Überregional : Legende Die von Andreas und Franz

Zwei Berliner, einer Ost, einer West, verlieben sich vor dem Mauerfall. Der DDR-Bürger flieht – und landet im Knast. Wie sie trotzdem zusammenfinden

Merle Hilbk
Maercker (auf dem großen Bild links) und Franz Diegelmann in einer Ostberliner Schwulenbar kennen. Oben links beide mit Andreas’ Sohn Fabian. Heute lebt das Paar in Zürich (Bild rechts).Alle Bilder anzeigen
09.11.2012 19:20Maercker (auf dem großen Bild links) und Franz Diegelmann in einer Ostberliner Schwulenbar kennen. Oben links beide mit Andreas’...

Plan A ist, sich über die Sowjetunion nach China abzusetzen. Andreas verabredet sich mit Franz in Polen, für die Sowjetunion hat er schon ein Transitvisum. Aber an der chinesischen Botschaft in Warschau schöpfen die Mitarbeiter Verdacht, verweigern ihm die Ausstellung.

Plan B ist die Flucht über die armenische Sowjetrepublik in den Iran. Doch in Armenien ist 1988 der Bürgerkrieg um Bergkarabach ausgebrochen, ein Bekannter erzählt von Schießereien, von belagerten Grenzen. Andreas verwirft den Plan.

Andreas und Franz, Ost- und Westberliner, ein Liebespaar vor dem Mauerfall. Ihre Sehnsucht nach einem gemeinsamen Leben ist so groß, dass Andreas Risiken eingeht. Nach dem Scheitern des ursprünglichen Fluchtplanes begibt er sich in Warschau zur türkischen Botschaft, reichlich erschöpft. Und diesmal klappt es mit dem Visum. Aber in einem Reisebüro ein Ticket zu kaufen, scheint unmöglich, denn Andreas hat keinen Ausreisestempel der DDR im Pass – der wäre ein Hinweis darauf, dass die Reise angemeldet ist. Also fahren sie direkt zum Flughafen, ergattern nach ein paar schlaflosen Nächten einen Stand-by-Flug direkt bei der Airline. Vor dem Eingang sagt Andreas: „Also, bis in ein paar Tagen in Berlin!“ Bei der Passkontrolle bemerkt der Beamte Andreas’ fehlenden Ausreisestempel. Franz sieht noch, wie Andreas weggeführt wird. Erst zu Hause in Berlin holt ihn die Angst ein.

All das, ihr Leben, erzählen Franz-Carl Diegelmann und Andreas Maercker, heute beide 52, in ihrer Zürcher Wohnung. Acht Stunden lang, nahezu ohne Pause. Meistens spricht Andreas, Franz ergänzt. Sie sitzen an einem langen, ovalen Esstisch. Dreißiger-Jahre-Bau, Villenviertel, eine riesige, sparsam möblierte Wohnung mit Flügeltüren und Stäbchenparkett. Hinter der Flügeltür Bauhausmöbel, ein Klavier, an den Wänden Kunst, die die beiden im Laufe der Jahre gesammelt haben.

Der Blick aus dem Fenster fällt über Jugendstilhäuser mit verschnörkelten Balkonen und Zypressen in den Gärten, hinab auf den von einem Sonnenstreif beleuchteten Zürichsee. Tagesmütter schlendern mit Buggys über das Trottoir, reden auf Spanisch, Chinesisch, Portugiesisch auf blondbezopfte Mädchen ein. Eine Umgebung, die Wohlstand atmet, südliche Gelassenheit.

Der Ort, an dem sich Andreas und Franz vor einem Vierteljahrhundert kennengelernt haben, könnte nicht gegensätzlicher sein: Der „Burgfrieden“ ist 1987 eine bekannte Schwulenbar im Berliner Osten, in der auch die Schlüsselszene von Heiner Carows „Coming Out“ spielt. Ein Film über Homosexualität in der DDR, der am Tag der Maueröffnung Premiere hat und dessen Brisanz sich im Lauf dieser Nacht verflüchtigt. Er sei gern in Ost-Berlin gewesen, weil ihn das Unfertige, die offen zutage tretenden Brüche reizten, sagt Franz am Zürcher Frühstückstisch, während Andreas Tee nachschenkt.

