• Unter die Haut kriechen Annette Baumeister über „Stasi auf dem Schulhof“

Kultur : Unter die Haut kriechen Annette Baumeister über „Stasi auf dem Schulhof“

Astrid Priebs-Tröger

Es ist eine Frage, die so viele beschäftigt: Wie hätte ich wohl gehandelt, wäre ich in eine solche Situation geraten. Die Regisseurin und Journalistin Annette Baumeister beschäftigt diese Frage, seit sie vor fünf Jahren auf das Thema minderjährige inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit gestoßen ist. Ein Thema, das sie nicht mehr losgelassen und das sie in dem Dokumentarfilm „Stasi auf dem Schulhof“ verarbeitet hat. Am Donnerstag stellte Annette Baumeister ihren Film im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte am Neuen Markt vor.

Die Frau mit den wippenden Zöpfen erzählte im vollbesetzten Saal, wie schwierig es gewesen ist, Menschen zu finden, die sich vor laufender Kamera zu diesem Thema äußern wollten. Die ehemaligen jugendlichen Inoffiziellen Mitarbeiter zu überzeugen, war eher möglich, als Lehrer oder frühere Stasioffiziere vor die Kamera zu bekommen. Ihr Dokumentarfilm „Stasi auf dem Schulhof“, der Anfang dieses Jahres in der ARD ausgestrahlt wurde und demnächst in den dritten Programmen zu sehen sein wird, erzählt die Geschichten von Kerstin, Elvira und Marko. Drei Jugendlichen, die minderjährig von der Staatssicherheit, dem Geheimdienst in der DDR, zu Spitzeldiensten gedrängt wurden und damit zu den gut 8000 Kindern und Jugendlichen zählten, die seit 1966 auf diese Weise psychisch-moralisch missbraucht wurden.

Wie brisant das Thema heute noch ist, musste Annette Baumeister selbst erleben. So habe sie während der Dreharbeiten mehrfach Drohanrufe bekommen, erzählte die Regisseurin. Denn ihr Film entlarvt auf erschütternde Weise das innenpolitische System der Kontrolle, Bespitzelung und Unterdrückung der Bevölkerung in der ehemaligen DDR. Und obwohl sie nicht explizit auf die Rolle der SED dabei eingeht, wird vor allem denen, die hier lebten, deutlich, wie sehr die Partei und die Staatssicherheit, deren „Schild und Schwert“, miteinander verwoben waren. Man ist jedoch noch immer sprachlos, wenn man erfährt, dass Schuldirektoren „Schülerakten“ – mit detaillierten Persönlichkeitsbeschreibungen vom Kindergartenalter an – gegen Quittung an Offiziere der Staatssicherheit aushändigten und nicht einmal nachfragten, wozu diese benötigt wurden.

Der Dokumentarfilm zeigt eindringlich, wie stark die Stasi alle Lebensbereiche durchdrungen hatte und wie sehr sich die Angst vor diesem unfassbaren „Monster“ auch auf die Seelen von Kindern und Jugendlichen legte. Besonders berührend im Film ist das tragische Schicksal von Marko, der sich wie viele andere und aufgrund der unterschriebenen Schweigeverpflichtung nicht traute, mit seinen Eltern zu reden. Als er keinen Ausweg mehr wusste, blieb er einfach auf den Straßenbahnschienen stehen. Bei dem Unfall verlor er ein Bein. Der 45-minütige Film erzählt klar aus der Perspektive dieser jugendlichen Täter(Opfer). Er zeigt, mit welchen Methoden der operativen Psychologie es dem Staatssicherheitsdienst gelang, den Jugendlichen „unter die Haut zu kriechen und ins Herz zu schauen“. Besonders perfide ist, dass es ihr beispielsweise bei Kerstin gelang, auch ein positives Gefühl von Auserwähltsein zu erzeugen.

In der sich anschließenden Diskussion wurde bemängelt, dass insgesamt viel zu wenig über die Rolle der SED in der sozialistischen Diktatur des Proletariats geredet wird und dass nach der sogenannten Wende schnell verdrängt wurde, dass es über zweieinhalb Millionen Parteimitglieder gab. Zwei Frauen aus dem Publikum erzählten sehr bewegt, wie die Staatssicherheit in ihr Leben eingegriffen hat, und die Ältere von ihnen machte deutlich, dass sie den seelischen Missbrauch der zum Verrat gezwungenen Minderjährigen fast schlimmer als das eigene erlittene Unrecht empfindet. Und sie fragte, und da war es sehr still im Saal, wann endlich das gesamte System aufgearbeitet wird. Denn Menschen wie Marko kämpfen als Täter(Opfer) auch heute noch darum, als Opfer anerkannt und entschädigt zu werden, auch, um endlich einen Schlussstrich unter das Geschehene ziehen zu können. Astrid Priebs-Tröger

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