• Von Astrid Priebs-Tröger: Der Preis des Glücks

Von Astrid Priebs-Tröger : Der Preis des Glücks

Theater Nadi zeigt Andersens „Dryade“

Astrid Priebs-Tröger

Ein hoher Baum steht im Zentrum. Dem ersten Anschein nach hat er nichts Besonderes an sich. Doch sein heller Stamm birgt ein Geheimnis. Ganz langsam schiebt sich aus ihm ein nackter Arm und kurz darauf ein offenes liebenswürdiges Frauengesicht heraus. Beide gehören der „Bewohnerin“ der riesigen Kastanie. Denn eine solche ist es zumindest in Hans Christian Andersens relativ unbekanntem Märchen „Die Dryade“, das jetzt vom Potsdamer Theater Nadi adaptiert und als Bewegungstheater mit Masken neu erzählt und interpretiert wird.

Der Tänzer und Pantomime Steffen Findeisen hat die überaus kunstvolle Geschichte, die von der Reise einer Baum elfe nach Paris erzählt, vor einiger Zeit beim Andersen-Projekt von Robert Lepage fürs sich entdeckt – und mit einem wesentlichen Teil seiner eigenen Familiengeschichte verwoben.

Beide, die poetische Geschichte des märchenhaften Elfenwesens und die seiner eigenen, ungemein lebenstüchtigen Großmutter, bilden den „Rahmen“ für eine sehr persönliche Standortbestimmung des heute 45-jährigen Tänzers, Pantomimen und Schauspielers, dessen Sicht auf die beiden anderen Teile prägend für die gesamte Inszenierung ist.

Der dreiteilige Abend, den er gemeinsam mit dem Berliner Schauspieler und Regisseur Alexander Bandilla in wenigen Wochen erarbeitete, wird hauptsächlich von der kunstvollen und sensiblen Körpersprache Steffen Findeisens – er tanzte schon als Kind und hat sich auf Bali wesentliche Impulse für sein Bewegungstheater geholt – leben. Das ist schon zu merken, als die Dryade, die er selbst verkörpert, zum ersten Mal ihr angestammtes „Gehäuse“ verlässt. Tastend, mit noch zitternden Gliedern spürt sie, jetzt noch im Bann des mächtigen Baumes, der Verbindung zu ihren Wurzeln nach. Doch gleichzeitig will sie sich selbst spüren, ihren Körper zum ersten Mal benutzen und kraftvoll den eigenen Weg gehen. Ob und zu welchem Preis ihr das gelingt, wird am Freitag im T-Werk zu erleben sein.

In Andersens Märchen jedenfalls zahlt die Baumelfe für ihren Herzenswunsch, einmal Paris zu sehen, einen sehr hohen Preis. Und doch kann sie niemand davon abhalten, genau diesen Weg zu gehen. Auch Steffen Findeisen stellt sich die Frage nach dem Preis des Glücks. Und darüber hinaus: Was geschieht mit uns, wenn unsere Sehnsüchte erfüllt sind? Was kommt danach? Diese essentiellen Fragen stehen im Mittelpunkt des knapp einstündigen Abends, der auf der „Folie“ des Kunstmärchens Probleme unseres heutigen modernen Menschseins, beispielsweise von Entwurzelung und Schicksalsschlägen, aufwirft.

Um diese wiederum mit der Geschichte eines bereits gelebten vorbildhaften Lebens – Findeisens Großmutter verließ als junges Mädchen ihre Heimat, um in Berlin ihr Glück zu finden und überlebte den Zweiten Weltkrieg nur schwer verletzt – kontrastierend in Reibung zu bringen.

Die familiären „Anteile“ wird Steffen Findeisens eigene Tochter Lydia einbringen, die Auszüge aus dem Tagebuch ihrer Großmutter, die unter den Folgen der Verwundung ihrer eigenen Mutter sehr litt, aus dem Off sprechen wird. Denn sehen wird man nur die Baumelfe, die unter ihrer anmutigen Kastanienholzmaske vor allem ihren beweglichen Körper sprechen lassen und nicht nur für die Fragen nach unserem Herkommen und Verwobensein, unseren Sehnsüchten und Begrenzungen stille und poetische Bilder suchen wird.

Premiere am morgigen Freitag, den 21. November um 20 Uhr im T-Werk.

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