mit einem unbegabten Jungen strich das musikbegeisterte Kind über die Saiten und ließ sich für Wurstschnitten auch mal auf den Deal ein, sich zu vergeigen. Schließlich wollte der Junge nicht immer allein der Dumme sein. Auch später trieb sie etwas unlautere Geschäfte, schrieb für Bekannte deren Staatsexamen- oder Diplomarbeiten, um als alleinerziehende Mutter das so dringend benötigte Geld zu erwirtschaften, wie sie freimütig gesteht und ihr Leben in anschauliche Geschichten zu kleiden weiß.

Für das wissbegierige Internatsmädchen von damals stand fest, dass sie einmal Abitur machen und studieren würde. Schließlich wollte sie Dirigentin oder Theaterregisseurin werden. Doch die Mutter, selbst Lehrerin, hatte auch da andere Pläne. Sie gab die Tochter mit 14 Jahren aufs nächste Internat, jetzt, um dort Kindergärtnerin zu werden. „Diesmal waren wir nur noch mit 13 Mädchen auf einem Zimmer. Das war schon besser.“ Und der „Kultur-Floh“ Hannelore organisierte mit Hingabe Kabarett und Laienspiel, wusste offenbar Nischen zu finden, die die Seele trösteten.

Mit 17 Jahren wurde sie bereits Leiterin eines Hortes, „dabei sah ich selbst noch aus wie ein Kind“. Doch sie setzte sich durch, auch bei den 50-jährigen Kolleginnen. Abends nach der Arbeit völlig erschöpft, nahm Hannelore Unterberg dennoch Musik- und Schauspielunterricht, ihr Ziel nie aus den Augen verlierend. Noch heute wird sie ganz leise, wenn sie sich erinnert, wie sie, die sich selbst oft so verlassen fühlte, nun ihre Kinder verließ, die ihr zum Abschied Blumen ins kleine Flüsschen Sprotte warfen. Doch man hatte sie aus ihrem Hort weggelobt und zur Abteilungsleiterin für Kunsterziehung beim Rat des Kreises gemacht. „Irgendwie empfand ich das Weggehen wie einen Verrat.“

Fortan sollte sie vom Pionierhaus aus Kulturgruppen kontrollieren. Doch ein Weihnachtsbaum wurde ihr zum Verhängnis. „Den musste die Tanzschule Schaller immer mit auf Tournee nehmen, obwohl er am Ende kaum noch Nadeln hatte. Ich ordnete an, dass die Betriebe, in denen Schallers Weihnachtsmärchen getanzt wurde, einen eigenen Baum stellen müssen.“ Als man ihr wegen dieser Eigenmächtigkeit die Hölle heiß machte, kündigte die couragierte junge Frau. Gegen die schlechte Beurteilung der Funktionäre, die ohnehin nicht gern sahen, dass sie sich lieber mit der Geige als mit Marxismus-Leninismus beschäftigte, zog sie vor Gericht – und bekam eine bessere. „Ich war tatsächlich mit 21 Jahren arbeitslos.“ Für DDR-Verhältnisse fast ein Unding.

Hannelore Unterberg sieht sich noch, wie sie unbekümmert mit Geige unterm Arm nach Kleinmachnow zu Bekannten trampte, die das Puppentheater Löschke betrieben und Verstärkung brauchten. „Doch ich sollte nur Haus, Hund und Katze hüten, wenn sie auf Tournee gingen.“ Dafür hatte sie sich nicht auf den Weg gemacht. Und so arbeitete Hannelore Unterberg im Kinderheim „Lieselotte Hermann“ – mit der Option einer Delegierung ans Institut für Musikerziehung Berlin-Weißensee. Als sie endlich das ersehnte Künstlerstudium beginnen konnte, wurde sie schwer krank. Doch sie besiegte den Tumor und beendete das Studium, um bald darauf ein zweites anzuhängen: an der Filmhochschule Babelsberg. Von 200 Prüflingen wurden damals nur 12 aufgenommen, und sieben hielten bis zum Ende durch. Darunter Hannelore Unterberg, obwohl sie bereits Ende des ersten Studienjahres ihren ersten Sohn bekam.

Über die Arbeitsjahre bei der DEFA findet sie nicht nur begeisterte Worte. Oft verzweifelte sie an den Mühlen der Bürokratie, die die Filmideen ewig auf Eis legten. Doch sie hatte einen märchenhaften Einstieg. Für die Koproduktion „Drei Haselnüsse für Aschenputtel“ durfte sie das deutsche Synchronbuch schreiben. „Ich habe mindestens drei Fassungen auf Grundlage der Rohübersetzung entworfen, bis endlich alles gut klang und lippengenau war.“ Und so hat sie bis heute ihr Geburtstagsgeschenk sicher: Wenn dieser Klassiker jährlich zig Mal über den Bildschirm flimmert, bekommt sie stets ihren Anteil. „Bis zu 300 Euro sind da drin.“

So wie sie zur DEFA über viele Umwege kam, musste sie auch nach der Wende viele Haken schlagen, um ein neues künstlerisches Zuhause zu finden. Ganz angekommen ist sie dabei nicht, aber sie fand Nischen, drehte Beiträge für die inzwischen eingestellte ZDF-Kinderreihe „Karfunkel“, eine Dokumentation über den Dichter Gottfried Herder, die in 3sat lief, und Slapstick-Geschichten für die Reihe „Siebenstein“: Bis sie sich mit dem Schauspieler der Hauptfigur „Blöhmann“ anlegte, der sich nicht durch ihre Regiehände führen ließ. „Er konnte bei mir nicht machen, was ihm beliebte. Die anderen wollten schließlich auch noch spielen.“ Also trennten sich ihre Wege.

Die Frau im eleganten Schwarz ist noch immer voller Pläne und wird gar nicht gern alt, wie sie mit Nachdruck betont. „Das Leben ist so interessant, man kann das gar nicht alles mitnehmen.“ Auf jeden Fall möchte sie noch mit Sohn Tobias, der als Cellist zwischen Klassik und Rock pendelt, und unter dem Künstlernamen B.Deutung in der Band „The Inchtabokatables“ bekannt wurde, ein Theaterstück auf die Bühne bringen. Und sollte sie irgendwie das Geld zusammen bekommen, dann wird sie einen Film über ihre Freundin aus dem Magdalenenstift und deren Mutter machen, die für Jahre ins Zuchthaus kam, weil der Ehemann einen Fremdarbeiter aus seinem Betrieb geworfen hatte. „Das jüngste ihrer acht Kinder war damals noch ein Säugling. Was muss es für die Mutter bedeutet haben, in Sippenhaft genommen und von ihnen weggesperrt zu sein?“

Hannelore Unterberg ist froh, dass sie an ihre beiden Söhne, die sie zumeist allein aufzog, auch künstlerisch viel weitergeben konnte. Heute richten die Kinder für die Mutter die Geburtstagsfeier mit der fast 50-köpfigen Großfamilie im Theaterschiff aus. Die Generälin, wie die Enkel ihre 92-jährige Großmutter nennen, ist nicht dabei. Aber es gibt eine Nachfeier bei ihr in Altenburg. Ein Gespräch über das Mädchen-Stift kommt dabei nicht auf den Tisch. „Für meine Mutter war es nie ein Thema.“

Morgen um 16 Uhr läuft im Filmmuseum „Der Junge mit dem großen schwarzen Hund“. Anschließend gibt es einen kleinen Empfang für Hannelore Unterberg.

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