Kultur : Und immer wieder Mozart

Traumreisen in Bildern und Sälen: Unterwegs zwischen Nikolaisaal, Theater, T-Werk, fabrik und Schulen

Babette Kaiserkern

WEGE ZU MOZART

Der Blick in den Potsdamer Musikkalender des vergangenen Jahres zeigt einen klaren Schwerpunkt: Mozart. Die Kammerakademie Potsdam, die ihren fünften Geburtstag feierte, zeigte eine vergnügliche Lehrstunde „Mozart für Kinder“. In der fantasievollen Koproduktion des brandenburgischen Ensembles „I Confidenti“ und der „L’Académie Baroque de Montréal“ gab es „Mozart als Teenager“. Das Neue Kammerorchester Potsdam servierte mit Yaron Gottfrieds Kedma-Trio Mozart mit Klangtupfern von Jazz, Big Band und Musical und das Brandenburgische Staatsorchester präsentierte hinreißend „Drei Generationen Mozart“. Einen würdevollen Schlusspunkt setzten „Campus cantabile“ und „Sinfonietta“ der Universität Potsdam mit ihrer eindrucksvoll inszenierten und von Walter Jens rhetorisch bereicherten „Begräbnismusik für Mozart“.

Auch die Musikfestspiele Sanssouci nahmen das zweihundertfünfzigste Jahr nach der Geburt des Salzburger Musikzauberers als willkommenen Anlass, um mit 40 Konzerten und 740 Künstlern zu demonstrieren, wie vielfältig die musikalischen Wege sind, die zu Mozart führen.

Was würde dieser angesichts der zahlreichen Huldigungen der heutigen Menschen wohl sagen? Würde er sich wundern, dass sie so wenig zeitgenössische Musik spielen? Würde er diesen Wirbel als modernen Medienhype und geschicktes Marketing verbuchen? Oder hätte er tatsächlich die Substanz seines musikalisches Vermächtnisses heraus gehört? Auf diese Fragen gibt es sicher mehrere Antworten, je nach Anlass, Ausführung und Ausführenden.

Doch es gab auch anderes zu entdecken, im Nikolaisaal zum Beispiel lateinamerikanische Symphonik mit afrikanischen Rhythmen zum Tod der Schlange „Sensemayá“, prasselnde Kastagnettenwirbel mit der reizenden Friederike von Krosigk, Flamenco modern in der fünften Auflage von Nina Corti und mexikanische Barockmusik mit einem Hauch Exotik und Erotik beim Ensemble „Los Otros“ mit der großartigen Gambistin Hille Perl.

Außer den bewährt-beliebten Filmlivekonzerten mit dem Deutschen Filmorchester Babelsberg gab es im Nikolaisaal zudem eine Reihe ganz außergewöhnlicher Konzerte. Starklarinettistin Sabine Meyer und drei weitere Klarinettisten lieferten sich einen kuriosen Wettstreit mit der facettenreichen Klangfülle der Drehorgel des französischen Tüftlers Pierre Charial. Nach dreimaliger Absage kam einer der großen Musiker unserer Zeit in den Nikolaisaal. Yann Thiersen wirbelte auf Geige, E-Gitarre, Akkordeon und diversen Spielzeuginstrumenten als veritabler „Paganini des Punk“ und erschreckte mit seiner Lautstärke alle diejenigen, die sich sanft säuselnde Klänge im Stil der Filmmusik von „Amélie“ und „Good Bye, Lenin“ erwartet hatten. Eine lebende Legende darf Georges Moustaki genannt werden, der mit 71 Jahren ein umjubeltes Konzert gab, bei dem Erinnerungen an die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts lebendig wurden mit all der Aufbruchsstimmung.

Eifrig setzte sich der musikalische Nachwuchs in Szene, so beim Wettbewerb „Jugend musiziert“, an dem 216 Musikschüler teilnahmen, darunter 86 der Städtischen Musikschule Potsdam, von denen die Hälfte eine Weiterleitung zum Landeswettbewerb erreichte. Das Jugendsinfonieorchester führte den „Karneval der Tiere“ gemeinsam mit vielen Klavierschülern auf und zeigte bei den „Festlichen Klängen zur Weihnachtszeit“ sein beachtliches Niveau.

