Überregional : Leidgenossen Die

In Zürich stecken Deutsche in einer No-Win-Situation: Hochdeutsch ist verhasst, und wer sich in Schwyzerdütsch übt, wird verlacht. Report aus einer polyglotten Stadt

Verena Mayer
Stolze Schweizer. Die Augustinergasse, geschmückt mit Schweizer Fahnen (links); Zunftparade beim Frühlingsfest, im Hintergrund das Zürcher Großmünster (unten).
Stolze Schweizer. Die Augustinergasse, geschmückt mit Schweizer Fahnen (links); Zunftparade beim Frühlingsfest, im Hintergrund das...Foto: Caro/Kaiser (2)

Als ich von Berlin nach Zürich zog, hoffte ich, dass mein Sohn bald dreisprachig sein würde. In der Schweiz ist ja alles dreisprachig, ob Milchpackungen („Milch/Lait/Latte“), die Bahn („SBB/CFF/FFS“) oder Badezusatz („Schaumbad/Bain Moussant/Bagnoschiuma“). Ich sah schon vor mir, wie mein Sohn in der Krippe abwechselnd von französisch- und italienischsprachigen Erzieherinnen vorgelesen bekommt, während er von seinen Kindergartenkumpels aus Graubünden noch ein paar Brocken Rätoromanisch aufschnappt. Zwei, drei Jahre in der Schweiz, so mein Plan, und der Kleine ist fit für die Globalisierung.

Nun, mein Sohn ist inzwischen tatsächlich dreisprachig. Er spricht Deutsch, Schwyzerdütsch und dann dieses Deutsch, das Nicht-Schweizer immer für Schweizerdeutsch halten, das in Wirklichkeit aber die Schweizer Form des Hochdeutschen ist. Das lernen die Kinder, sobald sie in die Vorschule kommen. Im Unterricht wird nicht nur Dialekt gesprochen, sondern auch die „Standardsprache“, wie das hier so schön heißt. Die Schweiz ist wunderbar und einmalig in ihrer Vielsprachigkeit. Nur ist die eben anders, als man es erwarten würde.

Zürich, 385 000 Einwohner, davon fast jeder dritte nicht hier geboren. An der Utoquai-Promenade am Seeufer steigen sich an schönen Tagen die Leute auf die Füße. Jungsgruppen, die Lautsprecher hinter sich herziehen wie Rollkoffer. Bauarbeiter und Anzugträger mit Lunchpaketen, Pärchen mit kleinen kugelförmigen Grills, Frauen, die in langen schwarzen Faltenröcken joggen, sie kommen aus dem Viertel mit den Synagogen. In der Luft liegt der Geruch von Holzkohle und Marihuana. Man hört mehr Sprachen als in einem UN-Gebäude.

Allerdings habe ich noch keinen Zürcher getroffen, der im entferntesten so viel Französisch oder Italienisch drauf hätte, wie es die Produkte im Supermarktregal vermuten ließen. Wer in der Schweiz lebt, weiß, dass Dinge in Stücken, pièces oder pezzi daherkommen. Und dass wir uns in der Schweiz, en Suisse oder in Svizzera befinden. Aber das kann eigentlich nur die Schweizer Bahn, die in drei Sprachen durchsagen lässt, wo sich der Wagen mit den „erfrischenden Getränken und schmackhaften Speisen“ befindet. In den Zügen in Graubünden wird auch noch auf Rätoromanisch durchgesagt, über welches steinerne Viadukt die kleine rote Bahn gerade fährt. Ansonsten aber spricht jeder das, was um ihn herum gesprochen wird. Und das ist in der Deutschschweiz nun mal Schweizerdeutsch.

