Kultur : Von einem, der aufbegehrte

Die Autobiografie des Potsdamer Buchhändlers Karl Heidkamp wartet auf eine Veröffentlichung

In prominenter Nachbarschaft. 1922 eröffnete Karl Heidkamp seine eigene Buchhandlung im Palasthotel am Alten Markt (hier auf einer Postkarte von 1924). „Eine Sensation in ganz Potsdam“, freute sich der Besitzer damals. Schon zehn Jahre später war aus wirtschaftlichen und politischen Gründen Schluss. Repro: PNN
In prominenter Nachbarschaft. 1922 eröffnete Karl Heidkamp seine eigene Buchhandlung im Palasthotel am Alten Markt (hier auf einer...

Vater Emil Heidkamp war kaisertreu. Klar, dass er in seiner vom Potsdamer Adel und konservativem Bürgertum angesehenen Kunsthandlung in der Schwertfegergasse vor allem Bilder der Hohenzollernfamilie und der preußischen Geschichte anbot. Doch hin und wieder kamen bei Heidkamp sen. auch manch bedeutende Bilder an die Wände, so 1909 Gemälde von dem damals umstrittenen Lovis Corinth. Doch kurz nach der Eröffnung wurde die Ausstellung wieder entfernt.

Sohn Karl Heidkamp erinnerte sich, dass eines Tages von einem Lakai die Ladentür aufgerissen wurde und eine Frau mit Pleureusenhut und langer Schleppe hereingerauscht kam. „Der Vater ging ihr entgegen und sie zischte ihn mit hochmütiger Schärfe an: ,Ihre Majestät wünscht nicht, dass solche Schweinereien in ihrem Kunstladen ausgestellt werden.’ Kehrtmachend riss sie die Schleppe hinter sich her, und demonstrativ knallte die Tür ins Schloss. Draußen wartete der vierspännige Wagen der Kaiserin. Wie ein begossener Pudel stand der Vater da.“ Die Hofdame der Kaiserin Auguste Victoria, Gräfin von Brockdorff, hatte die Aufgabe bekommen, den Kunsthändler in Sachen Corinth zurechtzuweisen.

Doch nach 1918, als Kaiser und Kaiserin sich Richtung Holland verabschiedeten und Sohn Karl als ausgebildeter Kunst- und Buchhändler aus dem ersten Weltkrieg zurückkehrte, wehte ein neuer Wind in der Kunsthandlung. „Der bisher nur irgendwie von den Zeitläuften geschobene Knabe und Jüngling begehrte gegen das Geschobenwerden, gegen Gehorchen und Konventionen jeglicher Art auf“, berichtet Karl Heidkamp. Er setzte sich durch, dass er Mitinhaber des renommierten Geschäfts seines Vaters wurde. „Ich begann sofort auf neue Art die Schaufenster zu dekorieren, zum großen Kummer meines Vaters, Kaiser- und Kronprinzenbilder zu entfernen und gab der Werkstatt Arbeit durch Einrahmen moderner Reproduktionen“, schrieb der 1896 in Potsdam geborene Karl Heidkamp in seiner bisher unveröffentlichten Autobiografie „Wege und Umwege eines Kunst- und Buchhändlers“, die in Schreibmaschinenabschriften dem Autor dieses Artikels vorliegen. Auch das Potsdam Museum soll ein Exemplar sein Eigen nennen. Die Autobiografie wäre unbedingt einer Veröffentlichung wert, gibt sie doch detailliert Auskunft über das Kunstleben und den Buchhandel in Potsdam vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ungekünstelt und mit großer Wahrhaftigkeit lässt Heidkamp den Leser an seiner spannenden Lebensreise teilnehmen.