Am Tag, an dem sie sich erstmals begegnen, fährt Franz, auf der Suche nach Ablenkung, mit einem Tagesvisum in den Ostteil. „Ich war mitten in einem Suchprozess, unglücklich in meinem Job und in meinen Beziehungen zu Männern, die nicht funktionierten, weil ich mit ihnen symbiotisch verschmelzen wollte.“ Ein Grüppchen „Ost-Berliner Konsumschwule, die von Sahne aus der Sprühdose schwärmten“, lotst ihn in den „Burgfrieden“. Er setzt sich an den Tresen, beobachtet Männer, die durch die Tür drängen. Zuletzt erscheint ein schmaler, blonder Mann in einem 50er-Jahre-Anzug. Franz hält ihn zunächst für einen West-Berliner. Und obwohl er sonst eher zurückhaltend ist, folgt er ihm durch den hinteren Raum. 

Andreas wiederum ist an diesem Tag in den Burgfrieden gekommen, um sich von seinem Liebeskummer abzulenken. Seine Frau hat ihn gerade aus der Wohnung geworfen. Der gemeinsame Sohn ist zwei. „Ich hab’ ihr von Anfang an von meiner Bisexualität erzählt. Wir hatten eine offene Beziehung, aber als sie schwanger wurde, haben wir geheiratet. Ich hatte einen bürgerlichen Beruf, der mir wichtig war.“ Nach einem Doppelstudium in Medizin und Psychologie wird er einer der jüngsten Psychiater einer DDR-Klinik.

Auch Franz hat zunächst in einem psychiatrischen Krankenhaus gearbeitet, in der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik, der die West-Berliner schnoddrig den Namen „Bonnies Ranch“ verpassten. „Aber nach der Ausbildung als Beschäftigungstherapeut dachte ich: Das ist nicht das Richtige für dich.“ Andreas erzählt an jenem Abend im Burgfrieden begeistert von seiner Arbeit. Franz ist fasziniert. Sie küssen sich, dann muss Franz zurück über die Grenze, um 24 Uhr lief sein Visum aus.

„Die Mauer hat dafür gesorgt, dass wir uns langsam und ohne Verpflichtungsgefühl kennenlernen konnten“, sagt Franz heute. Wenn er Andreas fortan im Osten besucht, hat er immer das Gefühl, eine andere Welt zu betreten, in der er sich selbst neu entdecken kann. Fotos aus dieser Zeit zeigen die beiden Männer im identischen Outfit: helle Jeans, T-Shirt, darüber weißes Hemd mit aufgekrempelten Ärmeln. Andreas entscheidet sich, monogam zu leben. Die Beziehung zu Franz bedeutet ihm viel, und er will nicht noch einmal jemanden so verletzen wie seine Frau. Zu den Spaziergängen mit Franz durch die Stadt nimmt er oft seinen Sohn mit. „Fabian ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Ich wollte, dass Franz auch daran teilhat.“

Als Andreas seinen Fluchtplan schmiedet, setzt er alles aufs Spiel: seine Stellung, die Nähe zu seinem Sohn, die Freunde in Ost-Berlin. Ein Ausreiseantrag hätte nichts gebracht, sagt er heute, man hätte ihn nicht ziehen lassen, Psychiater war in der DDR ein Mangelberuf. Also Plan A, Plan B, dann die Festnahme am Flughafen.

