Zur Fußball-WM : Tor und Tabu

Der Ball war rund, ein Spiel dauerte neunzig Minuten und die Massen waren begeistert. Aber warum? Ein Blick aus der Zukunft des Jahres 2418 auf den „Fußballkult der frühdigitalen Ära (circa 1950–2050)“.

Jacques Johansson Muriel Xhosaqa-Gonzales
Seltsame Rituale im Mikrogruppenkreis. Die sogenannten Spieler bemühen sich um die Kontrolle einer Kugel.
Seltsame Rituale im Mikrogruppenkreis. Die sogenannten Spieler bemühen sich um die Kontrolle einer Kugel.Foto: Borgia/dpa

Aufgabe unserer Kommission war das Decodieren des Kults um den Fußball. Während der Zeitenwende von der analogen zur frühdigitalen Epoche spielte dieser Kult eine herausragende Rolle, die kaum hinreichend erkundet wurde. Auf den ersten Blick handelt es sich um regelbasierte Massenbelustigungen, die in die Kategorie „Sport“ fielen, eine Vorform unserer heutigen Health Moves. Die kultischen Rituale generierten erhebliche Affektschübe und lassen faszinierende Rückschlüsse zu auf epochale Umbrüche und deren neuro-emotionales Prozessieren.

Durch den Großen Netzkollaps von 2364 (GN64) sind zwar, wie überall, auch auf diesem Sektor enorme Datenmengen verloren gegangen. Back-up-Archive konnten jedoch Teildokumente sichern und die Sonderspeicherbereiche „Datenträger Papier“ des Ministeriums für Altertumsinformation bieten zusätzliches Material. Wir erhielten daher trotz GN64 Einblick in die Grundformen des Fußballkultes, und es ließen sich plausible Hypothesen zu dessen innerer Beschaffenheit und symbolischer Konnotation aufstellen.

Unser Forschungsauftrag war es, die Lesbarkeit des Fußballkultes gegenüber der veralteten Annahme von Chesterton, Xhing und Hummel (2350) zu erhöhen. Alle drei waren davon ausgegangen, dass der Fußballkult der frühen Netzkultur die weitaus früher liegenden mesoamerikanischen Ballrituale der Azteken, Mixteken, Maya etc. aufgegriffen und ihnen modernisierte Formen verliehen hatten.

Von einem solchem Rückgriff kann nach heutigem Stand der Kenntnis nicht mehr gesprochen werden. Richtig ist, dass die Kontinente umspannende Eventkette des Kults um das Jahr 1930 bei dessen erster „Weltmeisterschaft“ in Uruguay ihren Anfang nahm, um sich allmählich aus Elitennischen heraus zu verbreiten. Doch nicht nur klafft zwischen aztekischen Ballritualen – die gut 1400 Jahre vor unserer Zeitrechnung datieren – und dem erst sehr viel später entstanden Fußballkult eine zeitliche Distanz, die zahlreiche technische Revolutionen umfasst. Der Fußballkult, wie wir ihn hier rekonstruieren, war also nachweislich von diesen prähistorischen Praktiken entkoppelt. Vielmehr nahm er Bezug auf akute Problematiken der damaligen Zeitenwende. Wir kommen darauf zurück. Zunächst jedoch ein paar Anmerkungen zur Struktur des Fußballkultes.

Ort des Kultus waren Mikro-Territorien, Stadien genannt

Die Kulthandlungen selber bestanden aus öffentlichen Ereignissen, an denen sich fest definierte Kleingruppen („Spieler“) aktiv beteiligten, während tendenziell passive Großgruppen („Zuschauer“, „Publikum“) die Handlungen der Akteure analog oder virtuell verfolgten. Ort der Kulthandlung waren designierte Mikro-Territorien, sogenannte Stadien, die antiken europäischen Arenen glichen. An diesen Orten wurden die Kulthandlungen („Spiele“) vollzogen, indem sich zwei Kleingruppen („Teams“) miteinander rituell in Konkurrenz begaben. Jeweils elf Kleingruppenmitglieder traten mit den Füßen gegen einen Ball aus Leder oder synthetischem Material. Sie rollten oder schossen einander den runden Gegenstand zu. Ziel der Akteure war es, den Ball in mit Fischernetzen bespannte Holzgerüste („Tore“) zu bugsieren. War dies gelungen, wurde der Abschluss der Handlung – nach dem Gerüst selbst – als „Tor“ bezeichnet.

