• Neue Geschichte vom "Räuber Hotzenplotz" veröffentlicht: Der Hotzenplotz geht wieder um und ist mondsüchtig

Neue Geschichte vom "Räuber Hotzenplotz" veröffentlicht : Der Hotzenplotz geht wieder um und ist mondsüchtig

Vor fünf Jahren starb der Kinderbuchautor Otfried Preußler. In seinem Nachlass fand sich überraschend ein weiteres Abenteuer des "Räuber Hotzenplotz". Jetzt ist es erschienen.

Christian Schröder

Der „gefährlichste Räuber im ganzen Landkreis“ ist schwer bewaffnet, mit sieben Messern, Säbel und Pfefferpistole. Besondere Kennzeichen: „Schwarzer Räuberhut mit langer Feder und rotem Band, Stoppelbart“. Der Steckbrief hängt immer noch im Wald, da ist der Räuber Hotzenplotz schon wieder ausgebrochen. Wobei das Wort „ausgebrochen“ nicht ganz passt, der unverbesserliche Intensivtäter konnte einfach herausspazieren aus dem alten Spritzenhaus, weil Wachtmeister Dimpfelmoser vergessen hatte abzuschließen. Jetzt bezieht Hotzenplotz mit seiner Pfefferpistole seinen gewohnten Posten hinter den Ginsterbüschen. Die Sonne brennt auf seinen Kopf, eine Fliege summt um ihn herum, er ist hungrig und wird müde. Immer müder. Also legt er sich erst einmal zum Nickerchen hin.

Hotzenplotz ist wieder da. Dass fünf Jahre nach dem Tod seines Schöpfers Otfried Preußler noch einmal eine Geschichte von ihm erscheint, wirkt sensationell. Susanne Preußler-Bitsch, die Tochter des Kinderbuchautors, habe, so verkündete der Verlag stolz, im Nachlass ihres Vaters eine bislang unbekannte Arbeit entdeckt. Was, wie sich bald erwies, selber ein bisschen eine Räuberpistole war.

Nach einem Puppenspiel

Denn „Der Räuber Hotzenplotz und die Mondrakete“ ist schon einmal herausgekommen. Ursprünglich handelte es sich um ein „Kasperlspiel“, das 1969 im „Großen Reader's Digest Jugendbuch“ gedruckt wurde, zusammen mit einer Bastelanleitung für ein Puppentheater. Der Verlag verweist nun auf eine weitere Quelle, einen Sammelband mit Puppenspielen von 1967, und gibt im Impressum des Buches ein neues Copyright an: „Erzählt von Susanne Preußler-Bitsch nach einem Puppenspiel von Otfried Preußler“.

„Der Räuber Hotzenplotz und die Mondrakete“ ist trotzdem ein Glücksfall. Wer die drei klassischen Hotzenplotz-Bände geliebt hat, wird auch das Comeback-Abenteuer mögen, obwohl es mit sechzig Seiten nur halb so lang ist. Bei Kindern funktioniert die Magie des Schurken mit den schmutzigen Füßen sowieso. Preußler hatte Hotzenplotz Anfang der sechziger Jahre erfunden, als er mit seiner düsteren Mühlen-Saga „Krabat“ nicht weiterkam. Seinen Helden benannte der gebürtige Deutschböhme nach einer Stadt in Schlesien, die Figuren entnahm er dem Kasperltheater, sie sind entsprechend holzschnittartig.

Wie auf der Puppenbühne, wie im Bauerntheater oder Kabarett besteht die Handlung aus lauter Standardsituationen. Die Kunst liegt darin, sie jedes Mal ein wenig anders zu erzählen. Wieder beginnt die Geschichte mit der Großmutter, die diesmal aber ihre Kaffeemühle behalten darf und damit beschäftigt ist, für Kasperl und Seppel eine Schwammerlsuppe mit Knödeln zu kochen. Schwammerl, so lautet das süddeutsche Wort für Pilze.

„Ich betrachte ja meinen Beruf als Geschichtenerzähler so ernsthaft nicht“

Wachtmeister Alois Dimpflmoser, ein Bayer mit preußischer Pickelhaube, tut sich wichtig als Amtsperson. Und Kasperl und Seppel beweisen erneut, dass mittlere Intelligenz genügt, um einen Spitzenkriminellen zu überlisten. Aus leeren Kartons, einem Topf Kleister und silberfarbenem Klebeband montieren sie eine Papprolle, auf die sie mit großen Buchstaben schreiben: „Mondrakete“. Hotzenplotz erzählen sie, dass der Mond - „das weiß doch jedes Kind“ - aus purem Silber ist. Noch lieber würden sie ihn jedoch ins Pfefferland schießen. Es kommt sogar zum Countdown, worin sich zeigt, wie sehr die Welt sich vor der ersten Mondlandung von 1969 für alles Kosmische begeisterte.

„Ich betrachte ja meinen Beruf als Geschichtenerzähler so ernsthaft nicht“, hat Preußler in einem Interview bekannt. „Der Hotzenplotz ist wie ein Spiel gewesen, ich habe ihn nur aus Spaß geschrieben.“ Ein besonderer Spaß muss es gewesen sein, Namen wie Petrosilius Zwackelmann zu erfinden. Der Zauberer, der Kasperl zum Diener macht und Hotzenplotz in einen Gimpel verwandelt, fehlt diesmal. Es fehlen auch seine Gegenspielerin, die Fee Amaryllis sowie Witwe Schlotterbeck und ihr Langhaardackel Wasti, der versehentlich zum Krokodil wird.

Hotzenplotz ist nicht ganz der alte. Auf den neuen Illustrationen, mit denen Thorsten Saleina das Werk des 1978 verstorbenen Meisterzeichners Franz Josef Tripp fortsetzt, jetzt in Farbe, ist der Bart des Räubers etwas gestutzt. Er reicht nicht mehr bis zu den Ohren, seine Nase ist immer noch warzig, aber eckig. Die Großmutter wirkt fülliger, Seppel und Kasperl haben ihre Murmelaugen behalten. Toll ist oft, was am Bildrand geschieht. Da steckt ein Pilz auf den Stacheln eines Igels. Und als Hotzenplotz auf dem Handwagen zum Spritzenhaus gezogen wird, säumen windschiefe Zuschauer seinen Weg.

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Otfried Preußler: Der Räuber Hotzenplotz und die Mondrakete. Mit Bildern von Thorsten Saleina. Thienemann, Stuttgart 2018. 61 S., 12 €. Ab sechs Jahren.