• Umstrittener Autor im Nikolaisaal: Thilo und seine Fans

Umstrittener Autor im Nikolaisaal : Thilo und seine Fans

Eine bedenkliche Buchvorstellung: Der Autor Thilo Sarrazin verkauft sein Buch ganaz gut - fühlt sich aber von "Tugendterroristen" verfolgt.

Daniel Flügel
Posieren mit dem Selbstmitleid: Der Autor Thilo Sarrazin verkauft seine Bücher gut - fühlt sich aber von "Tugendterroristen" in seiner Meinungsfreiheit verfolgt.
Posieren mit dem Selbstmitleid: Der Autor Thilo Sarrazin verkauft seine Bücher gut - fühlt sich aber von "Tugendterroristen" in...Foto: dpa

Es ist schon Tradition, dass Thilo Sarrazin nach Potsdam kommt, sobald er ein neues Buch geschrieben hat und es zum ersten Mal öffentlich vorstellt. Nachdem er dies 2010 mit seinem bis heute kontrovers diskutierten Buch „Deutschland schafft sich ab“ und 2012 mit dem Nachfolger „Deutschland braucht den Euro nicht“ so handhabte, präsentierte er am Dienstagabend nun auch sein neues Buch „Der neue Tugendterror. Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland“ (DVA München, 19,99 Euro) im Nikolaisaal erstmals einem Publikum. Auch an diesem Abend gab es draußen das obligatorische Protestgezeter und das übliche Aufgebot an Sicherheitsleuten.

Drinnen im Saal muss man erst recht keine Störungen befürchten. Schnell wird klar, dass Thilo Sarrazin, der sich zunächst einmal minutenlang, sein Buch vor den Bauch haltend, im Blitzlichtgewitter der Pressefotografen sonnt und dann bald schon in Zwischenapplausen baden kann, von den überwiegend älteren Gästen wie ein Star gefeiert wird. Die Journalisten in der ersten Sitzreihe enthalten sich des Beifalls. Verständlich, sind sie es doch, denen Sarrazins lauthals geäußerter Unmut gilt. Mehr noch, gerade die vielen schlechten Kritiken der laut Sarrazin ohnehin mehrheitlich linksliberalen und machthungrigen Medien auf sein Buch „Deutschland schafft sich ab“ hätten ihm die Grenzen der Meinungsfreiheit und einen damit verbundenen Tugendterror in Deutschland gezeigt und ihn dazu gebracht, sein neues Buch zu schreiben. Dass er darin auch positive Reaktionen auf seinen Erstling zitiert und somit die These von einer angeblichen Meinungsdiktatur im Grunde schon widerlegt, scheint Sarrazin nicht zu stören. Auf die Frage des Moderators Alexander Kissler, ob man nicht unterscheiden müsse, was man als öffentliche und als private Person sagen dürfe, entgegnet der 69-Jährige nach langem Abschweifen, dass „wir“ uns auch privat unwohl fühlten, wenn unsere Meinung nicht medienkonform sei, ja, dass die Menschen aufgrund dieses Drucks und aus Angst vor Isolation sich auch im Freundeskreis nicht mehr alles zu sagen trauten. Dass es hier Zwischenapplaus gibt, ist beinahe schon deprimierend.

Sarrazins Ansicht nach greife also ein Gleichheitswahn in den Medien um sich „wie einst das Christentum im Römischen Reich“. Dieser Gleichheitswahn sei in der Tat wie eine Religion, leiste also keinen Beitrag zum Fortschritt, so Sarrazin. Ob es ihm mit seinem Buch allerdings um den gesellschaftlichen Fortschritt geht, mag leise bezweifelt werden. Denn um die Kernaussage seines Buches zu verdeutlichen, konstruiert Sarrazin darin „vierzehn Axiome des Tugendwahns im Deutschland der Gegenwart“, also ironisch überspitzte Gegenpositionen, denen er dann seine „Wirklichkeit“ entgegensetzt. Wer aber vertritt allen Ernstes diese so von ihm konstruierten, teilweise haarsträubenden und durch ihre Klischeefülle sich als kaum haltbar erweisenden Thesen über den Gleichheitswahn, wonach „sich schuldig fühlen sollte, wer reich ist“, „der Leistungswettbewerb fragwürdig ist“, „Einwanderung alle westlichen demografischen Probleme löst“ oder „Kinder nicht Vater und Mutter brauchen, da das klassische Familienbild sich überlebt hat“? So und nicht anders denkt laut Sarrazin die dem Gleichheitswahn erlegene große Medien- und Politikerclique der Tugendterroristen. Das Publikum lacht und applaudiert immer häufiger.

Als Sarrazin mal wieder die Rückständigkeit des Islam beschreibt und das lakonisch damit zu beweisen versucht, dass ja noch nie ein Araber mit dem Nobelpreis geehrt worden sei, bleibt das Klatschen nicht aus. Kein Wunder, dass bei der anschließenden Signierstunde vereinzelte „Thilo“-Rufe ertönen. Daniel Flügel