• „In München kann man auch überfahren werden“ Okwui Enwezor erlebte Bürgerkrieg in Nigeria und später die Bronx in New York. Warum er Richard Wagner schätzt und Schlingensiefs Operndorf nicht ernst nimmt

Überregional : „In München kann man auch überfahren werden“ Okwui Enwezor erlebte Bürgerkrieg in Nigeria und später die Bronx in New York. Warum er Richard Wagner schätzt und Schlingensiefs Operndorf nicht ernst nimmt

Interview: Barbara Nolte
Foto: pa/SZ/Alessandra Schellnegger

Herr Enwezor, Sie wuchsen in Nigeria auf. Wann kamen Sie zum ersten Mal mit zeitgenössischer Kunst in Berührung?

Was verstehen Sie unter dem Begriff? Was man so in Berliner Galerien sieht?

Jede Art von aktueller Kunst.

Das war schon in Nigeria, weil ich dort Freunde hatte, die Kunsthochschulen besuchten. Als Jugendlicher galt mein Interesse aber mehr der Literatur. Meine kostbarsten Schätze waren zwei Bibliotheksausweise: Einer war für die städtische Bibliothek, der andere für das British Council.

Sie lebten nicht in Lagos, sondern weiter östlich...

... Nigeria ist nicht nur Lagos. In Nigeria leben 150 Millionen Menschen. Ich verbrachte meine Jugend in Enugu, in einer langweiligen Verwaltungshauptstadt. Obwohl, langweilig ist das falsche Wort. Nichts in Nigeria ist langweilig. Es ist ein sehr dynamisches Land voller Konflikte.

Sind Sie noch manchmal dort?

Meine Mutter lebt in Enugu. Sie ist nicht mehr jung. Deshalb fahre ich wieder öfter hin.

Der Internationale Währungsfonds prognostiziert für die Länder südlich der Sahara ein Wirtschaftswachstum von mehr als fünf Prozent. Verbessern sich auch im Osten Nigerias die Lebensbedingungen?

Mehr als 30 Jahre hieß es in den Zeitungen, die Menschen in Afrika hätten weniger als einen Dollar täglich zum Leben. Kürzlich las ich, dass sie zwei Dollar am Tag haben. Ich dachte: Oh, dann haben sie offensichtlich eine Gehaltserhöhung bekommen! Wie kommen diese Kalkulationen nur zustande?

Sie halten diese Berechnungen für Unsinn?

Man muss zwischen Lebensstandard und Lebensqualität unterscheiden. Lebensqualität ist nicht nur davon bestimmt, wie viel Geld jemand zur Verfügung hat. Meine Mutter lebte lange in London, aber die Lebensqualität ist für sie in Nigeria viel höher. Dort ist sie nicht isoliert, sondern sie lebt in einer Gemeinschaft. Nigeria ist nicht so wohlhabend wie Deutschland, aber auch nicht so tief verarmt, wie manche Leute glauben.

München, wo Sie seit vergangenem Oktober wohnen, hat einen extrem hohen Lebensstandard. Befremdet Sie das?

Mir ist schon aufgefallen, dass Taxifahren in Berlin deutlich billiger ist. Im Allgemeinen erscheint mir München aber ziemlich normal. Ich habe 30 Jahre lang in New York gelebt. Darüber hinaus führte mich mein Beruf des Kurators gerade an der Westküste der USA an Orte, an denen ein fast obszöner Reichtum ausgestellt ist.

Die Kunstwelt präsentiert sich mit ihren reichen Sammlern und florierenden neuen Messen zunehmend dekadent. Der Soziologe Heinz Bude sagte, dass die Messen mit ihren Partys die Kunstkritik ersetzt hätten.

Der ökonomische Wert von Kunst wurde in den vergangenen Jahren immer bedeutsamer: Eine Gruppe von Leuten kauft dieses kulturelle Kapital. Nicht nur Amerikaner, auch Russen und Asiaten. Kunst ist ein sehr komplexes System geworden. Dazu zählen zweifelsohne die großen Messen wie Art Basel Miami Beach oder Frieze in London, aber auch viele andere Institutionen und Akteure. Was erst mal nicht schlecht ist, denn so vervielfältigen sich die Perspektiven.

