Kultur : Unbequeme Zeitgenossen

Vortrag über Johannes Lepsius in der Potsdamer Urania

Astrid Priebs-Tröger

Der Dichter Franz Werfel bezeichnete ihn als „Schutzengel der Armenier“ und setzte ihm in seinem Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ ein literarisches Denkmal. Eine große türkische Zeitung hingegen verunglimpfte ihn vor kurzem als Erfinder des Genozids an den Armeniern während des ersten Weltkrieges. Die Rede ist von dem deutschen Theologen Johannes Lepsius, der von 1907 bis 1925 in Potsdam wirkte und sich von hier aus als Helfer des armenischen Volkes engagierte.

Am Donnerstag hielt Prof. Hermann Goltz, der sich seit Jahrzehnten wissenschaftlich mit dem Leben und Werk dieses christlichen Streiters für Völker- und Menschenrechte auseinandersetzt, in der Potsdamer Urania einen enthusiastischen Vortrag über diesen weltweit geachteten Anwalt des armenischen Volkes. Der evangelische Theologe, der 1981 das Lepsius-Archiv an der Martin-Luther-Universität Halle Wittenberg gründete, spiegelte Lepsius“ Wirken und dessen Wirkungen anhand von preußischen Polizeiakten.

1895 erschien Lepsius Schrift „Armenien und Europa“ – eine Anklageschrift wider die christlichen Großmächte und ein Aufruf an das christliche Deutschland. Dieses Werk, das die heute weniger beachteten hamidischen Massaker Ende des 19. Jahrhunderts an den Armeniern dokumentierte, schlug in Deutschland damals ein wie der Blitz. Es wurde mehrfach übersetzt und die Preußische Politische Polizei beobachtete seit diesem Zeitpunkt Lepsius“ Aktivitäten im Zusammenhang mit der Gründung seines armenischen Hilfswerks und seine Agitationen zugunsten der proarmenischen Bewegung mit Argusaugen. Die Überwachungsprotokolle von Versammlungen, die Flugblätter, Reden und Artikel, die die damaligen Beamten akribisch gesammelt haben, sind heute ein hervorragendes Zeitdokument. Goltz hat die mehr als 100-seitige Akte im Geheimen Preußischen Staatsarchiv studiert und darin auch weniger bekannte Fakten zur Wirkung von Lepsius gefunden. So konnte er anhand von Versammlungsprotokollen belegen, dass sich im damaligen deutschen Reich durchaus eine breite proarmenische Bewegung herausgebildet hatte, die auch mithilfe von nicht unbeträchtlichen Spendenmitteln ganz praktische Wirkungen vor Ort erzielte. Außerdem gelang es ihm, in seinem mitreißenden und faktenreichen Vortrag zu zeigen, welche Auswirkungen die armenische Frage auch auf die damalige sogenannte große Politik hatte. Parallelen zur Gegenwart wurden dabei mehr als einmal offenkundig.

„Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen“, schrieb der Romancier William Faulkner. Wie recht er damit hatte, zeigte sich einmal mehr vor vier Wochen in Istanbul, als der armenische Journalist Hrant Dink dort auf offener Straße erschossen wurde. Auch Dink war, wie Lepsius, ein unbequemer Zeitgenosse, hat er doch immer wieder versucht, mit seinen türkischen Mitbürgern das Gespräch über die lange verdrängte Vergangenheit zu eröffnen.

Der Vorstand des Fördervereins des Lepsius-Hauses Potsdam, dem auch Hermann Goltz angehört, schlug deshalb vor, zum symbolischen Gedächtnis an die Opfer des Genozids, eine Straße in Potsdam nach Hrant Dink zu benennen.

Astrid Priebs-Tröger

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