• Interview: Anna Kemper und Esther Kogelboom Foto: Thilo Rückeis: „Wir sind im Herzen alle Kommunisten, oder?“

Interview: Anna Kemper und Esther Kogelboom Foto: Thilo Rückeis : „Wir sind im Herzen alle Kommunisten, oder?“

Er stand mit dem „Wachtturm“ auf der Straße und hat zwei Scheidungen hinter sich. Doch angst und bange wurde Hans Wall erst, als ihm die City-Toilette zur Falle wurde.

Interview: Anna Kemper Esther Kogelboom Foto: Thilo Rückeis

Herr Wall, vor gut zwei Wochen haben Sie Ihr Lebenswerk an Ihren französischen Konkurrenten Decaux verkauft. In Ihrer Autobiographie schreiben Sie noch: „Wall bleibt Wall.“

Ich stand vor der Entscheidung: Stillstand oder Expansion. Und seit der Firmengründung haben wir immer auf Expansion gesetzt. Bald werden wir um ein Vielfaches wachsen. Ich habe gemerkt, Decaux und Wall – das ist eine Familie.

Eine Familie? Auf Seite 208 Ihres Buchs steht: „Klar, dass die Familie aus Paris den Plan hegte, im Laufe der Zeit die Mehrheit und damit die Macht zu übernehmen. Aber uns kriegen sie nicht.“

Als ich das Buch geschrieben habe, hätte ich nie gedacht, dass ich verkaufe. Aber sehen Sie, wenn eine Partei die Wahlen nicht mit absoluter Mehrheit gewinnt, muss sie sich auch auf eine Koalition einlassen. Ich bleibe ja Aufsichtsratschef.

Alle vier Jahre wird in Deutschland neu gewählt, Sie aber haben Ihr Unternehmen für immer abgegeben. Das dürfte bitter sein.

Mein Lebenswerk ist gerettet. Die Zukunft der Wall AG ist mir wichtiger, dafür habe ich den Weg freigemacht.

Wie viele schlaflose Nächte hatten Sie, bevor Sie den Vertrag unterschrieben haben?

Drei. Ich habe die Emotionen weggelassen und den Kopf eingeschaltet. Eine Mail von Jean-Francois Decaux hat mich überzeugt. Darin stand, dass mein Sohn Daniel Vorstandsvorsitzender bleibt und es nie bereuen wird. Wenn so ein Mann das sagt, ist das viel wert. Ich dachte auch an die 730 Mitarbeiter. Hans, spring über deinen Schatten!

Sie sagen das so, als hätten Sie selbst entschieden. Dabei hatten Sie in der ersten Jahreshälfte verglichen mit 2008 Verluste von mehr als zehn Prozent.

Was glauben Sie, wie schlimm das für mich war. Man muss loslassen, das ist wichtig. Mit zehn Prozent Minus waren wir übrigens noch der Beste in unserer Branche.

Zwischen Ihnen und Ihrem Sohn Daniel soll es kräftig gerumpelt haben.

Natürlich hat er davon geträumt, dass er eines Tages alles von seinem Papa übernimmt. Er hat ja immer unter mir gearbeitet. Daniel ist noch jung, man kann das verstehen. Ich aber sehe, dass er mit Decaux mehr wachsen wird als mit mir; er ist schließlich der beste Außenwerbemanager in Deutschland. Er hat schon vor Jahren von mir 20 Prozent gekriegt. Jetzt hält er 9,9 Prozent – von so einem großen Unternehmen, das ist schon eine gute Sache.

Welche Überschrift hätte das fehlende Kapitel Ihrer Autobiografie?

„Ich bin am Ziel.“ 25 Jahre nach meinem Start in Berlin sind wir Deutschlands erfolgreichster Stadtmöblierer, eine tolle Basis für neue Arbeitsplätze in Berlin. Jetzt, mit 67, bin ich schuldenfrei. Obwohl es mir nie Probleme gemacht hat, mir Unmengen Schulden aufzuladen. Außerdem habe ich vieles über das Leben gelernt. Dass man nicht immerzu neue Familien gründen kann und dann bleibt wieder eine zurück; dass man mit seinen Kindern Zeit verbringen muss. Ich weiß auch heute erst, welche Frau zu mir passt. Darum habe ich zwei gescheiterte Ehen hinter mir. Ich bin halt ein bisschen doof in dieser Hinsicht. Meine Freundin nennt mich „Sassedi“. Das heißt Dummkopf, auf Chinesisch.

