Interview mit Daniel Brühl : „Niki Laudas rote Kappe war wie ein Ritterschlag“

Was für ein Jahr! Daniel Brühl hat dieses Silvester richtig was zu feiern.Warum er sich dann Cava hinter die Ohren tupft und Angst vor Böllern hat.

Herr Brühl, das Jahr 2013 geht zu Ende, und ...

... es war ein merkwürdiges, turbulentes Jahr. Das hätte ich an Silvester nicht gedacht.

Wo haben Sie gefeiert?

In Barcelona. Ich hatte ein paar freie Tage, bevor der Dreh für „Inside Wikileaks“ begann.

ie spielten Daniel Domscheit-Berg, der mit Julian Assange eine zentrale Figur der Enthüllungswebsite war.


Wir hatten im Januar viele Außenaufnahmen in Berlin: auf dem Alexanderplatz, vor dem Dom, im Tacheles, teils bei widrigem Wetter.

Zum Beispiel bei Minusgraden auf der Kuppel des Berliner Doms.

Im Drehbuch stand: „Julian Assange redet über Transparenz, vor ihm liegt Berlin, man sieht die Stadt kristallklar.“ Doch an jenem Abend kam plötzlich ein Schneesturm auf, wir sahen die Hand vor Augen nicht, Krähenschwärme flogen um uns herum. Der Kameramann war verzweifelt. Den halben Drehtag standen wir dort oben, etwa fünf Stunden für zwei Minuten im Film. Na ja, ich bin nach zwölf Jahren den Berliner Winter gewohnt und fand das nicht so schlimm. Allerdings hatten Benedict Cumberbatch ...

... der Darsteller des Julian Assange, der durch die BBC-Serie „Sherlock Holmes“ bekannt wurde ...

... und ich das Problem, dass uns irgendwann die Mimik einfror. Wir sahen aus, als hätten wir Botoxgesichter.

Gab es nach der Aufnahme ein paar Gläser Wodka zum Aufwärmen?

Nee, das war kein Halligalli-Dreh. Nur am Wochenende hatten wir Zeit. Da war ich stolz, der Einheimische zu sein, der allen die Stadt zeigt. Natürlich habe ich sie in meine Tapas-Bar eingeladen, die Bar Raval in Kreuzberg. Ich habe Benedict ins Watergate mitgenommen, wir tanzten wie die Bekloppten. Bin mit ihm durch Kreuzberg gelaufen, wo er mich tausend Sachen fragte.

Touristen denken, wegen der unsanierten Häuser müsse Kreuzberg früher im Osten gelegen haben.

Das wollte er auch wissen. Wo sind wir gerade? Irritiert fragte er: „So this was West?“ Wir haben uns schnell angefreundet. Seit dem Dreh haben wir immer mal miteinander telefoniert, demnächst bin ich bei ihm zu Hause in Hampstead Heath eingeladen. Im September habe ich ihn schon mal in London getroffen. Das war absurd.

Warum?

Ich hatte einen freien Tag, wollte am Abend ausgehen, das Roundhouse sehen, diesen legendären Club in Camden. Einfach, weil ich noch nie da war. Merkt man schon, wie ich mich entschuldige?

Was ist passiert?

Ich rufe also Benedict an. Er will sofort, dass wir uns abends treffen. „Mir ist das peinlich, Benedict, du hast so einen tollen Musikgeschmack, und wenn ich dir jetzt sage, wo ich hingehe ...“ – „Wohin denn?“ – „Zu Lady Gaga.“ – „Großartig, ich auch.“ Das ist wirklich nicht meine Musik, aber sie ist eine Popikone unserer Zeit, ein Spektakel. Das wollte ich mir nicht entgehen lassen.

Flogen bei dem Auftritt am Ende Funken aus ihrem Bustier, wie auf der letzten Tour?

Nee, leider nicht. Die hat eine tolle Stimme, und es war merkwürdig emotional. Zwischen den Songs erzählte sie Geschichten über Missbrauch, es war nicht klar, ob sie von sich redete. Ich habe mich mal umgesehen, da saßen neben den Teenagern viele Menschen in unserem Alter. Ich gebe zu, wir haben uns gut amüsiert.