Solche „Tore“ galten als emotionale Klimaxmomente des Kultes, sie dienten temporären Intensitätserfahrungen. Die torerzielende Kleingruppe jubelte, die torerhaltende Kleingruppe protestierte. Zuschauende Großgruppen ordneten sich affektiv der je einen oder anderen Seite zu und vollzogen deren Emotionen parallel mit. Wer nach dem Ritual, das 90 Minuten dauerte und teils verlängert werden konnte, die meisten Tore für sich beanspruchte, erhielt begehrte Fetische wie Pokale, Prämien, Medaillen oder Orden. Hinzu kam für die Akteure der Kleingruppe jeweils ein transitorischer Prestigegewinn, der ihnen wiederum profane, kommerzielle Quellen erschloss.

Mitglieder der Großgruppe hingegen entrichteten einen Obolus für die Teilnahme am Kultgeschehen. Sie begleiteten es mit Kultgesängen und Chören sowie visuell mit dem Präsentieren kultrelevanter Textilien (gemusterte Schals, Mützen, Hemden) oder durch Gesichtsbemalung in den Mustern einer präferierten Kleingruppe. Eruptive Affektausbrüche sorgten mitunter für anomische Zustände während und auch nach dem akuten Kultgeschehen. Diese Suspension der Impulskontrolle dürfte kathartischen Zwecken gedient haben.

Religiös, magisch: Darauf deutet der Begriff "Verwandeln" hin

Fußballkulthandlungen existierten lokal, regional, national und international. Kleingruppen, die selbstrekrutierenden Milieus entstammten, waren, je nach Arena und Kontext, ethnisch national oder auch nach lokaler und regionaler Herkunft zusammengesetzt. Mit der massiven Kommerzialisierung des Kults in der Frühdigitalität konnten für die kultischen Kleingruppen auch Akteure anderer Provenienz angeworben werden. „Teams“ trugen Namen, die ihrerseits Kultstatus besaßen („Borussia Dortmund“, „Juventus Turin“, „Cameroon National Football Team“, „Ajax Amsterdam“ und so fort).

Auf allen Kontinenten hielten sich Kult-Kleingruppen, spätestens ab 1954, als in einer Stadt namens Basel im voralpinen Kerngebiet des Kontinents Europa der „europäische Fußballverband UEFA“ gegründet wurde, an ein pauschal geltendes, in Abständen refiguriertes Regelwerk. Dieses ordnete den Verlauf des Kultgeschehens. Millionen Zeitgenossen der Großgruppen waren vertraut mit kultrelevanten Begriffen wie Freistoß, Abseits, Halbzeit, Elfmeter oder Eckball. Auf rituell-religiöse Elemente deuten magische Begriffe wie das „Verwandeln“ eines Fußstoßes auf den Ball in eine torerzielende Handlung.

Die Kultaufseher gehörten der Priesterkaste der Fifa an

Während die Regelhaftigkeit der Kulthandlung breite Anerkennung genoss und Regelverstöße debattiert wie geahndet wurden, herrschte völliges Stillschweigen über die dem Geschehen zugrunde liegenden kultischen Kontexte. Codes und tiefere Ursachen des Geschehens sind nicht überliefert, Quellenmaterial fehlt völlig. Nahmen also Akteure und Großgruppen die Kulthandlungen als gegeben hin, wie den Lauf der Gestirne oder göttliche Emanationen? Nicht auszuschließen ist, dass die Arkana des Kultes an verborgenen Orten von einer Priesterkaste bzw. einem Schamanenbund gehütet wurden und in einer rituellen Handlung um 2130/40 herum vernichtet wurden, als der Kult sein jähes, bisher ungeklärtes Ende fand.

Vermutet wurde in der Forschung (vgl. Shingan und Wilker 2138, Rodopoulos et al 2189), dass die unausgesetzte Korruptionsserie der zunehmend dekadenten Kultaufseher, die der Priesterkaste Fifa angehörten, schwere Rechtsfolgen nach sich zog, was den Kultaufbau mehr oder minder implodieren ließ. Großgruppen, mutmaßten Liu und Olgersen (2299), seien nicht länger bereit gewesen, die steigenden Summen für ihren Obolus zur Kultteilnahme aufzubringen.