Sie haben eine neue Freundin?

Ja, sie studiert in Bristol. Ich habe sie bei einem meiner Vorträge kennengelernt.

Spielt der Altersunterschied eine Rolle?

Wenn ich nichts von ihr lernen könnte, wäre das ein Problem. Aber sie ist unglaublich intelligent. Ich lerne viel von ihr. Zum Beispiel sparen.

Sparen? Sie?

Na klar. Es ist wichtig, mit Geld gut umzugehen. Meine Freundin hat mir beigebracht, dass die teuersten Produkte im Supermarktregal immer auf Augenhöhe stehen. Wussten Sie das?

Ja.

Wieso wusste ich das dann nicht?

Weil Sie nie selbst einkaufen gehen?

Na gut. Jedenfalls habe ich mir vorgenommen, zukünftig noch viel mehr zu lernen. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr – dieser Spruch trifft auf mich nicht zu. Ich muss jetzt als Hans begreifen, was ich aus lauter Dummheit als Hänschen versäumt habe. Seit Monaten bin ich täglich an der Hartnackschule und lerne Englisch. In meiner Klasse weiß niemand, dass ich der Herr Wall bin. Ich lerne ganz anders als früher, da habe ich nur an Abenteuer gedacht.

Ihre Kindheit und Jugend war nicht besonders glücklich. Ihr Vater hat Sie oft verprügelt. Wie haben Sie die Schläge verwunden?

Schlecht. Er hat mich wegen Kleinigkeiten übers Knie gelegt und mit dem Ledergürtel auf mich eingedroschen. Ich lebte ständig in Angst vor den Schmerzen. Auch sonst war die Atmosphäre oft gedrückt. Am Abendbrottisch herrschte entweder eisiges Schweigen, oder es wurde gebrüllt.

In der Schule hatten Sie es auch nicht leicht. Man nannte Sie „Bananen-Knacker“.

Daran war ich selber schuld. Ich habe eines Nachts am Güterbahnhof in Aalen, wo wir wohnten, einen Container mit Bananen aufgebrochen. Ich wurde erwischt und kam sogar in Jugendarrest.

Erkennen Sie Ihren Vater manchmal in sich wieder?

Natürlich. Meinen Ehrgeiz habe ich wohl von ihm. Und wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich seine Augen. Gott, wie mein Vater! So ein sturer Preuße! Zum Glück war ich immer der Lieblingssohn meiner Mutti. Ich hab noch mit zwölf bei ihr gekuschelt. Das ist nicht normal, oder?

Für Ihre erste Freundin sind Sie bei den Zeugen Jehovas eingetreten. Ein schwerer Schritt?

Nein. Die Rosi war schön wie ein Engel. Wenn man eine Frau lieb hat, macht man so einiges.

Auch mit dem „Wachtturm“ auf der Straße stehen?

Das war befremdlich, vor allem, wenn ein Bekannter vorbeikam. Aber es war weniger schlimm als das von Haus zu Haus gehen. Trotzdem eine gute Lehre, seinen Pfuiteufel zu überwinden.

Warum kam es zum Bruch?

Für die Zeugen Jehovas ist Rauchen eine Todsünde. Sie können sich vorstellen, wie die es fanden, als ich die Tabakindustrie als Werbekunden für meine Bushäuschen gewann. Außerdem hatte ich längst gemerkt, dass es nicht die richtige Religion für mich ist. Da wird zu sehr in die Persönlichkeit eingegriffen. Man soll zufrieden sein, wenn man ein Dach über dem Kopf hat? Das bin ich nicht.

Würden Sie sich heute mit dem 30-jährigen Hans verstehen?

Ja. Mir gefiel, dass er im Grunde seines Herzens ehrlich ist. Ein Schlitzohr zwar, aber ehrlich.

Ihre erste Frau entschied sich damals für die Zeugen Jehovas und gegen Sie?

