Geschichte : Liebe in Zeiten der Revolution

In der DDR waren Schulen und Straßen nach ihr benannt: Tamara Bunke, die Deutsche, die mit Che Guevara kämpfte. Am Montag wäre sie 75 Jahre alt geworden

Erwin Starke
Tamara Bunke beim Fotografieren 1967 im bolivianischen Dschungel. Der Mann hinten links könnte Che Guevara sein.Alle Bilder anzeigen
Fotos: pa/ZB, AFP
16.11.2012 19:35Tamara Bunke beim Fotografieren 1967 im bolivianischen Dschungel. Der Mann hinten links könnte Che Guevara sein.

Tamara Bunke ist am Ende ihrer Kräfte. Vom bolivianischen Militär verfolgt, irrt sie seit vier Monaten mit ihren Mitstreitern durch die Bergwälder am Fuße der Anden. Das Terrain ist durch Schluchten und Flussläufe zerklüftet, Dornenhecken machen das Dickicht schwer passierbar. Wenn es regnet, und es regnet oft, ist die Truppe dem Wetter meist schutzlos ausgeliefert. Von den Strapazen und quälenden Unterleibsschmerzen zermürbt, schreibt die 29-Jährige: „Liebe Mutter, ich habe Angst. Ich weiß nicht, was aus mir und all den anderen werden soll. Wahrscheinlich nichts. (...) Am liebsten würde ich mich davonschleichen und verstecken, wenn ich nur wüßte, wo ...“

Der Brief wird niemals fertig. Angefangen hat Tamara Bunke den stummen Hilferuf an die Mutter irgendwann im August 1967. Zu einem Zeitpunkt, als die Gruppe um Tamara, oder Tania, wie sie von den Guerilleros genannt wird, bereits um das nackte Überleben kämpft.

Vorgestellt haben sie es sich ganz anders. Als Che Guevara den bewaffneten Aufstand in Bolivien mit seinen meist kubanischen Mitstreitern im März 1967 beginnt, erwartet er, dass sich die Bauern und Minenarbeiter der Region ihm rasch anschließen. Eine revolutionäre Befreiungsarmee soll in Bolivien entstehen, die sich schließlich über ganz Südamerika ausbreiten würde. Doch der Plan scheitert schon im Ansatz. Die Bauern, zumeist Indios, misstrauen den Ausländern, verstehen sie oft nicht einmal. Außerdem gab es 1952 in Bolivien bereits eine Revolution, die das Los der einfachen Landbevölkerung zumindest etwas verbessert hat. Nun versagt selbst die kommunistische Partei Boliviens Che Guevara die Unterstützung.

Es gibt Gerüchte, wonach Tamaras Unterleibsschmerzen von einer Schwangerschaft herrühren. Und Che Guevara soll der Vater des Ungeborenen sein. Doch der ist schon seit Monaten nicht mehr bei ihrer Gruppe. Im April hat er seine Armee, die nie mehr als 49 Köpfe zählte, geteilt. Tamara, die Kranken und jene, welche nach Hause wollen, bilden die 17 Personen starke Nachhut. Eigentlich soll sich die Truppe nach drei Tagen wieder vereinen. Es kommt anders.

Die Armee zwingt die Nachhut zum Ausweichen. Die Funkgeräte haben im feuchten Regenwald längst den Dienst versagt. Monatelang irren beide Gruppen aneinander vorbei, immer wieder von der Armee in Gefechte verwickelt. Dezimiert, unterernährt, von Durchfall und Krankheiten geplagt, steht die Nachhut kurz vor dem Ende. Einen Versuch wollen sie noch machen, die Hauptgruppe zu finden. Die vermuten sie nördlich von sich, hinter dem Rio Grande. In der Nähe von dessen Nebenfluss Masucurí liegt das armselige Gehöft des Bauern Honorato Rojas. Ihn bitten sie, die Gruppe zu einer Furt durch den Fluss zu führen.

