Überregional : Eine Stadt zerstört sich selbst

Kultur und Barbarei: 80 Jahre nach Hitlers Machtantritt erinnern Berliner Ausstellungen an die Zerschlagung der Demokratie

Christian Schröder
Braun raus. Wahlplakat der KPD zur Stadtverordnetenwahl. 1929 malte Joachim Ringelnatz seinen „Herbstgang“.Alle Bilder anzeigen
Fotos: Stiftung DHM, Berlinische Galerie
29.01.2013 19:55Braun raus. Wahlplakat der KPD zur Stadtverordnetenwahl. 1929 malte Joachim Ringelnatz seinen „Herbstgang“.

Sonnige Tage, lachende Gäste. Die Straßenterrasse des Cafés Wien am Kurfürstendamm ist überfüllt. Herren in dunklen Anzügen und Damen mit eleganten glockenförmigen Hüten lassen sich Kaffee und Kuchen servieren. Das Foto stammt aus der Spätphase der Weimarer Republik, aber von einer Krise ist nichts zu spüren. Ein paar Meter weiter werden Ausschnitte aus Walter Ruttmanns berühmten Stummfilm „Berlin – Sinfonie einer Großstadt“ auf zwei Großleinwände projiziert. Passanten hasten zwischen Limousinen und Straßenbahnen über eine Kreuzung. So beginnt die Ausstellung „Zerstörte Vielfalt“ im Deutschen Historischen Museum: mit einer Beschwörung jener brausenden, kulturell in höchster Blüte stehenden Metropole, die dem Untergang geweiht war, als die Nationalsozialisten heute vor achtzig Jahren, am 30. Januar 1933, die Macht übernahmen (bis 10.11, tgl. 10–18 Uhr).

Damals starb die erste deutsche Demokratie, es war ein Tod nach langem Siechtum. In der Ausstellung muss man hinter der Wand mit der riesenhaft vergrößerten Caféterrassenansicht nur um eine Ecke biegen, um zu sehen, warum die Weimarer Republik zugrunde ging: Weil es zu wenige Republikaner gab, die sich zu ihr bekannten, und weil ihre Gegner schon lange vor dem 30. Januar die Straße beherrschten. Da liegen in einer Vitrine die Propagandabroschüren der konkurrierenden Extremisten friedlich nebeneinander: Die Nationalsozialisten versprechen „Wie wir Arbeit und Brot schaffen“, und die Kommunisten versichern: „Erwerbslose! Ihr seid eine Mauer.“ Die Weltwirtschaftskrise schuf den Nährboden für radikale Parolen. 1931 war in Berlin beinahe jeder dritte Erwerbsfähige ohne Arbeit. Ein Stück weiter sind Schlagringe, Pistolen und SA-Uniformteile zu sehen, die für die Eskalation der politischen Kämpfe stehen. Der Terror, der nach 1933 staatlich institutionalisiert wurde, hatte bereits vorher begonnen.

Die Ausstellung versteht sich als „Portal“ zu den Projekten, mit denen Berliner Museen, Gedenkstätten, Vereine und Initiativen an die Zerschlagung der Demokratie durch die Nazis erinnern. Bis zum November, in dem sich die Reichspogromnacht zum 75. Mal jährt, soll es rund 500 Veranstaltungen an 100 Orten geben, organisiert von 120 Institutionen (siehe Kasten). Es handelt sich, sagt der Berliner Kulturstaatssekretär André Schmitz, um „das größte Projekt der Erinnerung, das jemals in Deutschland veranstaltet wurde“. Mit Open-Air-Installationen verwandelt sich die Stadt dabei in ein Museum, deshalb ist die von Simone Erpel kuratierte Museumsschau selbst auch wie ein Stadtplatz gestaltet.

