• Umkämpfte Moderne im Potsdam Museum: Der Provokateur

Umkämpfte Moderne im Potsdam Museum : Der Provokateur

Das Potsdam Museum zeigt den revolutionären Geist der "Novembergruppe" in der Wilhelminischen Zeit  und lässt den Wahlpotsdamer Wilhelm Schmid auferstehen.

Im Selbstbildnis. Der Architekt und Maler Wilhelm Schmid 1925.
Im Selbstbildnis. Der Architekt und Maler Wilhelm Schmid 1925.Foto: Martin Müller

Farbgewaltig, hintergründig und auf groteske Weise faszinierend: So wirken die Gemälde des Wahlpotsdamers Wilhelm Schmid (1892–1971). Kaum jemand erinnert sich an diesen Schweizer Architekten und Maler, der nach dem Ersten Weltkrieg für Zündstoff in der Kunstkritik sorgte und im Rampenlicht der Berliner „Novembergruppe“ stand. Das Potsdam Museum hat diesen vergessenen „Sohn“ nun wieder zurückgeholt: mit einer bildgewaltigen, lokal eingebetteten Schau – einfühlsam, aufwühlend, in kräftige Farben getaucht.

Zurück an den Ort des Entstehens

Unter den 130 Exponaten befinden sich 58 Gemälde, Zeichnungen und Grafiken von Wilhelm Schmid, die zumeist noch nie in Deutschland zu sehen waren – und überwiegend hier, in Potsdam, entstanden sind. Die von der Designagentur Freybeuter aus Groß Kreutz gestaltete Ausstellung „Umkämpfte Moderne“ kommt in einem frischen, petrol-orange-farbigen Gewand daher und beginnt als erster Teil des Doppelprojekts „Umkämpfte Moderne“ mit „Wilhelm Schmid und die Novembergruppe“ schon vor der Haustür.

Dem oft übersehenen Museumseingang wurde ein Portal vor die Nase gesetzt: mit einem Bildnis Wilhelm Schmids, der provokant um die Ecke schaut. Ja, ein Provokateur, ein Freigeist war er: dieser Weltbürger, der immer dort arbeitete, wo es brodelte, sich Neues herausschälte – erst in Berlin, dann in Paris. Bis ihn nach der revolutionären, pluralistischen Zeit der Weimarer Republik die Nazis ausbremsten und ihn mit dem Stempel „Entartete Kunst“ kaltstellten. 

Maria Metz als "Dame im Pelz", gemalt 1929/30 in Potsdam von ihrem Mann Wilhelm Schmid
Maria Metz als "Dame im Pelz", gemalt 1929/30 in Potsdam von ihrem Mann Wilhelm SchmidFoto: Martin Müller


Das Etappenhaus als "Schreckenskammer" 

Dieses Diffamieren und Ausgrenzen führt die Ausstellung im Sockelgeschoss eindringlich vor Augen. Dort treten wir ein in das Privatleben von Wilhelm Schmid und seiner Frau Maria Metz. Er lernte die Sängerin 1914 kennen, als er für den Amtsgerichtsrat Metz eine Villa in der Seestraße 35/37 baute, die spätere Wunderkindvilla Joop und den heutigen Geschäftssitz von Hasso Plattner. 1918 heiratete Wilhelm Schmid Maria Metz, die Tochter seines Bauherrn. Das Ehepaar ist auf der ersten Ausstellungstafel zu sehen, heißt die Besucher willkommen: Sie mit entrücktem, nach innen gerichteten Blick im Pelzmantel (gemalt von ihrem Mann 1929/30), er mit direktem, herausforderndem Blick und leger umgebundenem Schal im Selbstbildnis von 1925. Dahinter ein großaufgezogenes Schwarz-Weiß-Foto, das in das Speisezimmer der beiden blicken lässt: in ihrem Etappenhaus, das Wilhelm Schmid 1922 nach eigenen Entwürfen und je nach Geldbeutel abschnittsweise baute: mit Türmchen und mediterranem Charme. Das Haus in der Böcklinstraße 15/16, das sich nur zum Garten hin offenherzig zeigt, orientierte sich an Palladios Villenbauten. 1927 bis 1930 erhielt es zudem einen großen Musiksaal, in der nicht nur die Gastgeberin konzertierte.