Ja. Sie wollte auch nicht nach Berlin, wegen der vielen Ampeln und des Drecks. Als sie mich dann mal in meiner Wohnung am Schlachtensee besucht hat, rief sie: „Hans, du bist so allein! Du vereinsamst.“ Ha! Wenn die gewusst hätte, was der Hans gemacht hat. Bis nachts um zwei fernsehen, mittags im Trainingsanzug frühstücken gehen und im Café Schell mit den Studentinnen flirten. Berlin war ein Befreiungsschlag für mich.

Sie haben sich bei der Stadt großzügig bedankt: Sie sponsern die Brunnen, pflegen den Rasen Unter den Linden, beleuchten den Ku’damm zur Weihnachtszeit, spenden für die „Arche“, kaufen dem Archaeopteryx im Naturkundemuseum eine Vitrine …

… da liegt ein solcher Schatz, ein solcher Urvogel jahrelang im Panzerschrank, weil die lächerlichen 70 000 Euro für einen Glaskasten fehlen …

… warum pflegen Sie Ihr Mäzenatentum nicht im Stillen?

Weil man darüber reden muss, wenn man Gutes tut, sonst gibt es keine Nachahmer. Auch unser Konkurrent Ströer gibt nun Geld für Brunnen. Die dachten, das ärgert mich. Nein, im Gegenteil!

2006 waren Sie so enttäuscht von Berlin, dass Sie drohten, Ihren Firmensitz nach Hamburg zu verlegen. Die BVG-Werbetochter VVR-Berek war in einem Bieterverfahren für 103 Millionen Euro an Decaux verkauft worden. Sie hatten nur 80 Millionen Euro geboten.

Das war eine herbe Enttäuschung. Man muss doch die Berliner Interessen bündeln! Da müssen die Politiker den Rechnungshof in seine Schranken weisen. Etwas Ähnliches ist wieder passiert: Die Berliner Polizei braucht neue Motorräder, und wer bekommt den Zuschlag? Nicht etwa BMW, die in Spandau 2000 Leute haben, sondern Moto Guzzi aus Italien. Da platzt einem doch der Kragen.

Wenn Sie in Boston erlebt hätten, dass der teurere inländische Konkurrent vorgezogen worden wäre, hätten Sie doch auch kein Verständnis gehabt.

Wenn der ein eigenes Produktionswerk in Boston gehabt hätten, hätte ich keine Chance gehabt. Ich hatte die besseren Produkte, deshalb habe ich dort gewonnen, obwohl die Konkurrenz mehr Geld geboten hat. In Berlin zählte nur das Geld. Arbeitsplätze im Wall-Produktionswerk, dem modernsten in Europa, wurden nicht berücksichtigt, ein Armutszeugnis für die Berliner Wirtschaftspolitik, die immer darüber klagt, dass in Berlin Produktionsarbeitsplätze fehlen.

Dachten Sie im Falle der VVR-Berek: Ich tu doch so viel für die Stadt, warum wird das eigentlich nicht honoriert?

Das kann man mal fragen, oder? Natürlich darf man für Spenden keine Gegenleistungen verlangen, aber man wird darauf hinweisen können, wenn es um eine zukunftsweisende Geschichte geht.

Sind Ihre Wartehäuschen mit Internetterminal zukunftsweisend in Zeiten, in denen jeder mit seinem Handy im Netz surfen kann?

Die Benutzerzahlen sprechen für sich. Wir wollen die Wartehalle für den Nahverkehr so attraktiv machen wie die Wartehalle zum Flugverkehr, den Flughafen. Im Moment entwickeln wir gerade ein frauenfreundliches Häuschen mit Alarmknopf. Sie werden staunen.

Ihr Vermögen haben Sie im Prinzip nur einer einzigen Idee zu verdanken.

Gute Ideen haben und Mut, darum geht es, das predige ich den jungen Leuten. Mensch Kinder, lasst die Flügel nicht hängen! Ich hab’ noch nicht mal Abitur. Als ich damals in Karlsruhe auf den Bus gewartet habe in diesem schauderhaften, dunklen Wartehäuschen – das war ein magischer Moment. Ich wusste: Das kann ich besser. Ich entwarf einen prächtigen Briefbogen und schrieb an hunderte Bürgermeister, ich würde kostenlos werbefinanzierte Wartehäuschen liefern und montieren.