Der Wikileaks-Film war ein Flop. Ihre Erklärung?

Ich glaube, die Menschen standen in den USA dem Thema nicht offen gegenüber. Datenschutz im Internet, Geheimnisverrat, in Deutschland merkte ich, dass sich die Zuschauer viel stärker damit auseinandersetzen. Das habe ich auf der Premiere in Berlin erlebt.

Was wollten die Menschen wissen?

Ich habe in Berlin ein paar Freunde eingeladen, die sonst wenig über Filme nach einer Vorstellung reden, diesmal haben sie mich bestürmt. „Wie sicher sind unsere Daten?“ – „ Ich trage in mein Telefon ja alle Nummern mit echten Namen ein, ich Depp.“ – „Wenn ich was in der Cloud speichere, wo ist das dann?“ – „Wie ist der Domscheit-Berg in echt?“

Und wie war er?

Nah dran an meiner Erfahrungswelt. Wir sind im selben Alter, stammen beide aus einem sozialdemokratisch-bürgerlichen Elternhaus. Nur er ist Aktivist geworden, worum ich ihn beneide. Ich kreide mir an, dass ich ein typischer Vertreter unserer Generation bin, der endlos darüber redet, wie man die Welt verbessert und nie etwas aktiv getan hat. Deshalb wollte ich so einen Typen spielen. Lange war ich auf ein bestimmtes Bild festgelegt.

Sie waren der nette Schwiegersohn.

Plötzlich kommen männlichere Hauptrollen. Und vor allem internationale. Früher bin ich zu Castings für amerikanische Filme nach London gefahren, habe mich ins Zeug gelegt und hatte gegen Engländer oder Amerikaner nie eine Chance. Nun kann ich mit Michael Winterbottom drehen ...

... der britische Regisseur wurde mit „Welcome to Sarajevo“ berühmt und dreht mit Ihnen einen Film über die Amerikanerin Amanda Knox, die 2009 in Perugia eine Studentin getötet haben soll. Sie wurde erst verurteilt und kam vor zwei Jahren frei.

Solche Rollen sind die Ernte der Arbeit, die ich vor zwei Jahren angefangen habe. Nie werde ich den 7. Juli 2011 vergessen. Ich war im Urlaub, fuhr auf einer Landstraße, und drei Tage nach einem Vorgespräch kam ein Anruf von Regisseur Ron Howard und Drehbuchautor Peter Morgan: „Du bist es.“

Sie durften Niki Lauda spielen.

Ich war total von den Socken, bin erst mal rechts rangefahren. Wer hätte mir in Deutschland diese Rolle angeboten? Niemand.

„Rush“ über den Kampf der Rennfahrer Niki Lauda und James Hunt um die Formel-Eins-Meisterschaft 1976 wurde dieses Jahr ein Kritikererfolg. „A-list graduation“ schrieb der „Guardian“ über Sie – Aufnahme in die erste Liga.

Das ist zum Einrahmen. Meine Agenten meinten, ich solle mir die Kritik aus der „Variety“ ausdrucken und übers Bett hängen. Das passiert nicht oft, dass die Zeitschrift hymnisch über einen Film schreibt. Ron Howard sagte mir, das sei nach „Apollo 13“ sein Film, der kreativ am meisten geschätzt wird. Die Premiere auf dem Filmfestival Toronto im September werde ich nie vergessen.

Ihr Zitat: „Mir stand das Pipi in den Augen.“

Mit Chris Hemsworth, der James Hunt spielt, stand ich hinter dem Vorhang. Wir haben die letzten Minuten des Films auf einem Monitor verfolgt, Arm in Arm, beide gerührt – und in dem Moment tippt mir jemand auf die Schulter. Ich dreh mich um, da steht Niki und sagt nur: „Shitty flight from Monza.“ Der hat sich nach dem Formel-Eins-Rennen in Italien in sein Privatflugzeug gesetzt, um rechtzeitig bei der Premiere dabei zu sein. Eine Wahnsinnsstimmung war im Saal, Niki kam auf die Bühne und setzte mir seine rote Kappe auf. Das war wie ein Ritterschlag.

