• Von der Wunderwirkung einer Schauspielerin

Kultur : Von der Wunderwirkung einer Schauspielerin

Zum Tod von Gertraud Kreißig, die über 35 Jahre am Hans Otto Theater engagiert war

Eine ihrer letzten Rollen. Gertraud Kreißig als Maude im HOT.
Eine ihrer letzten Rollen. Gertraud Kreißig als Maude im HOT.Foto: Stefan Gloede

„Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze.“ Das Wort aus Schillers „Wallensteins Lager“ trifft auch heute noch auf so manche Schauspielerin und so manchen Schauspieler zu - trotz unserer digitalisierten Medienwelt, die viele Möglichkeiten hat, Theaterereignisse und Schauspielerleistungen aufzubewahren und nach Gutdünken wieder in die Öffentlichkeit zu transportieren. Doch viele Mimen werden schlichtweg vergessen, auch vom Publikum. Doch wie heißt es bei Schiller: „Drum muss er geizen mit der Gegenwart, der Augenblick, der sein ist, ganz erfüllen …“ Das wusste auch Gertraud Kreißig.

Die Potsdamer Schauspielerin, die zwar in unzähligen Filmrollen mit von der Partie war, zumeist in kleineren, hat ihre künstlerische Erfüllung auf der Theaterbühne gesehen. Auf diesen Brettern, die für sie die Welt bedeuteten, stand sie mehr als 35 Jahre lang, davon die längste Zeit am Hans Otto Theater. Die 1938 in Königsberg Geborene arbeitete zunächst als Buchhändlerin in Berlin. Das Schauspielstudium absolvierte sie an der Babelsberger Filmhochschule, es folgten Engagements in Zeitz und in Cottbus. Dort lernte sie Rolf Winkelgrund kennen, einen der prägenden Theaterregisseure in den siebziger und achtziger Jahren in der DDR. Der holte die Schauspielspielerin 1971 nach Potsdam, wo er auch mit ihr für Theater-Glanzzeiten in der damaligen Bezirksstadt und darüber hinaus sorgte.

Gertraud Kreißig wurde am Hans Otto Theater eine der Protagonistinnen der Schauspielsparte. Bedeutende Rollen vertraute man ihr an, in klassischen Dramen und Komödien, vor allem in Gegenwartsstücken. Für sie war Theater kein Sonntagsspaß und Schnörkel des Alltags, kein Nippes auf dem Vertiko. Sie wollte, dass das Theaterspielen ein lebensbejahender Impuls für sich und andere ist. Gertraud Kreißig hat man stets als leidenschaftlich-zupackende Schauspielerin auf der Bühne erlebt. „Bei den Proben fange ich immer wieder beim Punkt Null an. Ich habe zwar Vorstellungen von der Figur, aber die müssen nicht stimmen. Viel wird umgepflügt… während der Arbeit. Es entsteht immer wieder Neues. Ich bin von Natur aus emotional, nicht intellektuell. Ich will durch meine Darstellung die Zuschauer erreichen. Emotional. Nicht didaktisch“ sagte Gertraud Kreißig in einem Interview 1981 für „Theater der Zeit“.

Mit Rollen wie beispielsweise Schillers Maria Stuart, die Frau Wolffen in Hauptmanns „Der Biberpelz“, Gertrud in Shakespeares „Hamlet“, Atossa in Aischylos‘ „Die Perser“, Frau Alving in Ibsens „Gespenster“, die sie unter anderen mit Regisseuren Günter Rüger, Rolf Winkelgrund oder Piet Drescher erarbeitete, verstand sie, die Zuschauer zu packen. Die ganze Spannweite ihrer Wunderwirkung ließ sie dabei immer wieder spielen. Sie konnte zornig sein, katzenweich, verspielt oder berechnend. Auch komisch, pointiert, frech, kämpferisch. Und gleich vermochte sie wieder nur Rührung, Trauer, Ernst oder Einsamkeit zu verbreiten.

Eine ihrer letzten Rollen wurde die Maude in Colin Higgins Komödie „Harold und Maude“. Darin spielte sie eine 80jährige Frau, lernt Harold kennen, der am liebsten zu Beerdigungen geht. Sie zeigt ihm auf, dass es noch anderes gibt als diese traurigen Anlässe. Gertraud Kreißig spielte die Maude als eine liebenswerte Rebellin, eine Rebellin des Lebens, das sie liebt und sich zugleich nicht unterkriegen lässt. Eine Rebellin war sie wohl auch in all ihren Theaterjahren, hinterfragte und konnte aufmüpfig sein.

Als sie 2004 aus Altersgründen das Theater verließ und die schauspielerischen Aufgaben immer weniger wurden, hat sie wohl ganz tief in ihrem Inneren gespürt, dass spurlos des Mimen Kunst vorübergehen kann. Solch eine leidenschaftliche Schauspielerin wie Gertraud Kreißig muss wohl darunter sehr gelitten haben. Die Rolle, die man ihr vor wenigen Jahren am Hans Otto Theater in „Filumena“ anbot, konnte sie aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr bis zur Premiere bringen. Dieser Tage fand man die Schauspielerin tot in ihrer Wohnung. Klaus Büstrin