• Von Astrid Priebs-Tröger: Wo die Liebe hinfällt

Von Astrid Priebs-Tröger : Wo die Liebe hinfällt

Tina Müllers „Türkisch Gold“ hatte am Jungen Theater Premiere

Astrid Priebs-Tröger

Die erste Liebe ist wie eine Naturgewalt. Auch über den 15-jährigen Jonas bricht sie unerwartet und kraftvoll herein. Das an sich wäre noch kein Grund, ihn zum Protagonisten eines Theaterstückes zu machen. Aber das 2006 als Auftragswerk entstandene Stück „Türkisch Gold“ der Berliner Autorin Tina Müller, das am Samstag im Jungen Theater des Hans Otto Theaters zur Premiere kam, hat noch einen anderen Hintergrund.

Denn Jonas (Sebastian Brandes) verliebt sich nicht in irgendwen. Sondern in Aynur, die türkische Mitschülerin seiner besten Freundin Luiza. Und Luiza (Janin Stenzel) ist auch diejenige, der er zuerst von seinen Gefühlen erzählt. Doch seine enge Vertraute reagiert ganz anders, als er sich das wahrscheinlich vorgestellt hat. Statt ihn zu verstehen oder gar zu bestärken, kommen unzählige Vorurteile und nicht zuletzt auch eigene Gefühle ins „Spiel“. Und das im Wortsinn, denn beide Protagonisten von „Türkisch Gold“ verwandeln sich in der behänden Inszenierung von Carsten Kochan in die verschiedensten Personen aus Aynurs und Jonas’ Umfeld und zeigen unverblümt deren Reaktionen auf die binationale Liaison. Großartig, wie prägnant Janin Stenzel neben Luiza sowohl die selbstbewusste Aynur als auch deren Bruder Kerim gibt. Sebastian Brandes überzeugt vor allem mit Jonas und hat auch sichtlich Spaß an den heftig überzogenen Vaterfiguren.

Bei ihrem ersten Zusammentreffen nach den Sommerferien prasseln also deutsche und türkische Vorbehalte wie Sturzbäche aufeinander und es gibt Situationen, in denen beiden Spielern das Wasser buchstäblich bis zum Halse steht. Aber die eigene gewachsene Beziehung scheint einigermaßen stabil zu sein, sodass beide immer wieder die Kurve kriegen. Auch wenn ihn Luiza mehrmals vehement vom ziemlich hohen Podest (Bühne und Kostüme: Vinzenz Gertler) „fegt“ und auch er nicht sonderlich zimperlich mit Luiza umgeht. Mit wenigen Requisiten, hohem körperlichen Einsatz und großer Präzision in den Gefühlsschattierungen schaffen die beiden jungen Schauspielstudenten der HFF Babelsberg, die bereits beide am Jungen Theater zu erleben waren, ein dichtes Stimmungsbild gegenseitiger Ängste und Vorurteile. Auch das Publikum, das von allen vier Seiten das Geschehen beobachten kann, wird immer wieder einbezogen.

Die Inszenierung lädt ohne erhobenen Zeigefinger nicht nur Jugendliche dazu ein, sich mit diesen alltäglichen Abwehrmechanismen des jeweils Unbekannten auseinander zu setzen. Das Stück ist dabei keineswegs zimperlich in seiner Wortwahl und schafft darüber hinaus einige wunderbar innige Momente, in denen die Jugendlichen ganz bei sich und ihrer aufkeimenden Liebe sind. Aber – und das bleibt bis zum Schluss in der Schwebe – bei welcher Liebe eigentlich? Denn eine Naturgewalt birgt nicht nur ungeahnte Kräfte sondern auch jede Menge (Gefühls-) Chaos in sich, dem nicht nur unerfahrene 15-Jährige einigermaßen hilflos ausgeliefert sind. Am Ende viel Beifall und begeisterte Bravorufe für die überzeugenden Darsteller und eine flotte und trotzdem nachwirkende Inszenierung.

Nächste Vorstellung am 6. Mai, um 19.30 Uhr in der Reithalle A.

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