Navid Kermani bei Lit:Potsdam : Ohne Krieg und Krisen

Der Autor Navid Kermani hat bei seiner Lesung mit Synchron- und Hörspielsprecher Christian Brückner gezeigt, dass sein Repertoire mehr umfasst als die Weltpolitik.

Andrea Lütkewitz
Bei der Lesung von Navid Kermani und Synchronsprecher Christian Brückner auf der Lit:Potsdam standen die zarteren Facetten aus dem Oeuvre Kermanis im Vordergrund.
Bei der Lesung von Navid Kermani und Synchronsprecher Christian Brückner auf der Lit:Potsdam standen die zarteren Facetten aus dem...Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Etwas ungewöhnlich begrüßte Navid Kermani am Sonntag das Publikum im Hans Otto Theater: „Wir haben nicht so genau abgesprochen, was wir heute machen“, sagte er zu den rund 250 Gästen. Er und der Synchron- und Hörbuchsprecher Christian Brückner würden zwar wie angekündigt aus seinen Büchern „Große Liebe“ und „Sozusagen Paris“ lesen, aber: „Jeder liest das, worauf er gerade Lust hat“.
Die Matinee am Wochenende, zu der das Literaturfestival Potsdam Brandenburg „Lit:Potsdam“ eingeladen hatte, gingen die beiden entspannt an. Von der fehlenden Absprache war dann aber schließlich auch gar nichts zu merken, weil sich Kermani und Brückner beim abwechselnden Lesen an das schlichte Prinzip der Chronologie aus den Kapiteln hielten. Vor allem Christian Brückner, bekannt unter anderem als Synchronstimme Robert de Niros sowie als Sprecher zahlreicher Hörbuch-Produktionen, schaffte es schnell, das Publikum mit seiner charismatischen und geübten Erzählweise in den Bann von „Große Liebe“ zu ziehen, in die Geschichte eines 15-jährigen Jungen, der sich in ein älteres Mädchen verliebt.

Eine Woche Liebe und eine Trennung in 100 kleinen Kapiteln  

Wie der Junge es sogar schafft, für eine Woche mit diesem zusammen zu sein, bevor es mit ihm nach einem eher holprig verlaufenden ersten Körperkontakt Schluss macht, wird von Kermani in insgesamt 100 kurzen Kapiteln erzählt. Dabei bedient er sich immer wieder der Weisheit persischer Liebesmystiker, was manchmal nachdenklich stimmt, an anderer Stelle eher erheiternd wirkt. In „Sozusagen Paris“  trifft dieser Junge 30 Jahre später seine erste Liebe wieder und versucht noch einmal das Gefühl von damals zu verstehen - beziehungsweise das, was von damals noch geblieben ist. Hier sind es jetzt aber die Weisheiten von Marcel Proust oder Honoré de Balzac, über die der Protagonist  versucht, diese Wiederbegegnung mit seiner ersten Liebe zu zu begreifen. 
Die Handlung beider Bücher war zwar auch für Zuhörer im HOT, die sie nicht kannten, leicht zu verstehen, auch durch kurze ergänzende Erläuterungen Kermanis; weiter wurde aber über beide Romane nicht wesentlich in die Tiefe gegangen, auch im anschließenden Gespräch mit rbb-Intendantin Patricia Schlesinger nicht. Diese drängte schnell auf ein ganz anderes Thema, wollte wissen, wo Kermani aktuell die drängendsten Probleme in der deutschen Gesellschaft sieht. Die Erklärung dafür liegt nah: Für die Matinee im HOT wurden mit dem 2014 erschienenen Roman „Große Liebe“ und dem 2016 veröffentlichten Buch „Sozusagen Paris“ für das Literaturfestival zwar passend bittersüße Geschichten über die Liebe ausgewählt, aber auch die eher untypischen Arbeiten Kermanis. Ihnen fehlt nämlich die weltpolitische Dimension, die eigentlich so charakteristisch für diesen ist. Mit dem deutsch-iranischen Schriftsteller holten die Veranstalter des Lit:Potsdam einen Autor auf die Bühne, der sich immer wieder mit den großen Krisen in der Welt befasst.

Nach der Lesung bei der Lit:Potsdam: Mehr Fragen als Antworten

In der Mehrheit sind die Probleme in der arabischen Welt, Krieg, Terrorismus und deren weltweite Folgen, die literarischen Themen des Autors. Großes Aufsehen erregte Kermani etwa 2014 mit seiner Festrede zum 65. Jahrestag des deutschen Grundgesetzes im Bundestag, in der er die damalige Flüchtlingspolitik der Regierung scharf kritisierte. Während er damals allerdings gewusst habe, was er für das drängendste politische Problem in Deutschland hielt, könne er das gerade nicht benennen, nicht auf die Schnelle, da trug offenbar auch die entspannte Stimmung nicht dazu bei, sich zu einer Antwort hinreißen zu lassen. Rund wollten Lesung und Gespräch darum nicht so ganz werden - aber vielleicht erfüllt damit die Literatur auch ihren Zweck, wenn am Ende mehr Fragen als Antworten im Raum stehen.