Unter den Schulen der Stadt beeindruckten das Evangelische Gymnasium Herrmannswerder mit der „Johannespassion“ von Johann Sebastian Bach und das Helmholtz-Gymnasium mit einer phantastischen Aufführung des vom Disneyfilm inspirierten Musicals „König der Löwen“.

Babette Kaiserkern

GROSSE MUSIK IM KLEINFORMAT

Für diesen Rückblick bleiben wir an einem Ort: im Foyer des Nikolaisaals. „Stunde der Musik“ und „The Voice in Concert“ – Musik im Kleinformat, was sich aber nur auf die Größe der Ensembles und Bands beziehen kann. Denn was hier in den vergangenen Monaten zu erleben war, hat oft das Prädikat „ganz groß“ verdient. Die schwedische Sängerin Viktoria Tolstoy mit ihren Musikern, der Berliner Konzerthausorganist Joachim Dalitz und der Merseburger Domorganist Michael Schönheit in ihrem liebevollen Tastenduell, um dem Publikum die wahre Art „das Clavier zu spielen“ zu zeigen. Das Cécile Verny Quartet und der Pianist Zeljko Vlahovic. Das könnte jetzt so weiter geführt werden, einfach nur aus dem Programmheft vorlesen. Laura Lopez Castro und erst vor wenigen Tagen das Berliner Quartett y move. Gut, über Cyminology kann man sich streiten. Denn deren Sängerin Cymin Samawatie mit ihrem ausgeprägtem Hang zum „Uhhh“- und „Ahhh“-Gesäusel ließ einen manchmal fast verzweifeln.

Überraschungen gab es auch. Da waren die drei Musiker von Jerobeam. Purer Rock, der etwas fehl am Platze oder besser gesagt im Foyer wirkte. Doch Band und Publikum nahmen es gelassen und so wurde der Abend wieder einmal ein ganz großer.

Also wunschlos glücklich? Nicht ganz. Denn der stimmlose Jazz wurde vermisst. Die Reihe „Foyer-Variationen“, in der große Meister ihres Instruments wie Bobo Stenson oder Giacomo Aula in den vergangenen Jahren im Nikolaisaal auftraten, ist auf der Strecke geblieben. Dafür wird es Gründe geben, die wie so oft vielleicht im Geld, das nicht da ist, zu suchen sind. Doch sie fehlen, diese Abende, an denen nur ein Instrument die Hauptstimme singt. Wunschlos glücklich wird der Mensch wohl nie sein. Aber mit ein paar „Foyer-Variationen“ im neuen Jahr wären wir ganz dicht dran. Dirk Becker

WILDE BIESTER

2006 begann mit einem Feuerwerk, genauer gesagt, mit einem fantastischen Geschichtenreigen während der 2. Märchennacht im T-Werk. Die hatte unter dem Motto „Verwunschene Zeit“ vom filigranen Papiertheater über „Häwelmanns“ poetische Traumreise bis hin zu den handfesten, Fischsuppe kochenden „Machandelboom“-Erzählern fast alles zu bieten, was die Herzen von kleinen und großen Märchenfans höher schlagen ließ.

Kurz vor dem Jahresende tummelten sich in der fabrik in der Schiffbauergasse in einer sehr amüsanten Revue viele „Wilde Biester“. Da waren die Akteure jedoch keine professionellen Schauspieler, sondern die Mitglieder aus allen Theatergruppen des ebenso rührigen wie seit Jahren erfolgreichen Offenen Kunstvereins.

Und zwischen diesen beiden Theateraufführungen lagen wie in jedem Jahr zahlreiche sehenswerte, engagierte und immer fantasievolle Kunstereignisse für die oder mit der Altersgruppe zwischen 5 und 25.