Mediterran. Das Etappenhaus des Malers und Architekten Wilhelm Schmid und seiner Frau Maria in der Potsdamer Böcklinstraße.
Mediterran. Das Etappenhaus des Malers und Architekten Wilhelm Schmid und seiner Frau Maria in der Potsdamer Böcklinstraße.Foto: Auktionshaus Zofingen

Auch die Novembergruppe nutzte den Raum für Veranstaltungen, als es in Berlin Anfang der 1930er Jahre immer brauner und politisch aufgeheizter zuging. Im „Potsdamer Beobachter“ vom 29. August 1934 ist auf der Titelseite über das Etappenhaus zu lesen: „Schon an der Schwelle (...) gewann man trotz des orientalischen Dämmerlichtes die helle Gewißheit, daß man seinen Fuß nicht in ein Land der Zukunft, sondern in ein Schattenreich der Vergangenheit setzen würde. Wie einst im Mai der Novemberherrschaft starrten von den Wänden leichenfarbene Akte, Masken, Fratzen mit stumpfer Hoffnungslosigkeit oder mit zynischer Belustigung auf die Gäste ... Nach dem Verlassen der Schreckenskammern des Herrn Schmid wurde im spukhaft erleuchteten Musiksaale dieser Eindruck der dunklen Vergangenheit bestärkt.“ Wilhelm Schmid wurde immer mehr ins Abseits gedrängt und seine jüdische Frau Maria antisemitischer Hetze ausgesetzt. 1937 verließen sie Deutschland, gingen zurück in die Heimat Wilhelm Schmids, ins Schweizer Tessin.

Zuvor hatte Schmid jedoch einen herausragenden Ruf als Künstler genossen, obwohl er Autodidakt war. Auch hier legten die Kuratoren Jutta Götzmann und Thomas Stein ihr Augenmerk auf Potsdam. Sie stöberten nicht nur in Zusammenarbeit mit rund 35 Leihgebern aus dem In- und Ausland viele der Kunstwerke auf, die Schmid in seinen eigenen vier Wänden zu hängen hatte – von sich und Künstlerkollegen –, sondern sie empfanden auch die Ausstellung im Potsdamer Marstall von 1927 nach. Ein Glücksfall: die Kuratoren fanden die Inventarlisten der Ausstellung. Dort hingen rund 250 Werke und die Schau wurde in der Presse als „Markstein im Kulturleben Potsdams“ gefeiert.

Potsdams Kunst zeigte sich eher traditionell

Schmid, der ab 1923 als bildender Künstler in Potsdam tätig war, zählte zu den neueren Mitgliedern des Potsdamer Kunstvereins. Von ihm war unter anderem „Stillleben mit Birnen“ zu sehen. Auch das hängt in der jetzigen Ausstellung. Und zeigt Schmid als Vertreter der Neuen Sachlichkeit, die eine Tendenz zur Verinnerlichung und Isolation aufwies. Eine stilistische Nähe hatte Schmid, dessen realistisch gemalten Werke oft mit einem Fragezeichen aufwarteten, vor allem zu Heinrich Basedow d. J., von dem auch vier Werke zu sehen sind. „Ansonsten waren die Potsdamer Künstler eher traditionell ausgerichtet, und hielten am Impressionismus fest. Sie gehörten nicht zur aktuellen Avantgarde und standen im Kontrast zu der Novembergruppe“, sagt Kurator Thomas Stein beim Presserundgang.

Die obere Etage führt dann direkt in diese Avantgarde hinein: in die Vielgesichtigkeit der Novembergruppe, wo alle Stile erlaubt waren. Hauptsache weg vom bürgerlichen Duktus. Sie wollten die Kunst ins Volk tragen, die nicht mehr das Privileg Einzelner sein sollte. Und so gab es auch Ausstellungen ohne Jury, jeder durfte sich beteiligen: im Glaspalast am Berliner Lehrter Bahnhof etwa. Von Schmid gab es im Saal auch ein Wandgemälde, ein Beethoven-Fries. Musik durchzog sein Ouevre, ebenso wie die kopflosen Gliederpuppen. Sein Bild „Luna“ erregte 1920 die Gemüter: mit dem geschachtelten Raum, in denen sich die verschiedenen Gesellschaftsschichten spiegeln.

Die Pluralität der Novembergruppe, die sich vor nun 100 Jahren gründete, wurde von den Nazis im Keim erstickt. Die Ausstellung zeigt eine vergessene Generation, und gibt zuallererst Wilhelm Schmid sein Gesicht zurück.


Die Ausstellung "Umkämpfte Wege der Moderne. Wilhelm Schmid und die Novembergruppe" ist vom 29. 9. 2018 bis 21. 1. 2019 zu sehen.