Eigentlich hätte Tamara Bunke gar nicht bei der Partisanentruppe sein sollen. In La Paz, der Hauptstadt Boliviens, war ihr Platz. Dort hatte sie bedeutendere Aufgaben, als selbst die Waffe in die Hand zu nehmen. Sie sollte als Kontakt der Guerilleros in der Stadt fungieren, Verstärkungen und Nachschub organisieren, Informationen aus Politik und Militär beschaffen. Tania ist keine einfache Guerillera. Sie ist eine erfolgreiche Agentin des kubanischen Geheimdienstes (DGI) und der einzige Kontakt der Guerilleros zur Öffentlichkeit. Überhaupt ist sie eine zentrale Figur in dem ganzen Unternehmen. Vor allem ihre Erkenntnisse und Verbindungen in La Paz haben zu der Entscheidung geführt, die lateinamerikanische Revolution in Bolivien zu beginnen und nicht, wie von Che ursprünglich vorgesehen, in Peru.

Viele Legenden, Gerüchte und Unklarheiten ranken sich um „Tania la Guerillera“, wie sie in Südamerika noch heute genannt wird. Es heißt, sie sei die deutsche Geliebte Che Guevaras gewesen. Und als Dreifachagentin habe sie für den DGI, das Ministerium für Staatssicherheit der DDR (MfS) und zugleich für den sowjetischen KGB gearbeitet. Die DDR machte sie posthum zu einer Heiligen des Sozialismus. Mehr als 240 Kindergärten, Schulen und Pionierbrigaden trugen den Namen Tamara Bunke. Und Tamaras Mutter wachte bis an ihr eigenes Lebensende 2003 über die Unbeflecktheit der Legende. Alle, die dieses Bild störten, wurden mit Klagen überzogen. Vieles wird wohl nie mehr wirklich geklärt werden können. Sicher aber ist, dass Tamara Bunke eine außergewöhnliche Frau war. Am Montag wäre sie 75 Jahre alt geworden. Doch ihr Schicksal erfüllte sich tragisch und sehr viel früher im Dickicht der bolivianischen Wälder.

Geboren wurde sie als Haydée Tamara Bunke Bider am 19. November 1937 in Buenos Aires. Ihre Eltern waren 1935 aus Deutschland emigriert. Der Vater Erich ist ebenso wie die Mutter Nadja, eine Jüdin aus Odessa, überzeugter Kommunist. Früh genug erkannten sie, dass es für sie im nationalsozialistischen Deutschland keine Zukunft gab. In Buenos Aires findet Erich Bunke schnell Anschluss an die dortige kommunistische Partei.

Der uruguayische Autor José A. Friedl Zapata befragte bei seiner Recherche zu Tamara Bunke viele Menschen aus ihrem Umfeld. Mehrfach bekam er zu hören, die Eltern seien dogmatische, „typisch preußische Kommunisten“ gewesen. Nadja Bunke erinnerte sich bis zuletzt mit Stolz daran, ihre Kinder im Geiste der sowjetischen Oktoberrevolution und des Kampfs für die Weltrevolution erzogen zu haben. Briefe Tamaras aus Kuba an ihre Eltern zeigen wiederum das Bild einer Tochter, die ihrerseits stolz ist, den Eltern als pflichtbewusste Revolutionärin zu gefallen.

1952 kehrt die Familie mit dem zwei Jahre älteren Bruder Olaf nach Deutschland zurück. Sie gehen in die DDR, wollen den Sozialismus mit aufbauen. Für die zu diesem Zeitpunkt 15-jährige Tamara, die besser Spanisch als Deutsch spricht, muss es ein Kulturschock gewesen sein. Aus dem quirligen, bunten Buenos Aires verschlägt es sie in das Grau von Eisenhüttenstadt, das damals noch Stalinstadt heißt und eine riesige Baustelle ist. Die sozialistische Planstadt entsteht gerade erst. Dennoch stürzt sich das junge Mädchen in das neue Leben. Sie tritt in die Gesellschaft für Sport und Technik (GST) ein und lernt dort den Umgang mit Waffen. Sie engagiert sich in der FDJ und wird nach dem Abitur 1957 Pionierleiterin in Berlin, 1958 dann Mitglied der SED. An der Humboldt-Universität beginnt sie ein Studium der Romanistik und gründet eine politische Gruppe, deren besonderes Interesse der Revolution auf Kuba gilt.

