• Von Almut Andreae: Neue Kunst in alten Mauern

Von Almut Andreae : Neue Kunst in alten Mauern

Das Atelierhaus sans titre eröffnete mit Ausstellung „Ein schmaler Grat“ des Schweizers A. M. Rupp

Almut Andreae
A. M. Rupp greift zu drastischen Formulierungen, um Gewalt und Unterdrückung anzuprangern, wie in dieser Arbeit, in der eine Egge hinterrücks die Großaufnahme eines weiblichen Aktes perforiert.Alle Bilder anzeigen
Fotos: Andreas Klaer
28.09.2009 04:15A. M. Rupp greift zu drastischen Formulierungen, um Gewalt und Unterdrückung anzuprangern, wie in dieser Arbeit, in der eine Egge...

Die zentrale Lage ist schwer zu toppen. In unmittelbarer Nachbarschaft zum Postamt Am Kanal tut sich mitten in Potsdam ein neuer Kunstort auf. Wo an der Französischen Straße 18 ehemals die Energie- und Wasser-Betriebe wirtschafteten, ist nach jahrelangem Stillstand ein kompletter Nutzerwechsel erfolgt. Chris Hinze, Mikos Meininger und Constanze Henning möchten von hier aus in Potsdams Kunstszene neue Impulse setzen. Ihr Atelierhaus sehen sie als offenen Raum für Begegnungen und kreativen Austausch, in dem es immer wieder auch Ausstellungen geben wird.

Bei der Eröffnung am Freitagabend präsentierte sich das Haus stellenweise noch im Rohbauzustand. Seit der Schlüsselübergabe Ende August hatten die neuen Betreiber, unterstützt von tatkräftigen Helfern, containerweise Schutt abtransportiert, Wände rausgenommen, Wasser und Elektrizität gelegt. Auf diese Weise ist in denkbar kurzer Zeit ein Atelierhaus mit Loftcharme entstanden, das auf zwei Ebenen inklusive Lagerfläche stolze 800 Quadratmeter umfasst.

Im Erdgeschoss zeigt der Schweizer Künstler Augustinus Markus Rupp, alias Gass Rupp, Bilder und Installationen, in denen er sich „mit Mauern, Mauerfällen, inneren und äußeren Grenzen“ auseinandersetzt.

Ausgangspunkt seiner Bildfindungen sind meist Schnappschüsse mit der eigenen Kamera oder Nachrichtenbilder, die er abfotografiert. „Ich bin mehr ein Spiegel“, sagt Gass Rupp. Er ist einer, der festhält, was geschieht, kompromisslos, ohne Beschönigung. Seine Kunst zielt auf genaueres Hinschauen, kritisches Hinterfragen.

Seit dem Golfkrieg sind dem Künstler aus St. Gallen die schönen Bilder ein für alle Mal vergangen. Manchmal greift er zu reichlich drastischen Formulierungen, um Gewalt und Unterdrückung anzuprangern. In der Ausstellung bezeugt dies eine Arbeit, in der eine Egge hinterrücks die Großaufnahme eines weiblichen Aktes perforiert. Daneben lösen nicht minder Innen- und Außenansichten von Gefängnissen, Fliegergeschwader und militärische Paraden Betroffenheit aus. Gemalt mit Wachskreide auf schwarzem Halbkarton im Querformat wecken diese Bilder – auch bedingt durch die Art der Rahmung und Montage auf Paneelen – Assoziationen an Fotosequenzen oder Filmstreifen. Diese Malerei ist eine ständige Gratwanderung zwischen Dokumentation und Kommentar. Gern arbeitet der unkonventionell daherkommende Schweizer, der als Maler mit demselben Engagement auch tätowiert, mit Gegensätzen und Paradoxien. Sicher auch, um die zerstörerische Wirkung von Mauern und Barrieren jeglicher Art zu unterwandern und zum Wanken zu bringen.

Installationen bergen noch eine andere Kraft: „Die sind knallhart und direkt“, sagt Rupp, und findet doch für seine Potsdamer Ausstellung eine poetische Variante. „Windrosen“ heißt die vergängliche Installation aus 450 Rosen, die er, angefächelt von einem Ventilator, an der Decke schweben lässt. Im Atelierhaus sans titre (ohne Titel) steht die Einladung auswärtiger – gerne internationaler – Künstler künftig fest auf dem Programm. Chris Hinze und Mikos Meininger möchten sich, flankiert von Constanze Henning für Öffentlichkeitsarbeit und Veranstaltungsmanagement, auf Künstler konzentrieren, die man in Potsdam nicht schon kennt. Einmal abgesehen davon sorgen Leute, die von außen kommen, ganz von alleine für frischen Wind und neue Ideen. Die Einladung von Kunststipendiaten ins Atelierhaus sans titre gehört daher mit zum Konzept. Im Verbund mit dem Vermieter Potsdamer Wohnungsgenossenschaft (PWG), der das Vorhaben der Künstler ideell unterstützt, wäre die Bereitstellung geeigneter Unterkünfte für die Stipendiaten somit gleich mit abgedeckt.

Bis die geplanten Workshops, Lesungen und musikalischen Darbietungen im Atelierhaus über die Bühne gehen werden, ist allerdings noch eine Menge zu tun. Nach der Auflösung des bisherigen gemeinsamen Standorts in der Puschkinallee erfordern die Fertigstellung der neu gewonnenen Räumlichkeiten und die Suche nach weiteren Mitnutzern vorerst noch ihren Tribut.

Öffnungszeiten der Ausstellung „Ein schmaler Grat“: Bis zum 25.10., Do-So 14-20 Uhr. Französische Straße 18.

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