Andreas bestreitet die Vorwürfe, beharrt weiter auf seiner Legende der „Dienstreise nach Istanbul“. Mit schwarzer Brille auf den Augen wird er wenige Stunden später in eine Maschine nach Ost-Berlin verfrachtet. Die Stasi bringt ihn ins Untersuchungsgefängnis nach Hohenschönhausen. Als man ihn vernehmen will, erklärt Andreas: „Ohne Anwalt sag’ ich gar nichts.“ Der Vernehmer entgegnet: „Ihnen ist wohl nicht klar, wo Sie sich hier befinden? Ham’ wohl zu viel Westfernsehen gesehen!“

Im Verhör gibt Andreas schließlich zu, dass er sich zu seinem Freund in den Westen absetzen wollte. „Glauben Sie etwa, dass der auf Sie wartet?“, hämt der Vernehmer. „Sie wissen doch, wie die Schwulen sind!“ Nach etlichen Verhören wird Andreas in die Haftanstalt verlegt und dort vom Kreisgericht wegen „versuchter rechtswidriger Nichtrückkehr in schwerem Fall“ zu einer Haftstrafe von zwei Jahren verurteilt.

Franz wird zunächst jeglicher Kontakt verwehrt. Er versucht, sein altes Leben wieder aufzunehmen, die Monate mit Andreas in Ost-Berlin aus seinem Gedächtnis zu verdrängen. Dann sitzen eines Tages Andreas’ Eltern im Treppenhaus vor seiner Wohnungstür, die als Rentner in den Westen reisen durften und diesen Mann kennenlernen wollten, wegen dem ihr Sohn so viel riskiert hatte; den Menschen, der gesehen hat, wie er abgeführt wurde. Sie sind ein bisschen befangen, aber machen Franz keinerlei Vorwürfe. „Ich hatte das Gefühl, dass es da eher um gegenseitigen Trost ging.“

Irgendwann erzählen ihm Bekannte, dass sie einen Politiker kennen, der Andreas auf die Liste der freizukaufenden politischen Gefangenen setzen lassen könnte. Franz wartet auf eine Nachricht aus Bonn. Nach zehneinhalb Monaten heißt es endlich, dass Andreas freigekauft werden soll. Monate, die er in einer Zwölf-Mann-Zelle mit dreistöckigen Betten und Toilette ohne Sichtschutz verbrachte. Die er durchstand. „Ich bin gelernter Psychotherapeut. Ich habe versucht, das zu professionalisieren.“ In einer Ecke der Zelle habe er Sprechstunden für Mitgefangene abgehalten, die psychisch zusammenzubrechen drohten.

Im Oktober 1989 geht plötzlich die Zellentür auf. Andreas bekommt ein Ticket für einen „Interzonenzug“ in die Hand gedrückt. Endziel Gießen, wo sich ein Aufnahmelager für DDR-Flüchtlinge befinde, heißt es.

Dort überrascht ihn Franz, der kurzfristig informiert wurde. „Andreas war weiß wie eine Wand“, erinnert er sich. „Er hatte ja monatelang keine Sonne gesehen. Aber seine Dynamik hatte er nicht verloren.“

Sein erster Gang in West-Berlin führt Andreas zum Max-Planck-Institut. Der Professor, der noch nie erlebt hat, dass jemand ohne Vorankündigung und Bewerbung bei ihm auf der Matte steht, richtet eigens eine Promotionsstelle ein. „Fühlst du dich nicht seltsam im Westen?“, fragt Franz, als sein Freund sich daran macht, sich in der Schöneberger Wohnung aus einem umgedrehten Spiegel und zwei Kisten einen Schreibtisch zu bauen. „Nein, so habe ich mir das normale Leben immer vorgestellt. Wenn man im Osten auf der Arbeit eine Idee vorbrachte oder sich besonders engagieren wollte, wurde man ignoriert.“ In seiner Klinik hätten Ärzte neue Therapieformen ersonnen und seien so lange ignoriert worden, bis im Westen etwas Ähnliches eingeführt und dort als große Erfindung gefeiert wurde – eine Art „Überholen ohne einzuholen“-System, das viele Kollegen in Frustration und schließlich in Lethargie gestürzt habe.