Der oft zitierte Schweizer Kantönligeist ist auch ein sprachliches Phänomen. Ein Freund von mir arbeitet beim (Deutsch)schweizer Fernsehen. Als er einmal vorschlug, einen Bericht aus dem französischsprachigen Genf zu machen, sahen ihn die Kollegen an, als wollte er auf die Osterinseln. Zudem gibt es beim Schweizer Fernsehen strenge Richtlinien, wer wann welches Deutsch spricht: Informationssendungen Hochdeutsch, Unterhaltungsformate Schwyzerdütsch. Wobei es meinem Freund vom Fernsehen oft passiert, dass er vorher nicht weiß, in welcher Rubrik sein Beitrag gesendet wird. Er filmt jetzt seine Interviewpartner immer erst auf Hochdeutsch, und am Ende sagt er: „So, und jetzt das Ganze bitte noch mal auf Schwyzerdütsch.“

Auf eines können sich in der Schweiz aber alle einigen: Dass alles, was aus Deutschland kommt oder deutsch klingt, fürchterlich ist. Die Deutschen gelten als direkt, ungehobelt, ruppig – die Berliner unter den Europäern gewissermaßen. Die neueste Zürcher Integrationskampagne knöpft sich daher nicht nur islamistische Machos vor oder zugereiste Krankenkassenbelaster, die wegen jedem Schnupfen gleich zum Arzt rennen. Sondern auch die Deutschen. Es gibt ein Plakat („Lerne unsere Umgangsformen!“), auf dem ein Mann mit schweinsrosa Gesicht und blondem Kevin-Kurányi-Bart abgebildet ist, der verschlagen mit dem rechten Auge zwinkert. Der Slogan für den ungehobelten Deutschen: „Sag doch statt ‚Ich krieg dann mal’ lieber ‚Bitte könnte ich vielleicht?’“

Das hat, wie so vieles, historische Gründe. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte man sich um jeden Preis vom deutschen Nachbarn abheben. Man besann sich auf den Dialekt. Früher, höre ich oft, sei es undenkbar gewesen, dass Verkäuferinnen in der Innenstadt etwas anderes sprechen als Hochdeutsch. Weil man fein und weltläufig sein wollte, ob in den unfassbar teuren Boutiquen der Bahnhofstraße oder in der Confiserie Sprüngli am Paradeplatz mit ihren bunten Pyramiden aus Makronen in den Schaufenstern. Später aber wurde das Schwyzerdütsche die Umgangssprache und das Hochdeutsche die ungeliebte Schriftsprache – etwas, das man an der Schule lernen muss, aber nicht will.

Überhaupt die Schule: Die Schweizer Erzkonservativen halten die deutsche Sprache für ähnlich kinderschädlich wie Alkohol oder Internetpornos. Sie wollen, dass die Kleinen an der Schule kein Hochdeutsch mehr lernen. Mit Erfolg: Dieses Frühjahr wurde abgestimmt. Ab sofort dürfen Vorschulkinder im Unterricht nur noch Dialekt sprechen. Wobei ich mich frage, wie das eigentlich gehandhabt wird – lauscht dann jemand an der Tür, ob ein Kind „Ich muss aufs Klo“ sagt oder „I mues go biesle“? Als ich letztes Jahr im Triemli-Spital am Fuß des Uetli-Bergs meine Tochter zur Welt brachte, wurde in meinem Krankenstammblatt unter Sprache „Hoch-Deutsch“ vermerkt. Als sei es vom Hochdeutschen zur Hochnäsigkeit nur ein winziger Schritt.

Dabei bin ich nicht einmal Deutsche, sondern ursprünglich Wienerin. Oft werde ich gefragt: „Ist es einfacher für dich in der Schweiz, weil du aus Österreich bist?“ Kommt drauf an. An den Deutschen reibt man sich, die Österreicher werden verlacht. Ich erinnere mich noch gut an mein erstes Mal in der Schweiz. Ich nahm mit deutschen Journalisten an einem Rechercheseminar in Sankt Moritz teil. Der Schweizer Seminarleiter sagte: „Ich begrüße Sie alle sehr herzlich und freue mich, dass keine Ösis unter uns sind.“ Als Wienerin, die zehn Jahre lang in Berlin gelebt hat, kann ich es mir also aussuchen: Ob ich gehasst oder für einen Deppen gehalten werden will.

