Überregional : „Ich hab ein großes Hackebeil genommen – und zack!“

Kathrin Schmidt war nach einer Hirnblutung halbseitig gelähmt und schrieb darüber einen Roman. Im Oktober bekam sie den Deutschen Buchpreis

Kathrin Schmidt, 51, Autorin und Psychologin, lebt in Berlin-Marzahn.
Kathrin Schmidt, 51, Autorin und Psychologin, lebt in Berlin-Marzahn.Foto: p-a/dpa

Wenn man Ihren Terminkalender liest, wird einem schwindlig: heute Berlin, morgen Köln, am Mittwoch St. Augustin, am Donnerstag wieder Lesung in Berlin, am Freitag in Frankfurt am Mai …

Mit dem Buchpreis im Oktober ging der Hype so richtig los, auch wenn „Du stirbst nicht“ schon im Frühjahr erschienen ist. Das läuft jetzt so weiter bis Februar, dann gehe ich in die Villa Massimo nach Rom.

Wie Ihre Romanfigur hatten Sie 2002 eine Hirnblutung, waren halbseitig gelähmt, mussten wieder sprechen lernen. Haben Sie selbst auch so wenig damit gehadert?

Na, ich dachte, wenn ich auf die sinnlosen Kämpfe verzichte, kann ich mich aufs Wesentliche konzentrieren. Wobei vieles unbewusst passiert, anfangs ist man gar nicht bei sich, das kommt erst viel später, dass man seine eigene Lage versteht. Aber dieses Annehmenkönnen empfinde ich als große Gnade. Um mich herum haben ja viele Patienten gewütet, getobt. Ich habe einfach angefangen, den Computer mit der linken Hand zu bedienen.

Sie wirken nicht wie eine Kämpfernatur.

Das würde ich so nicht sagen. Wenn ich mir im Nachhinein angucke, was ich so alles geleistet habe, ist das gar nicht wenig. Ich habe da viel Kraft reingesteckt, aber das ist wie von selbst gegangen, ich musste mich nicht überwinden. Physiotherapie, Ergotherapie, das gehörte einfach dazu, jahrelang. Wenn ich was will, verfolge ich das auch sehr hartnäckig. Ich denke dann nicht mehr über das Ziel nach und den Aufwand, den ich betreiben muss, um es zu erreichen.

Sie sind Mutter von fünf Kindern. Hat das besondere Kräfte mobilisiert?

Ich glaube schon, besonders weil der Jüngste noch so klein war. Ich habe sehr viel von meinen Kindern geträumt in der Zeit. Wenn ich kurz zu mir kam, sah ich sie immer vor mir, ohne zu wissen, wie sie eigentlich heißen. Ich glaube, wenn man keine Kinder hat, sagt man vielleicht schneller, na ja, wenn’s das jetzt war, dann war’s das.

Für Ihre Kinder muss es schwer gewesen sein, Sie so hilflos zu erleben.

Da habe ich mir anfangs überhaupt keine Gedanken drüber gemacht, dafür war kein Raum in meiner Wahrnehmung. Ich dachte ja, mir geht es eigentlich gut, ich hatte keine Schmerzen. Erst zwei, drei Jahre später ist mir klar geworden, was sie in der Zeit durchgemacht haben.

Wir sind am Ende des Darwin-Jahrs, Stichwort: Survival of the Fittest. Aber der Titel Ihres Romans deutet darauf hin, dass der Mensch nicht alleine kämpft. „Du stirbst nicht“, sagt Matthes zu seiner Frau Helene.

Bei mir ist es ganz einfach: Wäre ich alleine zu Hause gewesen, wäre ich jetzt nicht mehr am Leben, dann wäre die Blutung weitergegangen. Es war Zufall, dass mein Mann gerade da war, und er hat sofort gemerkt, dass es was Existenzielles war. Er hat auch später ganz viel geregelt. Als ich nach vier Monaten nach Hause gekommen bin, ist er sofort in die Kur gegangen, weil er so fertig war.

Im Roman scheint der Humor eine wichtige Rolle bei der Genesung zu spielen, wenn Helene zum Beispiel „Sand“ sagt, als sie „Quark“ meint und ...

… da haben wir wirklich drüber gelacht. Wenn man um sich herum Leute sieht, die überhaupt nicht mehr sprechen können, da freut man sich schon, wenn man was Falsches sagt. Und ich habe ziemlich schnell gemerkt, dass Wörter zurückkommen, wenn jemand sie ausspricht. Ich wäre auch zufrieden gewesen, wenn ich mich nicht mehr hätte bewegen können, solange ich nur hätte sprechen können, das war mir instinktiv viel wichtiger. Ich wollte immer nur Wörter hören, Wörter hören, Wörter hören. Ich war manchmal richtig sauer, wenn sie drei Therapien hintereinander angesetzt hatten, aber keine Logopädie. Und ohne dass jemand mit mir gesprochen hat – das fand ich nicht schön. Die haben wirklich wenig mit mir geredet im Krankenhaus und in der Reha. Die haben einfach keine Zeit. Aber nur das Reden hat es gebracht, das Aussprechen von Wörtern.

Haben die Mediziner Ihnen Mut gemacht?

Als ich entlassen wurde, hat der Arzt zu mir gesagt: Frau Schmidt, Sie werden Ihren Arm nie mehr heben können, ob Sie jemals wirklich frei laufen können, wissen wir auch nicht, und das Sprechen – na ja … Ein bisschen Optimismus hätte mir schon geholfen. Heute kann ich laufen, und den Arm zu heben, ist eine meiner leichtesten Übungen. Die Kraft ist da, nur die Feinmotorik ist nicht so zurückgekommen. Und alles geht langsamer.

Und im Haushalt – wie ist es mit dem Kochen?

Kein Problem. Als ich nach Hause kam und mein erstes Essen machen wollte, habe ich gemerkt, dass ich das Fleisch nicht kleinschneiden konnte. Also hab ich ein großes Hackebeil genommen und – zack! die Machete gemacht, das ging. Nur ein bisschen groß, die Stücke.

Eine Schriftstellerin, der die Worte fehlen – hat es da nicht Zeiten gegeben, in denen Sie sich selber aufgegeben haben?

Es gab einen Punkt, wo ich mich schon fast vom Schreiben verabschieden wollte. Aber dann stand mein Verleger Helge Malchow am Bett und hat gesagt: Das nächste Buch machen wir auch zusammen. Und da habe ich gedacht: Mensch, wenn der das sagt! Ich weiß gar nicht, ob ihm das so bewusst war, was er da gesagt hat, oder ob er es so meinte. Aber in dem Moment ist was passiert bei mir.

Fragen: Susanne Kippenberger