Auch „Inside Wikileaks“ lief auf dem Festival. Ganz Toronto war mit Ihrem Gesicht voll gepflastert.

Wie in New York und Los Angeles, weil die Filme kurz hintereinander anliefen. Christoph Waltz schickte mir einen lieben Gruß. Ein Foto, auf dem ein Taxi mit einem Plakat von mir zu sehen war, er schrieb darunter: Es gibt kein Entkommen. In Toronto habe ich meine Freundin gezwungen, Fotos von den Plakaten zu machen, während ich weitergelaufen bin. Mir war das peinlich. Wenn die Fotos unscharf waren, wurde ich sauer.

Also bitte!

Doch, sie musste noch mal zurückgehen und neue Bilder machen. Ich will die ja ausdrucken, nicht auf meinem Rechner verschwinden lassen.

Ist Ihnen da was zu Kopf gestiegen?

Die Fotos will ich später meinen Enkeln zeigen. Das ist ein einmaliges Erlebnis. Ich habe zu meiner Freundin gesagt: Diese zwei Wochen Promotiontour möchte ich noch mal erleben, aber ohne Arbeit, einfach durch die Straßen gehen und stolz auf den Erfolg sein. Am Ende waren wir in Wien, da habe ich mit Niki den ganzen Film angeschaut, er hatte sich das gewünscht.

Obwohl nicht alles im Film authentisch war.

Wir haben Laudas Person emotionaler gestaltet. Ein schneidend kalter Analytiker, der sich am Ende öffnet. Niki saß während der Aufführung neben mir im Saal, hat mitgefiebert, auch ein Tränchen verdrückt, am Ende lehnte er sich zu mir rüber und sagte in seinem herrlich wienerischen Dialekt: „Dass ich für die Frau das Rennen hab’ sausen lassen – totaler Scheiß.“

Lauda erlaubte sich einen Scherz mit einem TV-Sender, als er sich nach einem Croissant im Gras bückte und rief: „Ich habe mein Ohr wiedergefunden!“

Das kann sich nur er erlauben. In Wien hatten wir ein Live-Interview. Auf die Frage, wie weit er in den Film involviert war, antwortete er: „I hab nix gemacht, nur das Barbecue organisiert.“

Eine Anspielung auf seine schlimmen Verbrennungen vom Unfall 1976.

Dieser trockene Humor kommt gut an.

Inzwischen macht das O-Wort die Runde, der Oscar, der im Februar vergeben wird.

Ach Gott, Christoph Waltz hat zwei Oscars vorgelegt, die Menschen mögen bitte nicht glauben, dass ich dem nacheifere. Ich bin froh, dass ich ausgewählt wurde, in den Kampf zu ziehen.

Sie kommen für die Auszeichnung infrage?

Das Studio hat mich vorgeschlagen, das ist schon entschieden. Nun muss die Academy entscheiden, wen sie nominiert. Es wäre ein Aberwitz, wenn ich dabei wäre.

Geraldine Chaplin hat mal gesagt, ihr schlimmstes Geschenk sei eine Kiste Champagner gewesen, als sie nur mit Handgepäck geflogen ist. Welche Geschenke mussten Sie dieses Jahr auf der Promotiontour ablehnen?

In Kanada saß ich in einer Fernsehshow. Backstage gab es einen Raum, in dem stapelten sich lauter Sachen, von denen sich jeder Gast etwas mitnehmen durfte. Holzmöbel, ich weiß gar nicht, wer die raustragen soll, Winterjacken von Canada Goose, Felle, Strickkleidung. Ich habe für meine Freundin ein paar Cremes und ein Armband mitgenommen. Die eine oder andere Flasche Champagner blieb auch ungeöffnet. Wenn ich zu platt war, um ihn zu trinken, blieb ein Ruinart schon mal im Hotel.

Zu Silvester: Champagner oder Cava?

Dieses Jahr wird es wohl Cava werden.

Weil Sie wieder in Spanien feiern.

Das kann gut sein.

Eine spanische Tradition zum Jahreswechsel ist das Traubenessen. Kurz vor Mitternacht zwölf Früchte, und zwar eine pro Glockenschlag.