Können Sie eigentlich gut warten?

Nein. Zum Beispiel habe ich einmal kurz vor Weihnachten einen Anruf von meinem Chefentwickler bekommen: „Herr Wall, es ist so weit, der Prototyp ist fertig.“ Ich sofort hin ins Werk. Keine Menschenseele war mehr da, und in der Mitte stand die strahlend weiße City-Toilette mit einem Bitte-nicht-betreten-Schild davor. Davon habe ich mich nicht abhalten lassen. Ich trat ein, die Tür schloss sich von Geisterhand. Nachdem ich genug gesehen, drückte ich die Klinke. Nichts.

Sie waren ein Gefangener Ihres eigenen Toilettenhäuschens?

Und das kurz vor der Bescherung. Ich wusste, zwischen Wand und Decke gibt es einen Spalt, den ich mit Gewalt würde aufbiegen können. Nach einer Weile fiel mir auf, dass eine Flüssigkeit meine Unterarme hinablief. Blut! Ich hatte meine Finger um eine Stahlkante gekrallt, die noch nicht versäubert war. Mir wurde erst schwindlig, dann schlecht, aber ich habe es irgendwie geschafft.

Was hat Ihr Chefentwickler dazu gesagt?

Ich habe nie verraten, dass ich das war. Aber ich veranlasste, dass ein Notausgang eingebaut wird.

1993 haben Sie dann sogar in New York die erste automatische Toilette aufgestellt.

Meine damalige Assistentin und spätere zweite Frau hat mit mir vorher im Hotel eine Rede geübt. Dieser Tag war ein großer Triumph. Ich war im Himmel, ich war mit New York im Geschäft. Danach sind wir erst mal drei Wochen nach Hawaii.

Ihre zweite Frau Claudia ist die Tochter des DDR-Auslandsspionagechefs Markus Wolf. Haben Sie mit Ihrem Ex-Schwiegervater viel über den Wiederaufbau des Stadtschlosses gestritten, für den Sie sich engagieren?

Sehr heftig. Der war ja voll dagegen. Es war eine sehr interessante Erfahrung, ihn kennenzulernen. Er war ein großartiger Mann, der für seine Ideale gekämpft hat. Er war von der kommunistischen Idee überzeugt! Wir sind doch im Herzen alle Kommunisten, wenn es darum geht, dass niemand Not leiden muss, oder?

Herr Wall, Sie überraschen uns.

Ich bin auch der Meinung, dass der Staat die Banken stärker kontrollieren muss! Die Auswüchse unseres Kapitalismus müssen – schnipp! – mit der Gartenschere weggemacht werden. Wenn’s um Arbeitsplätze geht und die Sparbüchse der Oma, hört der Spaß auf. Ich gehe jedoch nicht so weit wie die Linke, obwohl die nicht unsympathisch ist.

Haben Sie politische Ambitionen? Zeit hätten Sie.

Nein, aber manchmal spiele ich schon mit dem Gedanken. Es wäre toll, wenn ich etwas für die wahren Eliten dieser Stadt tun könnte: für die Lehrer, die Krankenschwestern, die Polizisten und die Feuerwehrleute. Die Banken kriegen 500 Milliarden. Wisst Ihr, was die Schulen brauchen?

Das klingt, als bedauerten Sie, dass es unter einer schwarz-gelben Regierung mit der Reichensteuer nichts wird.

Ich würde sofort zehn Prozent mehr Steuern zahlen. Aber nicht für die Schlamper, die mit 23 noch zu Hause herumsitzen!

Sie haben einmal gesagt, Ihr großes Vorbild sei Ernst Litfaß …

Im „Dritten Reich“ durfte man nicht „Litfaßsäule“ sagen, weil Litfaß Jude war. Unfassbar. Ich wollte wissen, wo er beerdigt ist – hier in Sichtweite unserer Konzernzentrale, auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof. Der Pfarrer sagte: „Auf Sie habe ich lange gewartet. Sie sind doch praktisch sein Nachfolger. Aber die Grabpflege, das macht die Lottogesellschaft.“ Ich: „Herr Pfarrer, wenn ich das nicht machen darf, versündigen Sie sich!“ Das hat mich 180 000 Mark gekostet, ganz schön teuer.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!