• Von Babette Kaiserkern: Steinerne Geliebte

Von Babette Kaiserkern : Steinerne Geliebte

Helfried Strauß und Heinz Schönemann mit eigenwilligem Blick auf „Skulpturen im Park“

Babette Kaiserkern
Auch ein steinerner Rücken kann entzücken. Eine Nymphe im Sizilianischen Garten.
Auch ein steinerner Rücken kann entzücken. Eine Nymphe im Sizilianischen Garten.Foto: Helfried Strauß/Katalog

„Es zieht mich sehr nach Potsdam, da ich dort auch eine Geliebte habe. Es ist eine von den Marmorstatuen, die zu Sanssouci auf der Terrasse stehen“, schrieb Heinrich Heine 1827 an Ernst Christian Keller. Heines steinerne Geliebte war Flora, die Göttin der Blüte, die in Sanssouci mit dem kleinen Putto Zephir tändelt und neben der Gruft von Friedrich II. steht. Auch an ihrer weißen Marmorhaut nagte der Zahn der Zeit, so dass heute dort eine Kopie zu sehen ist.

Wie die originale Flora von Sanssouci kurz vor ihrer Außerdienststellung aussah, zeigt eine Fotografie von Helfried Strauß. Sie findet sich in dem neu erschienenen Band „Sanssouci – Skulpturen im Park“ neben vielen anderen außergewöhnlichen Fotos, die der Professor der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst in den achtziger und neunziger Jahren gemacht hat. Heinz Schönemann, Kunsthistoriker und langjähriger Konservator von Sanssouci, hat dazu einen kundigen und kunstreichen Essay geschrieben. „Er kam zu mir und hat mich um Rat gefragt“, erzählt Heinz Schönemann in der Galerie Mutter Fourage in Wannsee, wo derzeit eine Auswahl der Fotos gezeigt wird. „Wir haben uns gegenseitig befruchtet, dabei hat jeder eigene Entdeckungen gemacht.“

So konnte Helfried Strauß einen ungewöhnlichen Blick vom Dach des Neuen Palais werfen, er durfte auch auf den Seitenflügel von Schloss Sanssouci steigen. Auf dem dabei entstandenen Foto verschmelzen die Kolonnaden mit der Nikolaikirche. Auf einem anderen Bild blickt man durch das offene Rund der Ruine des Belvederes in den Himmel, während im Hintergrund die leeren Fensterhöhlen des Normannischen Turms zu sehen sind. Doch die dokumentarischen Zeitzeugnisse bilden nur einen Aspekt in den ausdrucksvollen Fotografien von Helfried Strauß. Sie wirken trotz und gerade wegen ihrer schwarz-weißen Technik zeitlos entrückt und lebendig zugleich. Der Fotograf ist, wie Heinz Schönemann schreibt, „nach Sanssouci gekommen wie einst der Wanderer nach Theben; getrieben von der traumhaften Erinnerung an frühere Begegnungen mit den Marmorbildern im Park“.

Helfried Strauß, der nach der Wende als einziges Mitglied des Lehrkörpers seine Leipziger Professur behielt, überrascht nicht nur mit neuen Perspektiven und erfreut mit stimmungsvollen Panoramen. Jedes Foto zeugt von einer eigenen Sichtweise und fügt wie in der klassischen Malerei individuelle Komponenten hinzu. Auch vieles von den künstlerischen Idealen, die denjenigen, die einst am Bau und an der Anlage von Sanssouci beteiligt waren, vorgeschwebt haben mögen, wird in diesen kontemplativen Fotografien sichtbar. Am meisten faszinieren vielleicht die Groß- und Detailaufnahmen. Die zärtlichen Spiele der mächtigen Sphingen unterhalb des Schlosses, die sich nach Osten und Westen neigen, umfassen den ganzen Kosmos der friderizianischen Anlage. Götter, Grazien, Nymphen und Faune tummeln sich darin und zeigen dem fotografischen Blick ihre Sonnen- und Schattenseiten. Streng blickt Diana auf ihren Verfolger, mit behütender Geste umfasst Caritas die Kinder. In Merkurs Gefolge erscheint Pomona mit ihrem üppigen Füllhorn. Der stolze Römer und die geraubte Sabinerin sind in einer graziösen Ballettpose erstarrt. Apoll begegnet Venus, die dem Betrachter ganz uneitel nur ihr beschädigtes Hinterteil zuwendet. Auch an ihr sind die Spuren der Zeit nicht vorbeigegangen. Moos und Ruß legen eine Patina auf die einst glatten Körper, machen ihre Marmorhaut schrundig und fleckig. Selbst die Köpfe von Amor und Psyche sind mit dunklem Belag überzogen. Obwohl der Marmor zwischen ihnen schon einen tiefen Riss zeigt, neigen sie sich immer noch zum Kusse. Nicht nur in diesem Bild von Helfried Strauß lebt die alte Liebe wieder auf, ganz wie in der Erinnerung von Heinrich Heine.

Die Ausstellung in der Galerie Mutter Fourage wird ergänzt durch eine Präsentation von Plastiken des Potsdamer Bildhauers Marcus Golter. Die unter dem Titel „Kuroi“ gezeigten Figurinen und Köpfe setzen einen interessanten zeitgenössischen Kontrapunkt zu den Skulpturen aus Sanssouci.

Noch bis Sonntag, 11. April, Donnerstag und Freitag, 14-18 Uhr, Samstag und Sonntag, 12-17 Uhr, Chausseestraße 15a, Berlin-Wannsee. Das Buch von Helfried Strauß und Heinz Schönemann „Sanssouci – Skulpturen im Park“ ist im Mitteldeutscher Verlag Halle erschienen und kostet im Rahmen der Ausstellung 30 Euro

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