Einen Monat nach Andreas’ Freilassung öffnet sich die Mauer. „Was bringt es, sich vorzuwerfen: Die Gefängniserfahrung hättest du dir sparen können?“, sagt

Andreas. „Das ist nun mal unsere Geschichte, und die hat uns zu dem gemacht, was wir heute sind.“

Während Andreas in den 90ern im Westteil Berlins für seine zweite Promotion in Psychologie forscht, schreibt sich Franz als erster Westdeutscher an der Humboldt-Uni, im Ostteil der Stadt, für ein Kunstgeschichtsstudium ein. „Zwischenmenschlich hab’ ich mich im Osten wohler gefühlt. Die Leute sind unverstellter miteinander umgegangen“, sagt Franz. Er selbst ist im hessischen Fulda aufgewachsen und hat als Kind die Sommerferien oft bei den Großeltern im Eichsfeld verbracht, seine Mutter hatte sich vor dem Mauerbau in den Westen abgesetzt.

Als Andreas mit seiner dreijährigen Promotion fertig ist, überredet Franz ihn, sich um eine Stelle an der Uni Dresden zu bewerben. Ob er keine Angst hatte, zurück in den Osten zu gehen? Angst, dass die Erinnerungen aus dem Gefängnis zurückkehren? „Ich habe es als Chance gesehen, mit Franz den Osten noch einmal neu zu entdecken“, entgegnet Andreas.

Als Assistent am Fachbereich Psychologie entwickelt er sich zum Spezialisten für „Posttraumatische Belastungsstörungen“, gemeinsam entdecken sie die Kunstszene der Stadt, die Aufbruchsstimmung. Franz forscht über den vergessenen Maler Pol Cassel, wird Kurator von Ausstellungen. 2002 heiraten sie in Dresden, kurz nachdem das Gesetz für eingetragene Partnerschaften in Kraft trat, und ziehen schließlich nach Zürich, wo Andreas eine Professur annimmt. Inzwischen hat ihn die WHO zum Leiter der weltweiten Fachkommission für Posttraumatische Belastungsstörungen berufen.

Es ist dunkel geworden im Esszimmer über dem Zürichsee. Franz zieht sich in die Küche zurück, um die Pasta für das Abendessen vorzubereiten. Was sie wohl all die Jahre zusammengehalten hat? „Die Unterschiede“, antwortet Andreas, während er den Weißwein entkorkt. „Das ist typisch für unsere Beziehung“, sagt Andreas. „Ich kämpfe, bin manchmal frustriert. Franz lässt das Leben auf sich zukommen und findet das Glück.“

Zum Beispiel, als er den Umzug nach Zürich organisierte. Beim Stöbern bei einem Zürcher Trödler, dem „Brockenhaus“, stößt Franz auf ein kleines Gemälde. Es kommt ihm bekannt vor, Franz kauft es für ein paar Franken. Er hatte Recht: Ein Experte bestätigt, dass es sich um ein Werk aus dem Kreis des „Blauen Reiters“ handelt. Ein wertvoller Fund – der nun über dem Klavier in der Wohnung über dem Zürichsee hängt.

Sichere Jobs, eine großbürgerliche Wohnung, der Sohn Fabian auf einer Auslandsstelle beim Goethe-Institut: Angekommen? Ankommen, sagt Andreas, sei – wie die Liebe – letztlich eine bewusste Entscheidung für einen Menschen, ein bestimmtes Leben. Deshalb wollen sie ihre Geschichte auch öffentlich machen. „Ich dachte, dass sie anderen Mut machen könnte“, sagt Andreas, der Psychologe. „Eigentlich wolltest du, dass wir uns malen lassen“, sagt Franz, der Kunsthistoriker. „Das war mir zu viel. Aber ich wollte, dass etwas bleibt.“

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