• Utopie der Gleichheit in Potsdam: Blase in Weiß

Utopie der Gleichheit in Potsdam : Blase in Weiß

Das Stück „Homo empathicus“, eine Koproduktion mit der Filmuniversität „Konrad Wolf“, feierte am Donnerstagabend Premiere im Hans Otto Theater.

Carolin Lorenz
In dieser harmoniesüchtigen Gesellschaft, die von Studenten der Babelsberger Filmuniversität verkörpert wird, drängt sich keiner in den Vordergrund. 
In dieser harmoniesüchtigen Gesellschaft, die von Studenten der Babelsberger Filmuniversität verkörpert wird, drängt sich keiner...Foto: Thomas M. Jauk

Potsdam - Der im Sommer dieses Jahres verstorbene dänische Familientherapeut und Bestseller-Autor Jesper Juul schreibt in einem seiner Bücher, in dem es um Empathie geht, tiefschürfende Veränderungen vollzögen sich auf eine unspektakuläre Art und Weise.

Das Stück „Homo empathicus“ von Rebekka Kricheldorf, das am Donnerstagabend in der Reithalle des Hans Otto Theaters Premiere hatte, präsentiert diese eher leise Fähigkeit, einen Perspektivwechsel zu vollziehen und sich – vielleicht für einen Moment nur – in ein Du einfühlen zu können, hingegen als eine große, aufgeblasene Sache: Eine Utopie sei eingetreten, heißt es auf dem Programmzettel zum Stück. „Wir befinden uns in einer offenen Gesellschaft der Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit“, steht da. Neben zahlreichen anderen Unterschieden falle auch die Einteilung in Geschlechter weg. Daher tragen die neun Studenten der Babelsberger Filmuniversität, die in diesem Stück den „Gesellschaftskörper“ darstellen, so unsinnliche Bezeichnungen wie „Ernährendes“, „Studierendes“, „Dozierendes“ oder auch „Hygienespezialisiertes“. Diese Science-Fiction-Anklänge lassen schon die Atmosphäre des Abends erahnen.

Eine  große vermeintliche Harmonie

Eingangs stehen die neun Protagonisten noch kurz in Alltagskleidung auf der Bühne, bis sie sich lachend, stöhnend, weinend und auf den Boden werfend ihrer Sachen entledigen und schließlich in weißen Ganzkörperanzügen – „Unis“ (in französischer Aussprache) genannt – „ auf ein ebenso weißes, angeschrägtes, erhöhtes Rund steigen, das von nun an Handlungsort ist. Hier nun entfaltet sich die große vermeintliche Harmonie zwischen den geschlechtslosen Wesen, von denen eines eine Baby-Andeutung – ein weißes Päckchen – in den Armen hält.

Es werden nun Fragen verhandelt, ob man „Bücher mit Anstreichungen“ verleihen darf, ohne den anderen mit seinen Ansichten zu überrollen oder ob es schlimm sei, aus Versehen auf eine Ameise zu treten. Während dieses unermüdlichen Austausches in großer Rücksichtnahme fallen Sätze wie: „Bitte fühle dich nicht zu einem intimen Geständnis gezwungen, nur damit es mir besser geht.“ Kommt eine eigene Sehnsucht, ein Wunsch auf, bekennt man sich umgehend zu einer „narzisstischen Disponiertheit“. Gibt es eine besonders schöne Begegnung, öffnen alle ihr „Dankbarkeitstagebuch“, um den Moment zu notieren.

Sehnsucht und Schmerz nicht überzeugend

So witzig all diese Überzogenheiten in einer harmoniesüchtigen Gesellschaft anfänglich sind, so schnell nutzt sich diese Inszenierung – Regie führte Ulrike Müller – ab, die in ihren sprachlichen Wiederholungen und gruppentänzerischen Sequenzen mit dem Refrain „Alles geschmeidig, alles biegsam“ wie ein rhythmisches Gedicht auf die Bühne gebracht wird. Ebenso verlieren sich die Videoeinspielungen, in denen die Darsteller über Lebensfragen nachdenken, in plakativen Belanglosigkeiten, die nicht zu berühren vermögen.

Auch die zur Dauerharmonie gegenteilige Zuspitzung des Abends, das Auftauchen von Adam und Eva (Marius Reimert, Paulina Mertl), wirkt in seinen Behauptungen von Gewalt, Leid, Sehnsucht und Schmerz nicht überzeugend. Wir erfahren von diesem Adam in Unterhose und mit nacktem Oberkörper, der gesundheitsschädigend raucht und trinkt, dass seine Frau im roten Unterkleidchen die gemeinsamen Kinder getötet und im Blumenkasten vergraben habe. Weil er wiederum Evas Schwester vergewaltigt habe, weil sie für Geld mit Männern schlief. Weil sie nur gesoffen und nicht gearbeitet hat. Aha. Nach einer reichlichen Stunde werden beide von den Empathievollen in Weiß in der Schüssel ertränkt, aus der sich diese unlängst noch Wasser aus silbernen Kellen reichten.

Alles in allem ist das ein – glücklicherweiser nicht allzu langer – Abend der scheinbar großen Behauptungen und Erörterungen, der sich rasch im weißen Gewaber verliert.

>>Nächste Vorstellung am Mittwoch,am 21. November und am 22. Dezember

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