Beschreiben Sie bitte Ihre Perspektive.

Ich will Projekte machen, die sich jenseits der Konvention bewegen, was als zugehörig gilt zur Kunst. Kunst ist universell. In jeder menschlichen Gemeinschaft gibt es sie, auch wenn wir mitunter nichts damit anfangen können. Ich halte es für essenziell in meiner Arbeit, den Allgemeinplatz zu hinterfragen, dass nur Menschen aus dem Westen gute Kunst machen oder gute Ideen haben.

Wer denkt denn so?

Der Westen glaubt zu wissen, was am besten für alle anderen ist. Auch, welches politische System das beste ist.

Halten Sie Demokratie und Rechtsstaatlichkeit nicht für das beste politische System?

Natürlich ist Demokratie ein wichtiges Ideal. Wer ist schon gegen Demokratie? Ich glaube aber, dass soziale Gerechtigkeit ebenso wichtig ist.

Sie sind studierter Politologe. Wie kam es, dass Sie hauptberuflich im Kunstbetrieb landeten?

Als ich 1982 zum Studium nach New York kam, stellte ich fest, dass ich dort einer Minderheit angehörte. Das war für mich eine prägende Erfahrung. Ich hatte mich selbst nie zuvor so gesehen. Wie sollte ich? Ich war ein Nigerianer in Nigeria. Einer Minderheit anzugehören, bedeutete, dass ich mich einer dominanten kulturellen Ideologie unterordnen sollte: dem Eurozentrismus. Der Eurozentrismus bestimmt, ob jemand das Recht, hat mitzureden oder nicht.

Im Jahr 1984 wurden in einer Aufsehen erregenden Ausstellung im Museum of Modern Art afrikanische Masken gezeigt. Sie trug den Titel: „Primitivism in 20th Century Art“.

Afrikaner machen primitive Kunst, Europäer und Nordamerikaner schaffen dagegen moderne Kunst. Diese Unterscheidung kann ich nicht akzeptieren. Ich hatte damals das Gefühl, dass meine Ideen als junger Schwarzer wertlos waren, weil ich sie nirgendwo wiederfand. Deshalb entschloss ich mich, mein eigenes Magazin zu kuratieren...

... das Magazin für zeitgenössische afrikanische Kunst, „Nka“, das es immer noch gibt.

„Nka“ war mein Statement. Ich sagte damit: Ich bin zeitgenössisch, ich war es immer. Uns wurde das ja gemeinhin abgesprochen.

Fühlten Sie sich damals verbunden mit den Schwarzen in den USA, deren Vorfahren meist aus Westafrika stammen?

Ich habe viele afroamerikanische Freunde. Da ich aber aus Nigeria komme, unterscheidet uns der historische Kontext, der für Afroamerikaner von der Sklaverei, also von Gewalt und Ausbeutung, geprägt ist. Meine Beziehung zur Welt ist nicht durch ethnische Zugehörigkeiten beeinflusst. Dazu sind Identitäten heute auch viel zu komplex.

Was meinen Sie genau?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel. In New York wurde ich in einem koreanischen Lebensmittelladen Zeuge eines heftigen Streits zwischen einem jungen und einem alten Weißen. Der Alte war so sauer, dass er den Jungen „White Trash“ nannte. Darauf sagte der Junge: „Ich bin nicht weiß, ich bin jüdisch.“ Beide sahen weiß aus, der Ältere nahm das ebenso an, bis der Jüngere ihm ein unsanftes Erwachen bescherte. Ich musste lachen. Ethnische Zugehörigkeiten sind nicht offensichtlich und vielfach nicht eindeutig.

Die Nationalsozialisten reduzierten Menschen auf ihre Zugehörigkeit zu Rassen, wie sie es nannten. Im vergangenen Spätsommer, gerade in Deutschland angekommen, besuchten Sie die Bayreuther Festspiele, die Thomas Mann „Hitlers Hoftheater“ nannte. Spürten Sie noch etwas von der Vergangenheit des Ortes?

