• Von Astrid Priebs-Tröger: Grimmige Märchen

Von Astrid Priebs-Tröger : Grimmige Märchen

Zum Schmunzeln und Nachdenken: Herbstsalon in der Galerie am Neuen Palais

Astrid Priebs-Tröger

Wie Rotkäppchen kann sich fühlen, wer durch den herbstdunklen Wald hinter dem Neuen Palais eilt. Natürlich nicht zur kranken Großmutter sondern zum diesjährigen Herbstsalon in der dort befindlichen Galerie. Galerist Jürgen Oswald hatte schon lange die Idee, „seine“ Künstler zum Thema Grimms Märchen arbeiten zu lassen. Neunzehn sind seinem Ruf gefolgt und jetzt kann man über 80 Exponate – ein Drittel davon Plastiken – hauptsächlich an den Wochenenden in Augenschein nehmen. Und das Märchen vom Rotkäppchen scheint viele zu inspirieren. Robert Meyer aus Osnabrück hat ein sehr „reifes Mädchen“ gemalt, das mit kindlicher Strickmütze und Riesenhund zwischen den Knien vor einem Häuschen mit Tannenbäumen posiert. Das Viech und eine Flasche Rotwein scheinen die einzigen „Tröster“ der anscheinend sitzen Gebliebenen zu sein. Nelly Bührle-Anwander aus Bregenz ist mit zahlreichen skurrilen Plastiken vertreten. Bei ihr sind die beiden Kindermärchenfiguren ein ziemlich enthemmtes Paar: Rotkäppchen sitzt barbusig einträglich neben einem völlig nackigen Wolf.

Der Potsdamer Axel Gundrum sieht das Wölfische dagegen eher allegorisch. Seine „Große Brandenburger Versöhnung“ zeigt ein Rotkäppchen auf einem Thronsessel, das „unten“ mit einem plüschigen Wolf schmust und „oben“ mit den Wölfen heult. Den zweiten Platz in der künstlerischen Beliebtheitsskala nimmt eindeutig der „Froschkönig“ ein. Robert Meyer hat wiederum eine ziemlich angejahrte Schöne gestaltet, die mit bereits ausgestreckter Hand nach einem eher verschüchterten Frosch greift. Ob sie diesen dann wie die nackte schwarze Schöne von Nelly Bührle-Anwander behandeln wird, bleibt fraglich. Vielleicht hätte sie sich einfach eher für einen „richtigen“ Mann entscheiden sollen, aber das ist auch nicht immer einfach, wie Günther Hausschild aus Hamburg auf seinem Bild „Wer ist der Prinz?“ mit viel Augenzwinkern und auch einiger Verzweiflung zeigt.

Auch „Schneewittchen“ hat gleich mehrere Künstler inspiriert. Nicht nur die Plastik von Nelly Bührle-Anwander enthüllt die „wahre“ Identität der Figur. Indem diese Künstlerin einigen Märchen als Erwachsene unter die Reifröcke oder die anderen Verkleidungen schaut und sie vor allem erotisch-lustvoll demontiert, zeigt sie deren oft „verschwiegene“ Vielschichtigkeit und Ambivalenz. Bei Robert Meyer ist das Schneewittchen – oder ist es diesmal die böse Stiefmutter? – wiederum in die Jahre gekommen. Und ihr sehnsuchtsvoller Blick in den Spiegel kann einen schmerzlich berühren, genauso wie einem bei dem knackigen Apfel davor das Wasser im Munde zusammenläuft.

Nahezu alle Exponate lassen den Betrachter mit einem Schmunzeln oder einem kleinen „Stachel“ zurück. Es macht Spaß und ist sicher für verschiedene Generationen unterhaltsam, sich die Bilder und Plastiken – die Potsdamer Wolf-Dieter Pfennig und Maren Simon sind auch dabei – gemeinsam anzuschauen. Und wer noch kein Weihnachtsgeschenk hat, könnte in der Galerie am Neuen Palais ebenso fündig werden, wie derjenige der sich nach einem Winterspaziergang bei Kuchen und Wein erst mal stärken muss.

Bis 14. Dezember, geöffnet von Freitag bis Sonntag von 13 bis 18 Uhr

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