Kultur : Und morgen wird’s utopisch

Das neue Stück von Petra Wüllenweber wurde im Kinder- und Jugendtheater des HOT uraufgeführt

Astrid Priebs-Tröger
Eingehüllt in Leichtigkeit. Auch wenn manche Einfälle des Stückes „Und morgen?“ konstruiert erscheinen – die Darsteller Johannes Heinrichs als Alex und Patrizia Carlucci als Eileen überzeugen mit ihrem engagierten und frischen Spiel.
Eingehüllt in Leichtigkeit. Auch wenn manche Einfälle des Stückes „Und morgen?“ konstruiert erscheinen – die Darsteller Johannes...Foto: Göran Gnaudschun/HOT

Wie sich Eileen und Alex kennenlernen, hat viel jugendliche Leichtigkeit. Doch sonst scheinen die Jugendlichen im uraufgeführten Stück „Und morgen?“ von Petra Wüllenweber am Dienstag in der Reithalle vor allem Probleme zu haben. Eileen (Patrizia Carlucci) ist ein Scheidungskind und kommt mit Stiefmutter und -schwester nicht klar. Klassenkamerad Marvin (León Schröder) kann den hohen Leistungsansprüchen seiner wohlsituierten Eltern niemals gerecht werden und flüchtet sich in Computerspiele. Und Alex (Johannes Heinrichs), der eigentlich Alexej heißt und aus Kasachstan kommt, muss Zeitungen austragen und sich der Kontrolle seines älteren Bruders entziehen.

Was passiert, wenn diese Jugendlichen aus unterschiedlichen sozialen Schichten aufeinandertreffen und die Jungen sich für das gleiche Mädchen interessieren, erzählt Petra Wüllenweber in ihrem neuesten Stück, das sie im Auftrag des Hans Otto Theaters geschrieben hat. Nach den Aufführungen von „Am Horizont“ (2011) und der Uraufführung von „Netboy“ (2013) ist sie damit quasi zur Potsdamer Hausautorin avanciert. Das ist verständlich, greift sie in ihren Stücken doch Themen auf, die gesellschaftlich relevant sind. Erzählt „Am Horizont“ eine Jungengeschichte, in der der Protagonist mit der Alzheimererkrankung seines geliebten Opas fertig werden muss, greift „Netboy“ die Problematik des Cybermobbings auf. In „Und morgen?“ stellt sich für die drei Jugendlichen die Frage nach dem eigenen jetzigen und zukünftigen Platz in dieser Welt. Denn diese etwa 16-jährigen Protagonisten müssen sich allesamt freistrampeln von den Erwartungen ihrer Eltern und den eigenen (Versagens-)Ängsten.

Verliebtsein ist hilfreich auf diesem Weg. Und: Alex ist so ganz anders als der verklemmte Marvin, der sich immer wieder in seine virtuelle Parallelwelt zurückzieht. Alex ist echt hilfsbereit, ziemlich schlagfertig und hat verrückte Ideen: Er steigt in fremde Wohnungen ein. Nicht um zu klauen, sondern um heimlich am Leben anderer Leute teilzuhaben. Dies wirkt, wie auch manch anderes Detail, beispielsweise Eileens Scheren-Ausraster, ziemlich konstruiert, vor allem wenn man den Film „Die fetten Jahre sind vorbei“ (2004) von Hans Weingartner kennt, in dem die etwas älteren Protagonisten gleichfalls in fremde Wohnungen einsteigen, mit dem Ziel, die reiche Oberschicht zu verunsichern. Indem sie Möbel umstellen und Botschaften wie „Sie haben zu viel Geld“ oder „Die fetten Jahre sind vorbei“ hinterlassen.

Doch die Geschichte von Petra Wüllenweber nimmt unter der erneuten Regie von Aurelina Bücher ihren Lauf, was vor allem dem sehr frischen und engagierten Spiel der drei Schauspieler zu verdanken ist. Auch die Familienhintergründe der Figuren erhellen die Darsteller überzeugend. Patrizia Carlucci gibt ihrer Eileen viele Facetten; sie ist genauso behütete Tochter wie lebenshungrige und verletzbare junge Frau, dazu tough und zickig, wütend und verständnisvoll. Von den Jungen ist der Alex von Johannes Heinrichs die interessantere Figur, weil er eine größere Bandbreite, auch an Gefühlen, zeigen darf. Heinrichs gibt Alex als starken Charakter mit Sehnsucht nach einem besseren Leben. Da ist viel Leichtigkeit und Wissen um die eigene Kraft. León Schröder als Marvin hat es am schwersten, dem Klischee zu entgehen. Doch sein Panzer bricht langsam auf und sein Herz kommt zum Vorschein.

Das vorwiegend gleichaltrige Schülerpublikum verfolgte am Dienstagabend gespannt das Geschehen – das sich im Bühnenbild von Matthias Müller flott erzählte und genauso umsetzen ließ. Die graue Wand, die die ganze Bühnenbreite einnahm, war mit ihren Türöffnungen, dem „Schaufenster“, den Sitzgelegenheiten auf zwei Ebenen begeh- und bespielbar. Sie war Schul- und Bahnhof, Bunker und Schlafzimmer, fremder Hobbykeller und Zimmer von Marvin zugleich. Das funktionierte bestens.

Weniger überzeugend war das Ende des Stückes und der Inszenierung. Aus den vorhandenen sozialen Unterschieden entwickelte sich schnell – zu schnell – eine Annäherung mittels kompetenter russischer Physiknachhilfe. Das ist eine schöne Utopie – aber von der Realität, sei es in Potsdam oder in Berlin-Neukölln, sehr weit entfernt.

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