Mache ich jedes Jahr. In unserer Familie haben wir aber nie zu den abgepackten Trauben in der Dose gegriffen, die es abgezählt, entkernt und gehäutet in den Supermärkten gibt. Das ist Chichi. Bei uns gibt es frische.

Der Countdown beginnt in Spanien nun 36 Sekunden vor Mitternacht, um den Brauch zu erleichtern. Es soll zu einigen Erstickungsfällen gekommen sein.

Wirklich? Das ist ja noch blöder, als von einer Kokosnuss erschlagen zu werden. Ich mache das nun schon mein Leben lang, da kenne ich ein paar Tricks. Mit der Zunge die eine Traube zur Seite schieben, wenn sie noch nicht durchgekaut ist. Es gibt übrigens noch andere Rituale in Spanien.

Sich rote Unterwäsche anzuziehen, um das Glück in der Liebe zu beschwören.

Ich habe nur rote Socken, was wird das bloß für ein Jahr für mich? Nein, ich meine eine andere Sitte. Wenn ich Cava zu Silvester trinke, tupfe ich mir den Schaum hinter die Ohrläppchen. Bei Champagner ist mir das egal, bei Cava bin ich Traditionalist. Das ist ein Automatismus, meine Mutter hat mir das als Kind schon beigebracht.

Kaufen Sie Knaller?

Ich gucke mir um Mitternacht das Feuerwerk an, der Rest geht mir auf die Nerven. Wenn die ganzen Vollidioten loslegen, das ist schon sehr aggressiv. Knallt es heftig, mache ich mir schon einen Kopf: Was wäre, wenn plötzlich eine Hand oder ein Finger abfliegt? Das passiert nun mal häufiger, als sich an Trauben zu verschlucken.

Es ist Silvesterparty. Bei welchem Lied springen Sie auf die Tanzfläche?

Heutzutage höre ich fast nur elektronische Musik, wenn ich ausgehe. Produzenten und DJs wie Henrik Schwarz finde ich toll. Hm, aber aus Nostalgiegründen tanzen?

Zu Heroes del Silencio, die einzige spanische Rockband, die zu Ihrer Schulzeit sehr populär war?

Nein, geht gar nicht. Blur, „Girls and Boys“, schöner Britpop, da würde ich mich schamlos daran erinnern, wie ich mit 16 Jahren war.

Und zwar?

Damals mochte ich das Maibaum-Setzen. Wir sind alle zusammen tanzen gegangen, dann gingen die Mädels schlafen, die Jungs radelten durch die Stadt, um einen Maibaum zu setzen – das heißt, ein weißes Birkenbäumchen mit Krepppapier. Wer verliebt war, hat sich besonders ins Zeug gelegt. Ich habe zum Beispiel Mixtapes aufgenommen und war maßlos enttäuscht, wenn bestimmte Lieder nicht funktionierten: „Some Girls Are Bigger Than Others“ von The Smiths oder „Bizarre Love Triangle“ von New Order ...

... in dem einen geht es um dicke Mädchen, im anderen um eine Dreierbeziehung ...

... ja, ja, wurde mir später auch klar, dass die nicht so die Liebeslieder sind.

Sie als Kölner mögen Karneval lieber als Silvester?

Nein, ich war regelmäßig enttäuscht, wie lieblos die Verkleidungen waren. Ich stellte mir als Kind ein Szenario wie in Venedig vor, fantasie- und liebevolle Kostüme. Und dann sah ich auf der Straße Frauen, die sich ein Hütchen aufgesetzt, einen bunten Streifen auf die Wange gemalt und am Kiosk ein neongelben Überzieher mit drei schwarzen Punkten gekauft hatten. Nur eine Veranstaltung mochte ich: den Geisterzug, so ein nächtlicher Umzug. Mir gefallen düstere Kostümierungen besser, Vampire, Hexen.

Ihr bestes Kostüm?

Ein Streichholz. Ich trug einen gelben Frottee-Schlafanzug und ein rot bemaltes Gesicht.

Das Gespräch führte Ulf Lippitz