Der Fußballkult entwickelte sich parallel zum digitalen Systemwechsel

Doch hält diese These? Korrumpierte Kultverantwortliche hatte es schon seit Jahrhunderten gegeben, ohne dass dies den Kult im Kern bedroht hätte. Näherliegend ist die Vermutung, dass die erste Blütezeit des massenhaft zelebrierten Fußballkultes nicht zufällig parallel mit dem digitalen Systemwechsel auftrat. Vieles deutet darauf hin, dass hier „harmlose Spektakel“, die sich in eine Reihe sportlicher Wettspiele einordneten, in Wahrheit wirkmächtige okkulte Bewältigungsrituale darstellten, kollektiv organisierte rites de passage. Nicht ohne Grund fallen sie in die lange Phase der Transition von der archaisch rivalitätsbasierten Kultur (RBK) zur bis in unsere Tage stetig weiterentwickelten, höheren Kooperationskultur (KBK). Wir verorten insbesondere den Kult der Ära der Frühnetzerinnen und Frühnetzer in einer komplexen, symbolischen Matrix. Zwei Vokabeln waren diskursprägend während der Umbruchsszenarien: „Digitalisierung“ und „Globalisierung“. Im Fußballkult verhandelt wurde, so unsere Hypothese, das ambivalente Verhältnis zu beiden Phänomenen.

Auffällig sind in diesem Kontext etwa das ausgesprochene Hand-Tabu des Fußballkultes sowie die Bagatellisierung der Form des Balls mit rituell wiederholten Sentenzen wie „Der Ball ist rund und das Spiel dauert 90 Minuten“. Derlei Beobachtungen sind für den Forschungsertrag von besonderer Bedeutung.

Tabu Handspiel: ein Hinweis auf die Macht des Digitalen?

Beim Hand-Tabu gilt es in Erinnerung zu rufen, dass „Finger“ im Lateinischen „digitus“ hieß, der Plural lautet „digiti“. Die Bedeutung „Ziffer“ für „digit“, wie in der Digitalität vorgefunden, geht auf die primitive Zählfunktion der Finger zurück, der sich auch das Dezimalsystem verdankt.

Mithin weist „Digitalisierung“ in jeder Hinsicht auf die Finger der Hand. Dass der Einsatz von Hand und Fingern im Fußballkult komplett tabu war, signalisiert auf der einen Seite Distanzierung vom Digitalen, welches von andauernd verlangtem Fingereinsatz gekennzeichnet war – beim Tippen auf Tastaturen, Touchscreens, Pads und dergleichen. Vom Fuß-Ball nun mussten, ja durften, Akteure die Finger lassen. Dafür konnten sie Arme und Hände frei bewegen, diese dienten allein der Balance oder deiktischen Gesten. Vor den Augen aller wurden symbolisch die quasi heidnischen Freiheiten der prädigitalen Ära heraufbeschworen. Indes lag gerade im Hand-Tabu auch eine Sakralisierung der Hand als Hinweis auf die Anerkennung der neuen Macht des Digitalen.

Der Kultball, ein Miniaturglobus in der Ära der Globalisierung?

„Globalisierung“ wiederum weist auf die runde Form des Globus, auf die terrestrische Kugel. Was stellt der Ball dar? Eine Kugelform. Galt die Globalisierung der Finanzströme und Migrationsbewegung als so bedrohlich wie unaufhaltsam, zeigte sich im Kultball ein Miniatur-Globus, um dessen Kontrolle sich ringen ließ, dessen Kontrolle gelingen konnte. Jedes torerzielende Agieren im Kultablauf symbolisierte diesen fantasierten Sieg. Zugleich wurde der Ball-Globus in diesen ambivalenten Prozessen mit „mit Füßen getreten“. Aufzeichnungen belegen ein Jubeln und Schreien der am Kult teilhabenden Massen, das wir als Signalcluster der Sehnsucht nach beherrschbaren, kontrollierbaren Lebenswelten auffassen.

Auch das beharrliche Diskutieren der Regeln und Regelverstöße im Fußballkult weist darauf hin, wie massiv das Interesse an Überschaubarkeit, Berechenbarkeit und Verlässlichkeit gewesen sein muss.

Wir finden im Fußballkult der Ära der Frühnetzer eine starke symbolische Konstellation vor, über die noch lange nicht das letzte Wort gesprochen ist.

Jacques Johansson und Muriel Xhosaqa-Gonzales sind seit 2412 Vorsitzende der Supranationalen kulturhistorischen Studienkommission (SKS). Ihre Ballkultanalyse wurde Tagesspiegel-Autorin Caroline Fetscher aus der Zukunft zugespielt.