Tamara Bunke wird zur Kontaktperson für alle Lateinamerikaner, die nach Ost-Berlin kommen. Das macht sie interessant für das MfS, dessen inoffizielle Mitarbeiterin sie 1959 wird. Dennoch plagt sie beständig Heimweh. Sie hört argentinische Volksmusik, vor allem Tango. Sie sehnt sich nach der Sprache und dem Lebensgefühl Südamerikas, will wieder dorthin zurück. Am 12. Dezember 1960 genehmigt das Zentralkomitee der SED schließlich ihre Ausreise. Ein späterer Bericht des MfS, der Abteilung Aufklärung (HVA /A III) vom 27.10.1962, belegt, dass Tamara Bunke als Agentin erst in Argentinien und später in den USA vorgesehen ist. Ihre Überfahrt ist bereits organisiert, als ihr Leben eine plötzliche Wendung nimmt.

Tamara wird einer kubanischen Wirtschaftsdelegation als Dolmetscherin zugeteilt. Angeführt wird die Gruppe von Che Guevara, zu der Zeit Direktor der kubanischen Nationalbank. Was für einen Eindruck die Kubaner, allen voran der in Argentinien geborene Che, auf sie machen, kann man ihren erhaltenen Briefen entnehmen. Inmitten mausgrauer, steifer ostdeutscher Parteifunktionäre stehen da die Kubaner mit verwegenen schwarzen Bärten und wilden Haaren, in ihrem grünen Kampfanzug, mit einer Zigarre im Mundwinkel. Selten war der Sozialismus so sexy. Für Tamara steht nun fest, sie will nach Kuba. Ihr Führungsoffizier im MfS, Günter Männel, behauptete später nach seinem Überlaufen in den Westen, Tamara persönlich auf Che Guevara angesetzt zu haben. Ihre Ausreise nach Kuba kommt dagegen eher einer Republikflucht gleich.

Ein Jahr nach der ersten Begegnung mit Che Guevara begleitet sie als Dolmetscherin das kubanische Staatsballet durch Osteuropa. Als eine der Tänzerinnen sich in Prag absetzt, nutzt sie die Chance, den nun freien Platz im Flugzeug einzunehmen. Ein Verhältnis zu einem Sekretär der kubanischen Botschaft in Prag, welches ebenfalls durch einen Bericht des MfS belegt ist, diesmal der Abteilung R vom 27.06.1962, gereicht ihr dabei sicher zum Vorteil.

Am 12. Mai 1961, um 15.45 Uhr, hat sie ihr Ziel erreicht: Sie betritt endlich kubanischen Boden. Ob Tamara Bunke später noch für das MfS tätig ist, lässt sich nicht mehr belegen.

Bald schon sieht man sie nur noch in der Uniform der Miliz. In ihren Briefen an die Eltern schwärmt sie davon, dass sie die Revolution mit der Waffe in der Hand verteidigt, wenn sie als Milizionärin Wache steht. Gleich nach ihrer Ankunft wird auch der kubanische Geheimdienst auf sie aufmerksam. Che persönlich gibt Anweisung, Tamara Bunke für die Eignung als Mitarbeiterin des DGI zu überprüfen. Im Mai 1963 wird Tamara in den DGI eingestellt und trägt fortan den Tarnnamen Tania.

Es folgen harte Monate der Ausbildung. In internen Beurteilungen werden ihr eiserne Disziplin und Durchsetzungswille, großes Geschick und schnelle Auffassungsgabe bescheinigt. Insbesondere gelingt es ihr, in der erfundenen Biografie gleichsam aufzugehen, obwohl sie dafür alle Kontakte zu ihrem vorherigen Leben abbrechen muss.

Im November 1964 eröffnet ihr Che Guevara persönlich, welche Pläne er für sie hat. Sie soll nach La Paz, in die Hauptstadt Boliviens, und als vorgebliche Musikethnologin Laura Gutiérres Bauer dort Zugang zu den Spitzen aus Politik und Militär finden sowie die Lebensbedingungen im Land erkunden. Binnen nur drei Monaten gelingt ihr das dann erstaunlich schnell, was vor allem an ihrer Fähigkeit liegt, jedem Menschen das Gefühl zu vermitteln, in ganz besonderem Maße an ihm interessiert zu sein. Das legen die Berichte und Interviews derer nahe, die mit Tamara in La Paz zu tun haben – vor allem Männer. Sie machen ihr reihenweise den Hof, und sie nutzt deren Gunst zu ihren Zwecken.