Ein Berliner Freund, der schon lange in Zürich lebt, erzählt gerne die Geschichte von seiner Bäckerei. Die Bäckerei ist in der Nähe der Langstraße, einem Viertel, in dem sich Galerien mit Rotlichtmilieu mischen, wo es schmutzig und schick ist und wo alle hinwollen. Der Freund wollte einen „Grittibänz“ kaufen, eines dieser weichen Rosinenmännchen aus Hefeteig, die es nur in der Vorweihnachtszeit gibt. Im Wissen, dass er das Wort „Grittibänz“ nie wie die Schweizer aussprechen würde, deutete er auf das Männchen. Die Bäckersfrau tat, als hätte sie nicht verstanden. Der Freund deutete wieder. Die Bäckerin hielt sich die Hand hinters Ohr und bat ihn, lauter zu sprechen. Der Freund gab etwas wie „Krüttipentz“ von sich – da hatten sie in der Bäckerei dann wieder was zu lachen über die Deutschen.

Dann ist da noch der Schweizer Dialekt, den jeder spricht, der Arbeiter genau wie der Banker. Aber was heißt Dialekt? Unzählige verschiedene Dialekte sind es, jeder anders in Aussprache, Satzkonstruktion und Wortschatz, ein Quell ewigen Stolzes, der mir ziemlich fremd ist. Stundenlang können sich Schweizer darüber unterhalten, wie viele unterschiedliche Wörter es für eine und dieselbe Sache gibt. Apfelstrunk etwa: Bixi, Bäxi, Bitzgi, Bätzi, Bütschgi, Gröibschi, Güegi, Üürbsi, Güürbsi. Lächeln Sie jetzt nicht – den Schweizern ist es furchtbar ernst mit ihren Dialekten.

Bei meinem Journalistenseminar in Sankt Moritz ging es damals auch darum, dass die rätoromanische Sprachgemeinschaft seit langem das Aussterben ihrer Sprache befürchtet, genauer: das Aussterben der fünf verschiedenen rätoromanischen Dialekte, die es gibt. Irgendjemand kam dann auf die Idee, letztere zu vereinheitlichen, zu einer Art Hoch-Rätoromanisch, das „Rumantsch Grischun“. Das würde dann immerhin nicht nur in einigen Tälern, sondern von ganzen 40 000 Leuten gesprochen. Gesagt und mit viel staatlicher Förderung getan, Rätoromanisch ist schließlich Amtssprache. Neue Schilder wurden geschrieben, Formulare, Schulbücher. Doch inzwischen sind viele schon wieder dagegen: Jeder findet, dass sein eigener Dialekt in der Hochsprache nicht gebührend gewürdigt wird.

Sprache ist in der Schweiz Gemeinsamkeit und Differenzierung zugleich. Und sie ist eine Art soziales Schmiermittel, ein Weg, zueinander zu finden. Wenn sich Schweizer treffen, die sich nicht kennen, entspinnen sich oft solche Dialoge:

– Einen fröhlichen Tag noch!

– Einen fröhlichen Tag, sagen Sie? Na so was. Bei uns im äußeren Innerrhoden sagt man: „Einen herrlichen Tag noch!“

– Tatsächlich? Also, meine Oma aus dem unteren Oberengadin sagt immer: „Einen sonnigen Tag noch!“

Und so weiter, bis zwei einander völlig Fremde plötzlich in ein anregendes Gespräch vertieft sind. Man kann das auch verstehen. Historisch gesehen haben sich die Schweizer untereinander die längste Zeit bis aufs Blut bekämpft. Noch heute tun sich überall Gräben auf: Stadt gegen Land, Kanton X gegen Kanton Y, Rechte gegen Linke, Männer gegen Frauen, Einheimische gegen Ausländer. Aber die Schweizer, das beweist ihre Geschichte, haben auch immer wieder Wege gefunden, sich zu verständigen. Und sei es nur über ihre Unterschiede.

