Kultur : Ungestillte Leidenschaft

Die Kleine Cammer-Music lud zur 6. Venezianischen Nacht in und um die Friedenskirche

Tanzoper im Kreuzgang. „Der Tanz der Spröden“ mit den Sängern Axel Scheidig, Christine Wolf und Johann Moritz von Cube (vorn, v.l.n.r).
Tanzoper im Kreuzgang. „Der Tanz der Spröden“ mit den Sängern Axel Scheidig, Christine Wolf und Johann Moritz von Cube (vorn,...Foto: Manfred Thomas

Seufzend und jubilierend fließt der Canale Grande der Liebe durch die Venezianische Nacht. Er trägt den Schmerz der ungestillten Leidenschaft, das innige Verzehren nach der Angebeteten, das Kokettieren mit der Lust. Dieses ungestüme tiefe Gewässer suchender Seelen durchdringt auch die Nacht in und um die Friedenskirche, die am Samstagabend tief in ein Flair eintaucht, von dem Nietzsche einmal sagte: „Wenn ich ein anderes Wort für Musik suche, so fällt mir nur das Wort Venedig ein“.

Im intimen Rund unter dem Goldmosaik, das Friedrich Wilhelm IV. einst aus einer zerstörten Kirche von der Glas-Insel Murano nach Potsdam brachte, erklingen frühbarocke Gesänge und Musik von Komponisten um Claudio Monteverdi, die schon vor einem halben Jahrtausend die richtige Melodie für Herzensangelegenheiten fanden. Bei der Kleinen Cammer-Music um Wolfgang Hasleder sind sie in besten Händen. Die Potsdamer Musiker verstehen es, die Kraft der alten Musik weiterzutragen und mit ihr die rund 180 Besucher mitzureißen.

Wenn Hasleder auf seiner Geige Biagio Marinis „Sonata Terza“ spielt, tanzen die Noten. Tief beseelt, voller Schwung und Hingabe gestaltet er einen schwülwarmen Sommerabend voller Melancholie, in der auffrischende Böen vor dem Versinken retten. Feinnervig tritt die Geige in Zwiesprache mit der Erzlaute (Shizuko Noiri) und entreißt in der Virtuosität der „schnellen Finger“ dem Instrument all seine Klangfarben.

Der dem „Scherzi musicali“ vorbehaltene erste Teil im Kirchenraum zeigt die Liebe noch von ihrer leichten Seite der Galanterie, die keine Konsequenzen fürchten muss. Da singt quellfrisch und mit lustbetontem Gestaltungswillen Gesine Nowakowski von den Rosen, die sich verstecken wie eine reine Jungfrau. In Monteverdis „Damigella Tutta Bella“ lodern die Flammen der Liebe schon quälender im feurigen Spiel, das die Sopranistin gemeinsam mit dem Bassisten Axel Scheidig mit Nachdruck und natürlichem Charme schüren.

Dieses intime Miteinander von Musikern und dem Publikum, das bei dieser 6. „Venezianischen Nacht“ leider nicht so zahlreich erschien, wie es sich der private Veranstalter Wolfgang Hasleder wohl gewünscht hätte, verliert sich etwas in der abendlichen Kühle des Kreuzgangs. Hier ging es in der Tanzoper „Il Ballo delle Ingrate“ ( Der Tanz der Spröden) um die zum Wahnsinn treibende unerfüllte Liebe. Doch die von Monteverdi vertonte Geschichte Petrarcas um die trotzige Verzweiflung eines jungen Liebhabers, der sich schlaflos auf seinem Lager wälzt, bleibt eher wie ein Gemälde, das im Kerzenschein flackert und die Figuren nur vage heraustreten lässt. Da man im Dunkeln die deutsche Übersetzung der Texte nicht mitlesen kann, bleibt auch der Inhalt nur eine Ahnung. In die schwebt die Tänzerin Jutta Voss hinein, die sich ihres schwarzen Schleiers entledigt und unter ihrem starren Reifrock die Füße leichtfüßig wirbelt, mit gespreizten Fingern immer eine geziemte Vornehmheit bewahrend. Fast puppenhaft wirken heute diese Bewegungen der Renaissance.

Einen modernen Drive gewinnt indes Klaus Büstrin seiner „Dercella“-Novelle aus dem 17. Jahrhundert ab, in der es um die Eifersucht einer Mutter auf die Schönheit ihrer heranwachsenden Tochter geht. Hier wird die reine Liebe neben die intrigante gestellt. Am Ende kommen beide ans Ziel. Klaus Büstrin liest diesen keineswegs anachronistisch anmutenden Text in gelöster Heiterkeit. Muss er während des ersten Teils im Freien seine Stimme noch forcieren und etwas pressen, um ohne Mikrofon auch die entferntesten Zuhörer im Atrium zu erreichen, wirkt sie in ihrer Fortsetzung im Innenraum befreiend gelöst und in wohltemperierter Spannung.

Neben Hasleders virtuoser Meisterleistung bei der „Sonata Terza“ ist Christine Wolfs Interpretation der Schmerzensmutter Maria in „il Pianto della madonna“ von Monteverdi ein weiterer großartiger Moment. „Sieh mich an, mein Jesus, erhöre deine Mutter, die nach dir seufzt, bleich und ermattet und in einem düsteren Tod zusammen mit dir an das harte und unheilvolle Kreuz genagelt werden will“, heißt es in diesem Text, dem sie bis in die Fingerspitzen hinein nachspürt. Wie bei einem großen Aufschrei legt die Sängerin Herz und Seele in die Stimme und gibt ihr auch gestisch einfühlsam Nachdruck. Ein aufwühlender Moment an diesem langen Abend, dessen Ende weit nach Mitternacht nur noch ein kleines wackeres Besucherhäufchen erlebt und dafür mit einem reinen Männer-Quartett belohnt wird, das mit Psalm-Vertonungen von Salomone Rossi aufwartet. Ein klanglich warmer Strom, der die Herzen in kühler Vollmond-Nacht bewegt.