Es gibt Litfaßsäulen, auf denen sich weiterführende Fakten finden, und wandhohe Fotoreproduktionen, die wie Fassadenwerbung wirken. Um Reklame geht es tatsächlich, denn die Bilder entstammen der medialen Selbstinszenierung des Regimes, und jeweils auf ihrer Rückseite stellt die Ausstellung dieser Fassade die Wirklichkeit von Gewalt und Ausgrenzung gegenüber. Das Rote Rathaus ist nach den Reichstagswahlen vom März 1933 mit Hakenkreuzfahne geschmückt – jüdischen oder politisch unliebsamen Beamten wird „Im Namen des Reiches“ die Entlassungsurkunde geschickt. Im Sommer 1936 präsentiert sich Berlin zu den Olympischen Spielen als friedliche Stadt, ein Kamerateam posiert vor dem Stadion – kurz zuvor sind Regimegegner in das vor den Toren der Stadt errichtete KZ Sachsenhausen verschleppt, 600 Sinti und Roma nach Marzahn deportiert worden, ins erste Ghetto für rassisch Verfolgte auf deutschem Boden. Am Anhalter Bahnhof winken fröhliche Reisende in die Kamera – hier beginnt auch für viele Flüchtlinge der Weg ins Exil, personifiziert in einer Porträtgalerie mit Lithografien von unter anderem Bert Brecht, Carola Neher, Ernst Toller und Bruno Taut.

Viele der Avantgardisten, die die Kultur der Weimarer Republik geprägt hatten, verließen Deutschland nach 1933. Sie hatten Berlin zu einer modernen, weltoffenen Metropole gemacht, für die der Ku’damm mit seinen Theatern, Varietés, Kinos und Tanzpalästen ein Symbol war. Ein Werbeplakat zeigt die Gedächtniskirche, umflutet von nächtlichem Autoverkehr. Die im Himmel hängenden Scheinwerfer scheinen die Leuchtkränze der alliierten Bomberflotten vorwegzunehmen. Christian Schröder

Den Bildern ist nicht zu trauen. Die Foto- und Filmdokumente aus der NS-Zeit, mit denen uns die Medien dieser Tage bombardieren, sind allesamt vorzensiert durch den nationalsozialistischen Propagandaapparat. Bis heute übt er eine unheimliche Herrschaft über das kollektive Erinnern an den 30. Januar 1933 aus. Das meistzitierte Bildmotiv ist ein Fake: Der nächtliche Fackelmarsch uniformierter Nationalsozialisten durch das Brandenburger Tor wurde einige Monate später nachgedreht. Damit stellten sich die Nationalsozialisten in die Tradition der siegreichen preußischen Soldaten seit den Freiheitskriegen gegen Napoleon und sie korrigierten die Bilder vom Empfang für die geschlagenen Truppen auf dem Pariser Platz nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg.

Selbst der vor zwei Jahren erschienene Katalog „Berlin 1933–1945“ der Stiftung Topographie des Terrors zeigt auf dem Umschlag das Brandenburger Tor mit den Filmkolonnen aus einem Propagandafilm. „Wir sind auf die damals vorhandenen Bildwelten verwiesen“, sagt Klaus Hesse, Kurator der neuen Sonderausstellung „Berlin 1933 – Der Weg in die Diktatur“ auf dem ehemaligen Gestapo-Gelände (bis 9. 11., tgl. 10–20 Uhr). Als Blickfang dienen Schwarz-Weiß-Fotos in Plakatwandgröße, gleich das erste zeigt Arbeitslose vor dem Neuköllner Arbeitsamt. Auch Goebbels hat dieses Motiv in seinem Ende 1933 erschienenen Propagandabuch „Das erwachende Berlin“ benutzt, um das Versagen der Weimarer Republik zu bebildern.

Weitere Großfotos zeigen Hitler im offenen Wagen auf dem Weg durch die von Anhängern verstopfte Wilhelmstraße, den greisen Reichspräsidenten Hindenburg beim „Tag von Potsdam“, ein beschmiertes Schaufenster mit dem Aufruf „Kauft nicht bei Juden!“. Unter den Linden jubeln Berliner mit Hitlergruß dem „Führer“ zu, der den 1. Mai zum arbeitsfreien „Tag der nationalen Arbeit“ ausgerufen hat. Zehn Tage später tragen freudig erregte Studenten missliebige Bücher auf den Scheiterhaufen. Man kennt die Stationen und Bildmotive aus Schulbüchern und Dokus.