Erinnert sei besonders an die 12. Kinderkulturtage, das vierzehntägige Festival im Mai, das zu Aufführungen mit Theatermachern von vier Kontinenten wiederum ins T-Werk lud. Oder an die leidenschaftliche Inszenierung des HOT-Jugendclubs, die sich mit dem Leben des Schauspielers und Kommunisten Hans Otto auseinander setzte. Dass Kinder nicht nur Märchen hören oder den lieben langen Tag träumen wollen, zeigten auch einmal mehr die Kursteilnehmer der Kunstschule Potsdam. In den sechs Ausstellungen im abgelaufenen Jahr beschäftigten sie sich sowohl mit Mozarts „Zauberflöte“, als auch im Brandenburger „Jahr der Architektur“, mit Fundamenten und Ornamenten.

Genauso wie der Offene Kunstverein oder die siebente Klasse des Einstein-Gymnasiums, die das Potsdam-Museum im März sehr lebendig werden ließ. Darüber hinaus gab es verträumtes „Goigoi“-Clownstheater, tolle „Montellino“-Zirkusaufführungen und kurz vor den Sommerferien die Premiere von „Dornröschen“, getanzt von 250 Eleven des Ballettstudios Erxleben.

Und nicht zuletzt witzige und berührende Inszenierungen, wie die von „FlussPferde“, mit der das Kinder- und Jugendtheater des HOT im Herbst die neue Spielzeit eröffnete. Astrid Priebs-Tröger

BEGEGNUNGEN

Begegnungen mit Kunst und Kultur sind immer auch Begegnungen mit schöpferischen Zeitgenossen. Persönliche „Berührungen“ haben oft sogar eine längere Dauer als die Erinnerung an ein Konzert, an ein Bild oder Wort. Wenn etwa Rainer Simon, Filmregisseur und Autor des Romans „Die Regenbogenboa“, ins tiefste Amazonien reisen musste, um seine Kindheit zu erkennen, so hat dieser „Schnittpunkt“, um im neusten Jargon zu bleiben, einen erheblichen Lehrwert. Zu den „Tagen der offenen Ateliers“ taten sich Türen auf, an denen man sonst nur vorbeifährt. Im Garten der Wildenbrucher Familie Jurke traf man nicht nur ein Universum osteuropäischer Gegenwartskunst, sondern auch auf lebendige Maler.

Überall wurde man freundlich empfangen. Die Hamburgerin Sigi Helgard gab Anfang September im Hotel Mercure eine lebhafte Sonderführung durch ihre Galerie deutscher Bundeskanzler, bei der Ausstellung „Sabinerinnen“ von Potsdamer Malerinnen in Töplitz erfuhr man, wie aktuell die griechische Mythologie den Zeitgenossen zu berühren vermag, man hat die Antike ja in sich. Auch die Freundlichkeit im Caputher „Haus der Klänge“ gehört selbstverständlich hierher.

Fleißig und wachsam wie immer die „arche“, man wünschte, dass Potsdam alles, was dort reflektiert wird, auch als Wink für sich selbst verstände. In Siethen schufen Potsdamer Künstler mit Jugendlichen mit besonderem Förderbedarf ein historisches „Ausgrabungsareal“, Kähnsdorfs Findlingsgarten brachte die unterschiedlichsten Bildhauer für die neue Skulpturenschau zusammen.

Während sich ganz Potsdam tief vor Mozart und Schinkel beugte, erträumte sich in einem Konzertmarathon die Friedenskirche erstmals ihr nächtliches Venetien. Besonders tief aber war die Begegnung mit Häftlingen der JVA Wriezen: In Wittenbrinks Knast-Stück „Männer“, von der Stadtspieltruppe gut inszeniert, ist eine Szene, darin eine Frau ihrem Freund hinter Gittern postalisch den Laufpass gibt. „Tu’ ihr weh“, flüsterte ein junger Gefangener bewegt dem Schauspieler zu. Dieses Wort hielt sich 2006 im Kopfe am längsten. Gerold Paul

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