Ich selbst finde das ein bisschen anstrengend. Sobald ich den Mund aufmache, bin ich als Ausländerin identifiziert. Meinen Freund vom Schweizer Fernsehen, einen Westösterreicher, hat das irgendwann so genervt, dass er begonnen hat, mit den Schweizern seinen westösterreichischen Dialekt zu sprechen. Das ging aber erst recht schief. Im besten Fall wurde er für einen Ostschweizer gehalten, die in der Schweiz ungefähr so beliebt sind wie die Deutschen. Im schlimmsten Fall wurde er für einen Deutschen gehalten, der versucht, Schwyzerdütsch zu sprechen.

Ich habe das selbst erlebt. Vollgepumpt mit Integrationswillen („Lerne unsere Umgangsformen“), schrieb ich mich für einen Züritüütsch-Kurs ein. Der Kurs fand einmal in der Woche in einem tristen Bürohaus an der Goldküste statt. Vorne stand die Lehrerin, eine Dame in Seidenbluse und Bleistiftrock. Hinten, an den Tischen, saßen Deutsche. Ärzte, Krankenschwestern und Ingenieure, die in Zürich Spitzenjobs gefunden haben. Gemeinsam sprachen wir der Lehrerin nach, wie man sich auf Zuritüütsch auf einer Party vorstellt oder Karten für das Zürcher Schauspielhaus bestellt. Oder wir konjugierten: „I chume, du chunsch, er/si/es chunt, wir/ihr/sie chömed…“ Ich kam mir vor wie in diesem Loriot-Sketch über den Jodelkurs.

Und falsch war es noch dazu. Wohlgesonnene Schweizer, denen ich davon erzählte, kringelten sich vor Lachen. Andere sahen mich an, als hätte ich etwas ganz Abartiges gemacht. Ich lernte Umgangsform Nummer eins: Als Nicht-Schweizerin Schweizer Dialekt zu sprechen, kommt ähnlich gut an wie Striptease bei religiösen Fundamentalisten.

Am Anfang hat es mich noch mitgenommen, dass ich in einem Land des deutschen Sprachraums als Fremde wahrgenommen werde und meistens kein Wort verstehe. Bis mir dann die Erzieherin aus der Krippe meines Sohnes erzählte, dass sie als Zürcherin im Wallis genauso wenig für voll genommen wird wie ich als Berlinerin in der Schweiz. Weil sie eben auch anders spricht. Man wird es niemandem recht machen, selbst wenn man sich verständigen kann.

Seitdem spreche ich einfach ein berlinisch gefärbtes Wienerisch, aufgepimpt mit Helvetismen wie „Trottoir“, „Föteli“ oder „parat machen“. Und was die Mischung betrifft: Ich habe noch nie so viele Normalsterbliche mit so vielfältigen Herkunftsgeschichten getroffen wie in Zürich. Meine Yogalehrerin: Puertoricanerin, in Amerika aufgewachsen, einen Schweizer geheiratet. Die Freundin meines Freundes vom Schweizer Fernsehen: Tochter eines Anglo-Inders, hat in England, Indien und Deutschland gelebt. Eine Mutter aus der Krabbelgruppe meiner Tochter: Italienerin, in Dubai gearbeitet, Kind mit einem Libanesen.

Und das ist dann auch das Großartige an Zürich. So klein die Stadt ist, es gibt für viele Leute einen Grund, hier zu sein, ob es nun Banken sind, Konzerne oder internationale Organisationen. Und so ist Zürich zwar nicht dreisprachig, aber von einer Vielfalt, bei der ich um die Globalisierungstüchtigkeit meines Sohnes auf keinen Fall fürchten muss.

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