Nein. Ich sah mit meiner zwölfjährigen Tochter dort den Tannhäuser. Sie mag die Oper. Die TannPremiere war für uns ein großes Vergnügen.

Richard Wagner, der Komponist, war Antisemit.

Seine kulturelle Produktion hat ihn rehabilitiert. Opernfans aus der ganzen Welt waren dort. Für mich war es sehr interessant, dieses Festival in seiner Einzigartigkeit zu erleben.

Glauben Sie, dass ein Besuch der Bayreuther Festspiele hilft, Deutschland besser zu verstehen?

Das kann ich so nicht sagen. Ich hatte bereits drei Jahre in Kassel gelebt, während ich die documenta 11 vorbereitete. Ist es wichtig, von welchem Ort aus man Deutschland wahrnimmt? Versteht man besser von Berlin oder besser von München aus?

In Kassel, einer eher provinziellen, von Nachkriegsarchitektur geprägten Stadt, bekommt man sicher ein anderes Bild von Deutschland als in München.

Ich habe einen Test, um herauszufinden, wie kosmopolitisch eine Stadt ist: Finde ich einen Friseur, der meine Haare schneiden kann? In Kassel fand ich ihn, einen Kanadier.

In München dürfte der Friseur kein Problem sein.

Ein nigerianischer Taxifahrer, der mich einmal zum Flughafen fuhr, empfahl mir einen. Er fragte, was ich in München machte. Er konnte es kaum glauben, dass ich das Haus der Kunst leite. Er dachte wirklich, das dürften nur Deutsche.

Das Haus der Kunst wurde von den Nationalsozialisten als Symbol ihrer Kulturpolitik erbaut. Zum 75-jährigen Bestehen des Hauses haben Sie gerade die Ausstellung „Geschichten im Konflikt“ eröffnet, die sich mit der Vergangenheit des Hauses auseinandersetzt.

Meine beiden Vorgänger haben bereits begonnen, die Geschichte aufzuarbeiten. Daran knüpft die neue Ausstellung an. Diesmal beleuchten wir nicht nur die Zeit des Nationalsozialismus, sondern auch die Jahre bis 1955, in denen die verfemte moderne Kunst wieder ins Museum zurückgebracht wurde.

Sie sind ein politischer Kurator.

Nein, ich fühle mich nur meiner Disziplin verpflichtet, die mitunter blinde Flecken hat. Ich habe als Kurator eine bestimmte Macht, weil ich über Ressourcen verfüge und über einen Raum, den ich bespielen kann. Da kann ich doch nicht bei einer Ausstellung, die sich international nennt, nur Künstler aus Nordamerika und Europa einladen.

Sie haben die Wanderausstellung „Meeting Points“ über Kunst der arabischen Welt kuratiert, die in den Städten des Nahen Ostens zu sehen war und im Januar in Berlin Station machte. Während Sie die Ausstellung vorbereiteten, kam es in einigen der Länder zu Revolutionen.

Ich reiste zwei Jahre lang in arabische Städte, um herauszufinden, welchen Tenor die Ausstellung haben sollte. In dieser Zeit erwuchs dort ein kollektives historisches Bewusstsein, und die Künstler waren stark darin involviert. Die syrischen Künstler änderten beispielsweise ihre Arbeiten mitten während des Projektes. Sie sagten, sie könnten keine Arbeiten machen, die vorgeben würden, dass alles sei wie immer.

Syrische Künstler konnten trotz des Bürgerkrieges teilnehmen?

Die Ausstellung sollte im April vergangenen Jahres gleichzeitig in Damaskus und Beirut gezeigt werden. Alles war vorbereitet, die Pressemitteilungen gedruckt. Da explodierte Syrien. Wir mussten die Eröffnung dort absagen. Doch von Damaskus aus ist es nur eine dreistündige Taxifahrt nach Beirut. Einige syrische Künstler zeigten ihre Arbeiten in Beirut. Manche kamen auch nicht. Wir wissen nicht, woran es lag. Wenn man in bestimmten Teilen der Welt lebt, riecht man, wenn etwas in der Luft liegt. Man weiß, wann man redet und wann man besser schweigt, wann man reisen kann, und wann man besser zu Hause bleibt.