Gleich zu Beginn ihrer Mission lernt sie den Maler Moíses Chile Barrientos kennen. Obwohl der Frau und Kinder hat, geht Tamara eine Beziehung mit ihm ein und erlangt Zugang zur Spitze der bolivianischen Gesellschaft. Der Bruder des Malers, General René Barrientos Ortuño, ist kurz zuvor Staatspräsident geworden. Bald darauf gibt sie den Kindern des Präsidenten in dessen Villa Deutschunterricht.

Über andere Männerbekanntschaften wird sie Mitarbeiterin im Komitee zur Erforschung der Folklore und erhält einen bolivianischen Ausweis. Beides hilft ihr, ohne Aufsehen zu erregen in allen Landesteilen umherzureisen und einen geeigneten Platz für ein Basislager der Guerilleros zu suchen. Um auch noch die Staatsbürgerschaft Boliviens zu erhalten, heiratet sie den bis über beide Ohren in sie verliebten Studenten Mario Martinez. Allerdings wird Martinez dank ihrer Beziehungen sein Studium in Bulgarien fortsetzen. Die Scheidung folgt rasch.

Tamara alias Tania alias Laura wird persönliche Sekretärin des Pressesprechers des Präsidentenpalastes, jetzt hat sie Einblicke in geheime Dokumente der Regierung. Sie nimmt sich eine kleine Wohnung in der Avenida 3era y 18 Miramar und lebt das Leben einer bürgerlichen Frau, die in der höheren Gesellschaft anerkannt und beliebt ist. Tatsächlich arbeitet sie am Sturz ebendieser Gesellschaft. Mit dem Briefpapier und dem Stempel ihres Amtes stellt sie offizielle Legitimationsschreiben für die Guerilleros aus, um diese unerkannt nach Bolivien einzuschleusen. Sie organisiert falsche Papiere, konspirative Wohnungen, Waffen und Fahrzeuge. Doch dann begeht sie einen schweren Fehler.

Nachdem sie zwei Sympathisanten in das Basislager der Guerilleros am kleinen Fluss Nancahuazú gefahren hat, macht sie sich nicht unverzüglich auf den Rückweg, sondern bleibt dort zwei lange Wochen. Sie will die Rückkehr Che Guevaras abwarten, der sich auf einer Erkundungstour befindet. Die Guerilleros haben zur Tarnung einen Bauernhof ganz in der Nähe angemietet. Dort lässt Tamara ihren Jeep zurück, darin liegt ihr Notizbuch mit geheimen Adressen, Telefonnummern und Kontakten.

Das bolivianische Militär ist bereits auf das Lager aufmerksam geworden, der Jeep wird durchsucht, die Unterlagen fallen den Soldaten in die Hände. Tamaras Legende als Laura Gutiérrez Bauer ist gefährdet, sie kann nicht mehr zurück. Vielleicht hat sie es aber auch darauf angelegt, will bei den Guerilleros bleiben. Schon während ihres Einsatzes in La Paz hatte sie gegenüber ihrem Führungsoffizier vom DGI über die psychische Belastung ihres falschen Lebens und die Einsamkeit in der Lüge geklagt. Ein Dossier des DGI mahnt daraufhin die dringende Entsendung eines Agenten nach La Paz an, der Laura Gutiérrez dort stützen soll, einen Menschen, vor dem sie wieder Tania sein kann.

Nun aber ist sie Teil der kämpfenden Truppe und geht den Weg, der sie endgültig an den Rand der Verzweiflung führt. Eine vage Hoffnung liegt hinter dem Fluss, den sie nun mit Hilfe des Bauern Honorato überqueren wollen. Der bringt die Gruppe wie verabredet zu einer Furt. Keiner von ihnen ahnt jedoch, dass der Bauer eine Absprache mit den Soldaten hat. Als sie den Fluss überqueren, geraten sie am 31. August 1967 in einen Hinterhalt. Tania und ihre Kameraden haben keine Chance. Erst eine Woche später findet man ihren Leichnam flussabwärts. In ihrem Rucksack sind, wasserdicht verpackt, eine Reihe von Musikkassetten mit lateinamerikanischer Folklore und der begonnene Brief an die Mutter. Als einzige der Guerilleros erhält sie ein ordentliches Begräbnis. Che Guevara überlebt sie nur um sechs Wochen, er wird keine 60 Kilometer entfernt erschossen.

1998 werden ihre sterblichen Überreste nach Kuba überführt, wo sie seitdem in Santa Clara an der Seite von Che Guevara beerdigt ist.