Kultur : „Verbeugung vor Auguste“

Unerreichte Erzählökonomie: Thomas Brussig über das Vorbild für seine „Weihnachtsgans Hermine“

Foto:Ambra Durante

Herr Brussig, Sie haben für Ihr Buch „Die Weihnachtsgans Hermine“ auf Ihrem Hof in Mecklenburg-Vorpommern selbst eine Gans gehalten. Wie haben Sie das erlebt?

Ich hatte mir die Gans geholt, weil ich eben dieses Buch schreiben wollte. Man kann es oberflächlich Recherche nennen. Gänse sind sehr schöne Tiere. Sie haben etwas sehr Fotogenes, die Schönheit der Gänse wird immer sichtbar. Aber es ist echt eine Herausforderung, sie im Haus zu halten, selbst wenn es nur darum geht, dass sie da schlafen. Unsere war scheu und schreckhaft. Wenn man ihr hinterhergelaufen ist, um sie in die Kiste zu setzen, war sie sie ganz aufgeregt. Dadurch wurde mein Sohn, der war sechs, immer aufgeregter, vor Begeisterung juchzte er dann und schrie und das machte die Gans wiederum noch aufgeregter. Das war ziemlich chaotisch.

Also wie es im Buche bei Friedrichs Wolfs „Die Weihnachtsgans Auguste“ steht. Hatte Ihre Gans auch einen Namen?

Nein. Wir haben ihr keinen Namen gegeben. Weil klar gewesen ist – schon bei der Friedrich-Wolf-Erzählung: Wenn dieses Tier einen Namen kriegt, dann ist es aus. Dann ist die Bindung so eng, dass man sie nicht schlachten kann – was wir nicht vorhatten. Es war von vornherein klar, dass wir sie wieder abgeben.

War es Ihre Idee, eine neue Fassung der Weihnachtsgans Auguste zu schreiben oder war es ein Auftragswerk des Verlags?

Der Aufbau-Verlag ist auf mich zugekommen, um ein Remake der Weihnachtsgans Auguste zu machen. Das ist wirklich ein tolles Kinderbuch. In diesem Jahr laufen die Rechte aus. Und die Geschichte hat ja etwas Patina angesetzt, das muss man schon sagen …

Inwiefern?

Allein die Umstände, wie die Gans geholt wurde: Ein paar Wochen vorher war die Gans so billig, dass die Familie sich das leisten konnte. Heute holt man die aus der Tiefkühltruhe. Man muss eine andere Annahme treffen, warum eine lebende Gans in eine Familie kommt.

Diese Patina der Originalgeschichte ist ja auch ganz schön: Bei Friedrich Wolf etwa spricht die Gans Plattdeutsch. Sie haben versucht, das zu erhalten.

Natürlich ist das auch eine Verbeugung vor Friedrich Wolf. Jeder, der etwas vom Erzählen versteht, wird sich erfreuen an dieser klaren Erzählstruktur. Es gibt Dinge, die kannst du viel ausführlicher beschreiben, aber die kannst du auch übergehen oder mit einem Halbsatz erledigen. Da hat Friedrich Wolf ein paar geniale Entscheidungen getroffen. Er ist nicht nur Dramatiker, sondern auch ein richtig guter Erzähler, mit einer so eleganten Erzählökonomie, wie man sie in der deutschen Literatur selten antrifft.

Erinnern Sie sich an Ihre Leseerlebnisse als Kind der „Weihnachtsgans Auguste“?

Ich hatte eine Platte und die habe ich immer wieder gehört. Die Geschichte hatte mir damals schon gefallen. Diese Konstellation – Gans wird gerupft und ist schon tot und kommt aus dem Jenseits zurück –, das ist etwas, was man nicht toppen kann. Da muss ich wirklich sagen: Davor habe ich kapituliert. Die Wolfsche Lösung bleibt unerreicht.

Bei Ihnen ist der Vater nicht Opernsänger, sondern Fernsehkoch und will ein besonders gutes Stück Tier verarbeiten … Und die Gans wird nicht eingeschläfert, sondern sie gelangt auf die Baustelle nebenan.

Ja, bei mir ist sie im Beton festgebacken. Friedrich Wolf war ja Arzt, der kann dann auch solche Annahmen treffen, dass mit dem Schlafmittel Veronal zehn Schwergewichtsboxer in den Tiefschlaf geschickt werden. Ich selbst hab mal aufm Bau gearbeitet. Und so hab ich dann eben Beton genommen.

Es war für Sie die erste Adaption eines Textes. Wie war für Sie das Schreiben nach einer literarischen Vorlage?

Es war natürlich eine schöne Wiederbegegnung. Das, was ich als Schriftsteller oft unterschätze, ist die Struktur. Mir ist klar geworden: Nicht ohne Grund werde ich diese Geschichte gemocht haben. Nicht nur, weil sie einen interessanten Protagonisten hat und die Geschichte einer Freundschaft zwischen einem Kind und einem Tier erzählt. Sondern auch diese Eleganz im Bau und die Originalität. Da kann ich von Friedrich Wolf noch was lernen.

Das Gespräch führte Grit Weirauch

Thomas Brussig liest morgen um 15 Uhr in der Stadt- und Landesbibliothek aus seinem Buch „Die Weihnachtsgans Hermine“

Thomas Brussig wurde 1964 in Ostberlin geboren. 1995 erschien sein Roman „Helden wie wir“, 2004 „Wie es leuchtet“ und zuletzt „Das gibts in keinem Russenfilm“ (2015).