Karl Heidkamp kaufte verstärkt Grafiken von Künstlern wie Lovis Corinth, Max Slevogt, Max Liebermann oder Max Pechstein an. Auch Potsdamer Künstler hatten in Heidkamps Salon einen Platz: Egon von Kameke, Rudolf Hengstenberg oder Fritz Frobart. Der ängstliche Vater meinte: „Die Sachen kauft keiner.“ Aber er irrte sich. Der Sohn fand für die Bilder genügend Käufer. 1922 machte sich Karl Heidkamp selbstständig. In unmittelbarer Nachbarschaft zum Palais Barberini am Alten Markt fand er im Palasthotel Räume für seine Kunst- und Buchhandlung. Das im aufdringlichen neobarocken Stil Ende des 19. Jahrhunderts erbaute Hotel galt als die erste Adresse Potsdams. „Mein neues Geschäft war von der ersten Novemberwoche an eine Sensation in ganz Potsdam. Neugierige stauten sich vor dem Schaufenster. Wir hörten drinnen die unterschiedlichsten Gespräche und Ausrufe – von wildem Empörtsein bis zu freudiger Anerkennung“, notierte Heidkamp. Einheimische und Touristen machten auf dem Weg von und zum Bahnhof gern Station in der Kunst- und Buchhandlung. Vor allem demokratisch Gesinnte aus Neubabelsberg, Wannsee oder Zehlendorf gehörten zu seiner Kundschaft, auch die berühmte Ufa-Filmdiva Henny Porten.

Heidkamps belletristisches Angebot wartete auch mit den aktuellen Antikriegsbüchern von Erich Maria Remarque, Leonhard Frank, Ernst Wiechert, Nikolai Gladkow oder Romain Rolland auf. Der in Potsdam ansässige Verlag von Gustav Kiepenheuer unterstützte Heidkamp mit Lieferungen und konzilianten Bedingungen. 1931 gab er wegen der unsicheren wirtschaftlichen und politischen Lage seine Buchhandlung auf. Von nun an verdiente er sein Geld als Schriftsteller und Autor in Tageszeitungen und Fachzeitschriften. Bekannt wurde vor allem das Buch „Symbol und Allegorie: Potsdam“ (1933).

Karl Heidkamp war Mitglied des legendären Potsdamer Kunstvereins. Ein paar Schritte von seinem Geschäft, im Palais Barberini, hatte dieser seinen Sitz. An diesem Ort, der als Vereins-, Veranstaltungs-, Wohn- und Verwaltungshaus für die Stadt diente, gab es auch Ausstellungen, die vom Kunstverein organisiert wurden, dessen Vorsitzender damals Pfarrer Karl Röhrig war. „Ein jovialer Mann zwar, der mich konfirmiert hatte und mir mein Wohlwollen als alter Freund der Familie zu versichern bestrebt war, aber sich gegen meinen neuen Kurs recht diplomatisch aussprach“, bemerkte Heidkamp. Aber der setzte sich mit seinem Ausstellungsprogramm durch, das Expositionen mit Werken von Max Pechstein, Karl Hagemeister, Käthe Kollwitz, Hans Klohs Otto Heinrich oder Carl Kayser-Eichberg beinhaltete.

Kostbar sind auch die zahlreichen Erinnerungen Heidkamps an Künstler, die in oder bei Potsdam lebten und arbeiteten. Darin wird besonders die Charakterisierungs- und Interpretationskunst des Autobiografen deutlich. Mit liebevollem Blick schaute er auf Otto Heinrich. „Besonders seine Stadtkanalbilder gehören mit zum Besten, was an Potsdamer Stadtansichten gemalt worden ist.“ Der Maler, Grafiker und Bildhauer Walter Bullert erfährt durch den Autor eine Würdigung, auch Hans Klohs. Und vor allem war der Kunstsammler Paul Heiland ein väterlicher Freund. Kritisch geht er mit den begabten Künstlern Heinrich Basedow Junior und Ernst Kretschmann um, die sich politisch allzu sehr in die Nähe des nationalsozialistischen Regimes begaben.

Auch Heidkamp musste die Soldatenuniform im Zweiten Weltkrieg anziehen. Nach der sowjetischen Kriegsgefangenschaft 1949 war er im Verlagswesen in Berlin und im Verband Bildender Künstler der DDR tätig. Er starb am 16. Januar 1979, zwei Jahre nachdem er seine Autobiografie abgeschlossen hatte.

Sie wartet bis heute darauf, veröffentlicht zu werden.