Eine vorgehängte Ebene mit Erläuterungen relativiert die machtvollen Bilder. Die Ausstellung kombiniert die Fotos der gelenkten Volksmassen am 1. Mai 1933 mit Aufnahmen der besetzten Gewerkschafthäuser am Tag danach. Sie zeigen das von Uniformierten bewachte Haus des Rundfunks, das nur noch mit Hitlergruß betreten werden durfte. Im Zentrum der Schau wird an 120 Verfolgte erinnert, die bereit im Jahr 1933 von SA-Schlägern ermordet wurden oder sich wegen Repressionen das Leben nahmen. Immerhin 36 Tote bekommen ein Foto-Gesicht und eine Mini-Biografie. Aber ihr Leiden bleibt bilderlos, eine Leerstelle inmitten des Bildersturms der NS-Propaganda. Zur vollen Wirkung wird die Ausstellung wohl erst ab Ende März kommen, dann soll eine doppelt so umfangreiche Fassung draußen in den Kellerresten der Gestapo-Zentrale fertig sein. Der authentische Ort des Terrors entlarvt sofort jede propagandistische Bildaussage. Michael Bienert

Ein Fluss führt durch die steinige Landschaft, an deren Horizont vor grauem Himmel entlaubte Bäume aufragen. Er dient zwei Kindern als Weg; hilflos tapsen sie durch das Wasser. Brüderlein und Schwesterlein sind hier ausgesetzt in einem apokalyptischen Setting. Das Bild entstand 1929, vier Jahre, bevor das Verhängnis für Joachim Ringelnatz seinen Lauf nahm. Der humoristische Dichter, der sich selbst eher als Maler sah, erhielt 1933 sogleich Ausstellungsverbot. Seine Bücher wurden bei der Verbrennung auf dem Bebelplatz vernichtet. Seiner Existenzgrundlagen beraubt, starb er völlig verarmt ein Jahr später.

Wie ein Menetekel wirkt auch heute noch Ringelnatz’ Gemälde, das den vielsagenden Titel „Herbstgang“ trägt. Aus den Tiefen des Depots der Berlinischen Galerie wurde es für die Ausstellung „Verfemt, verfolgt, verboten“ (Alte Jakobstr. 124–128, bis 12. 8.; Mi–Mo 10–18 Uhr) als Schatz gehoben. Ringelnatz ist als bildender Künstler nur wenig bekannt. Was aus ihm, der sogar in der legendären Galerie Flechtheim eine eigene Ausstellung erhielt, hätte werden können, lässt sich nur ahnen. Die Gefahr, dass er als Maler ein zweites Mal vergessen werden könnte, besteht durchaus. Sein Bild mahnt, die Spur aufzunehmen. Die Wiederentdeckung eines Felix Nussbaum, der heute zu den großen Avantgardisten zählt, dient als Anreiz. Die Geschichte seiner Rehabilitation begann ebenfalls in der Berlinischen Galerie. Dort ist sein „Selbstbildnis im Totenhemd“ von 1942 zu sehen. Zwei Jahre später wurde er in Auschwitz ermordet.

Für das Berliner Landesmuseum gehört es zur Gründungsidee, sich der von den Nazis verfolgten Künstler anzunehmen. Sein erster Direktor Eberhard Roters machte vor 30 Jahren den Anfang mit der großen Ausstellung „Aus Berlin emigriert“. Seinen damaligen Recherchen und Kontakten verdankt sich so mancher ins Archiv gelangte Nachlass. Für die aktuelle Ausstellung sind nur wenige Beispiele ausgewählt: Rudolf Jacobi, Anne Ratkowski, Rudolf Ausleger, Nikolaus Braun, die ihr Leben zwar retten konnten, aber meist ihr Werk verloren. Ratkowski und Braun zerstörten selbst jene Bilder, die zu groß für die Emigration waren. Ein kleinformatiges, neusachliches Küchenstillleben mit Fisch von 1938/40 überstand den Weg in den belgischen Untergrund, harmlos und den Nazis doch ein Dorn im Auge. Es war ihnen zu modern. Von der kleinen, feinen Ausstellung ziehen sich Fäden in den präsentierten Sammlungsbestand: durch besonders markierte Hinweise auf die Lebenswege weiterer Maler, Architekten, Fotografen, die ebenfalls im Dritten Reich verfolgt waren. Und plötzlich scheint das strahlende Lächeln der von Yva fotografierten Modelle zu erstarren. Die Zeit bleibt stehen. 1942 wurde die Fotografin verhaftet und vermutlich in Polen in einem Vernichtungslager ermordet. Nicola Kuhn