Haben Sie selbst diese geschärften Sinne? Sie erlebten als Kind den Biafra-Krieg, der 1967 ausgebrochen war, nachdem die Ethnie der Igbo, der Sie angehören, einen Teil Nigerias zu einem unabhängigen Staat erklärt hatte. Ihre Familie musste in den drei Kriegsjahren 45 Mal umziehen.

Ja, man entwickelt eine gewisse Aufmerksamkeit, aber man darf deswegen nicht total defensiv werden. Selbst in München kann man jederzeit vom Auto überfahren werden.

Als Sie nach New York zogen, lebten Sie zunächst in der Bronx. Der Süden des Bezirks gehörte damals zu den gefährlichsten Orten der westlichen Welt.

Die Bronx ist groß. Ich arbeitete 1982 in der South Bronx als Kassierer in einem Parkhaus. Sie sehen, ich bin noch am Leben. In den folgenden Jahren habe ich in New York in allen Bezirken gelebt außer auf Staten Island. Ich bin ein New Yorker.

Sie fühlen sich so.

Ich bin es. Da ist noch immer eine gewisse Schizophrenie. Ich kann von mir nicht eindeutig sagen, dass ich Westler bin, aber ich habe zweifelsohne einen Großteil meines Lebens im Westernismus verbracht...

... dort, wo der Westen mit seinen Werten alles dominiert?

In gewissem Sinne ist der Westen eine Fiktion. Der Westen existiert nicht. Die Idee des Westens ist der Versuch, hierarchische Verhältnisse zwischen den Kulturen zu etablieren. Doch die Machtverhältnisse verändern sich gerade. Ich sage Ihnen: Afrika ist die Zukunft. In 25 Jahren ist es so weit. Wie Indien heute. Achten Sie darauf.

Anders als Indien ist Afrika instabil, was seine Entwicklung behindert.

Afrika ist kein wilder, chaotischer Ort. Wir sollten es uns abgewöhnen, Afrika als eine Einheit zu betrachten. Es ist ein riesiger Kontinent, achtmal so groß wie Europa. Mehr als eine Milliarde Menschen leben dort. Vielleicht fühlen sich die Journalisten aus dem Westen gut damit, ihre ganze Negativität auf Afrika zu projizieren. Alles Normale, Positive wird ausgeblendet. Afrika wird gedanklich ausgelöscht, um sich nicht damit befassen zu müssen.

Aus Nigeria war in den vergangenen Monaten immer wieder von Anschlägen der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram zu lesen. Es heißt, dass das Land am Rand eines Bürgerkrieges stehe. Ist die Einschätzung falsch?

Schwer zu sagen. Die Angriffe auf Christen dauern seit Jahrzehnten an. Die Welt kann sich keinen großen Konflikt in Nigeria erlauben. Weil es so ein wichtiges Land ist.

Die Chinesen engagieren sich in den letzten Jahren stark in Afrika. Die Korrespondenten der großen deutschen Zeitungen schreiben von der „Eroberung des Kontinents durch chinesische Unternehmer“.

Das ist lächerlich. Es gibt auch eine Mercedes-Benz-Fabrik in Nigeria, der Konzern baut dort Lastwagen.

Der verstorbene Regisseur Christoph Schlingensief plante ein Operndorf in Burkina Faso, einem der ärmsten Länder des Kontinents. Es wird jetzt gebaut. Was halten Sie davon?

Eine Oper in Burkina Faso – das kann ich nicht ernst nehmen. Es ist der legitime Traum eines Menschen. Aber es ist nicht das, was ich mir unter Kunst vorstelle. Es muss erlaubt sein, selbst Träume kritisch zu hinterfragen.

Das Motto von Schlingensiefs Projekt lautet „Von Afrika lernen“. Sie sagen sinngemäß dasselbe. Was also soll die Welt von Afrika lernen?

Die Frage ist zu pauschal. Vielleicht sollte sich die Welt einfach mal daran erinnern, dass alles in Afrika begonnen hat. Wir sind alle Nachfahren von Afrikanern – Sie auch.