Kultur : Von allen Metaphern befreit

Eine erstaunliche Ausstellung mit Landschaftsbildern von Bernd Hering im Kulturministerium

Oliver Dietrich

Wenn man die Arbeiten des Künstlers Bernd Hering betrachtet, die derzeit im zweiten Flur des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur ausgestellt werden, fallen zwei Sachen auf: Es gibt nur ein Sujet – Landschaften –, und es tritt eine erstaunliche Vielfalt zutage, fast schon, als würde es sich nicht um ein und denselben Künstler handeln.

Dass es in dieser Ausstellung nur Landschaften zu sehen gibt, ist natürlich beabsichtigt. Wobei Bernd Hering sich in seiner künstlerischen Vita maßgeblich zwei Themen widmete: zum einem dem menschlichen Körper und zum anderen den Landschaften, die er jedoch nicht einfach kopierte, sondern aus einer fast schon wissenschaftlichen Neugier heraus auf Papier beziehungsweise Leinwand brachte.

Bernd Eichmann begann im April dieses Jahres, das Gesamtwerk des Künstlers, also seinen malerischen und zeichnerischen Nachlasses, zu sichten, zu fotografieren, zu katalogisieren und eine Datenbank anzulegen, mit der man als Interessierter einen geordneten Zugriff erhält. Am Donnerstag war nicht nur er, sondern auch Bernd Herings Familie zur Ausstellungseröffnung gekommen. Allen merkte man die immer noch nachhallende Begeisterung für das Oeuvre des Künstlers an.

Bernd Hering, 1924 in Hamburg geboren und 2013 in Potsdam gestorben, gilt als einer der prägenden deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts, wobei er sich gerade nicht den Stilen und Moden der Dekaden unterordnete, sondern eher mit den aufkommenden Strömungen experimentierte, um das Beste herauszufiltern. Seine letzte Zeit verbrachte er in einem Mehrgenerationenhaus am Potsdamer Park Sanssouci. Hering, der im bildungsbürgerlichen Umfeld von Hamburg aufwuchs, malte bereits im Schulalter und verdiente seine ersten Groschen mit der Darstellung von Zootieren und maritimen Motiven, so Eichmann: „Er wurde groß mit Hafen und Hagenbeck.“ Und entwickelte eine Leidenschaft für Emil Nolde und Paul Klee – gerade für die Künstler, die in der NS-Zeit als „entartet“ verpönt waren. Nach dem Zweiten Weltkrieg landet Hering dann an der Hamburger Landeskunstschule – „in einem guten Jahrgang“, wie er selbst über diese Zeit sagte. Seine Kommilitonen sind Horst Janssen und Vicco von Bülow, der später als Loriot bekannt werden sollte. Hering wird also Kunstpädagoge – und hängt den Job schließlich 1975 an den Nagel, um nur noch Künstler zu sein. Er lebt fortan im hessischen Völzberg und im südfranzösischen Ardèche, aber auch die norddeutsche Küste bleibt seine Heimat.

„Mit dem Abstraktionsdogma der Nachkriegsmoderne gab er sich nicht ab. Er blieb konkret“, sagt Eichmann über den Künstler. Und so finden sich immer wieder Landschaften, Hafenanlagen und später – in seiner Potsdamer Zeit – die Bäume von Sanssouci. Doch seine Landschaften grenzte er bewusst von der Romantik ab: „Anders als Caspar David Friedrich brauche ich kein Kreuz auf dem Berggipfel, um ihn mit Bedeutung aufzuladen. Ich habe keine Botschaft. Nur ein Bild“, sagte er zu Beginn der Neunzigerjahre in einem Werkstattgespräch zu Eichmann. Und er verzichtete bewusst auf den menschlichen Maßstab in seinen Bildern, bereinigte sie von allen Spuren: Kein Haus, kein Strommast ist auf den Bildern zu sehen.

Dennoch scheute Hering sich nicht vor Experimenten, in den 60er-Jahren versuchte er sich sogar an Pop-Art, was die Familie irritierte – doch brachte ihm diese Richtung nichts, weshalb er sie wieder fallen ließ. Aber sein Stil änderte sich: So sind die älteren Arbeiten, Holzschnitte etwa, so reduziert, dass nur Titel wie etwa „Dünenlandschaften“ auf das Dargestellte schließen lassen. Oder die Aquarelle, die immer wiederkehrende Motive bemühen, sich fast zu wiederholen scheinen: immer wieder Bäume. Dann das Spiel mit dem Bild hinter dem Bild: Betrachtet man das Aquarell „Bewaldeter Hang“, dann finden sich Silhouetten hinter den Flächen, die sich fast als menschlich aufdrängen – da ist doch ein Gesicht dahinter, ganz schemenhaft. Vielleicht lässt er die Menschen in seinen Bildern nicht verschwinden, sondern versteckt sie nur. Später, in seiner Potsdamer Zeit, arbeitete er mit kräftigen, leuchtenden Farben, was bestimmt an seinem nachlassenden Augenlicht gelegen haben mag.

Aber am beeindruckendsten sind sicherlich die großformatigen Acrylgemälde, die den Betrachter wie angewurzelt verharren lassen: Was von Weitem wie eine detaillierte, fast fotografische Landschaftsdarstellung aussieht, offenbart sich bei näherer Betrachtung als pointilistisches Werk, das aus unzähligen kleinen Punkten und Acrylschichten besteht: blaue und rote Punkte, die sich zu einer grün-braunen Natürlichkeit vereinen, sobald man sich vom Bild entfernt, zum Beispiel von „Eichwald“, oder „Watt“, das aus so vielen eingearbeiteten Lichtreflexen besteht, dass man als Betrachter oben und unten vermengt.

Er sei ein sehr routinierter Maler gewesen, der seinen Tagesablauf streng nach dem Malen ausrichtete, sagt seine Tochter. Dafür habe er die Wintermonate reserviert, in denen er täglich mehrere Stunden an einem Bild arbeitete, Punkt für Punkt. Manches Acrylbild brauchte so zwei Winter, um zu entstehen: „Dann saß er da in seinem Atelier und malte, die Nase fast auf dem Bild.“

Die Ausstellung „Malen heißt vor Augen führen“ mit Einblicken in das Gesamtwerk Bernd Herings in der zweiten Etage des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur in der Dortustraße 36 ist noch bis zum 27. August montags bis freitags 7-18 Uhr zu sehen.

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