Kultur : Unsichtbare Fäden

Improvisation und Intuition im Tanzprozess: Die Brüsseler Compagnie Zoo mit „Inaudible“

A. Priebs-Tröger

Ein Thema durchzieht in verschiedenen Variationen die 26. Potsdamer Tanztage – das der Gemeinschaft. Doch es ist als Zuschauer gar nicht so leicht, von den vielfältigen Mischformen modernen Bewegungstheaters, die in den vergangenen Tagen präsentiert wurden, auf ‚reinen’ Tanz umzuschalten. Denn auch der Schweizer Thomas Hauert setzt mit seiner Brüsseler Compagnie Zoo, mit der er am Dienstag zum ersten Mal in Potsdam zu Gast war, auf das Prinzip Gemeinschaft. Dabei interessiert er sich als Tänzer und Choreograf ganz besonders für die Prozesse von Improvisation und Intuition im tänzerischen Prozess.

Die Gruppe Zoo besteht seit 1997 und ist über die Jahre sehr stabil geblieben. Diese Kontinuität ermöglicht eine Tiefe in der gemeinsamen Arbeit, die im globalisierten zeitgenössischen Tanz selten geworden ist. Schon das Eingangsbild zeigt eine eng miteinander verflochtene Gruppe. Ihre Mitglieder sind so nah beieinander, so vielfältig miteinander verbunden, dass fast nicht auszumachen ist, wie viele Menschen, welchen Geschlechts dort eigentlich in Beziehung sind. Mit zeitlupenhaften Bewegungen im Halbdunkel fließen sie mit-, in- und auch gegeneinander. Immer mal wieder verzerrte Gesichter zeigen auch, dass sich dies für den Einzelnen nicht nur nach „Harmonie“ anfühlt.

Kurz darauf betreten die vier Männer und zwei Frauen die Bühne und agieren (scheinbar) unabhängig voneinander. Sie tanzen kurze Soli zu den Klängen des expressiven Klavierkonzerts F-Dur von George Gershwin. Dieses verbindet harmonische und melodische Elemente des klassischen sinfonischen Schaffens geschickt mit Elementen der Jazzmusik und scheint zur Improvisation geradezu prädestiniert. Die Choreografie von „Inaudible“ entsteht jedoch erst durch die gemeinsame kreative Anstrengung – ohne Anleitung und Hierarchie; Thomas Hauert tanzt selbst mit. Bei längerem Hinsehen erschließt sich das Prinzip: Die Bewegung ist improvisiert, aber die Beziehungen der Tänzer zueinander sind festgelegt. Wie durch unsichtbare Fäden aneinandergebunden, bewegen sich alle im Raum – selbst mit geschlossenen Augen nehmen die einen von den anderen die Bewegungsimpulse auf. Dabei agieren sie beinahe wie Jazzmusiker und stellen eher den Arbeitsprozess denn ein fertiges Produkt auf die Bühne. Diese Unmittelbarkeit und Spannung des Co-Working spürt auch der Zuschauer und wird davon erfasst.

Gershwins Klavier-Konzert „macht bewegen“, wie es Hauert formuliert. Genau dies ist es, was ihn interessiert: Die Körperlichkeit der Musik selbst, die in den Körper eindringt. In Korrespondenz mit einem Stück des zeitgenössischen Komponisten Mauro Lanza entsteht so eine fluoreszierende Intensität – immer wieder voller Humor. Und: Zur Teilhabe des Publikums am kreativen Prozess gehört auch, dass die Tänzer, wenn sie bis zur Erschöpfung getanzt haben, sich vor aller Augen ausruhen. Viel Beifall zum Abschluss eines ungewöhnlichen Tanzabends. A. Priebs-Tröger

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