Überregional : Die Nacht, in der er starb

Im München der 70er Jahre wollte jeder mit Rainer Werner Fassbinder drehen. Auch unsere Autorin. Die Annäherung endete jäh: mit dem Tod des Regisseurs vor 30 Jahren

Alexandra Paszkowska
Ein Kerl wie ein Cowboy: Der Regisseur Rainer Werner Fassbinder in seiner Ledermontur vor einem Sarg.Alle Bilder anzeigen
08.06.2012 20:40Ein Kerl wie ein Cowboy: Der Regisseur Rainer Werner Fassbinder in seiner Ledermontur vor einem Sarg.

Das erste Mal sah ich Rainer Werner Fassbinder 1981 im Café Extrablatt in Schwabing. Er stand beim Eingang, als wenn er auf mich gewartet hätte, trug die obligatorische schwarze Lederjacke, Lederhose und den gelb-schwarz karierten Schal. Sein Hofstaat war auch da, sein künstlerischer Mitarbeiter Harry Baer und Peter Berling, Autor und Filmproduzent. Schwabing war damals der Nabel der Off-Kulturwelt und das Café Extrablatt ihr Wohnzimmer.

Ich sprach ihn an: „Hallo, Herr Fassbinder, ich habe zu meinem Entsetzen in der Abendzeitung gelesen, dass Sie die gleiche Idee zu einem Film haben wie ich.“ RWF wollte in „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ seinem Interesse an der Adenauer-Ära und der Bundesrepublik der 50er Jahre nachgehen und das Leben und Sterben des Starletts Renate Ewert verfilmen. Ewert war eine Filmdiva und hatte sich aus Verzweiflung abgekapselt, weil der Siegeszug des Fernsehens sie in Vergessenheit geraten ließ. Sie ist in ihrer Schwabinger Wohnung verhungert, am Ende ihres Lebens soll sie nur noch 34 Kilo gewogen haben. Dabei wohnte ihr Freund im selben Haus.

„Herr Fassbinder, das ist mein Stoff, ich arbeite an einem Exposé. Ich habe ein paar Tage gebraucht, um meine Angst vor Ihnen zu überwinden, dann habe ich die Auskunft angerufen, aber erfahren, dass ihre Mitarbeiterin Juliane Lorenz ja nun tot ist...“ RWF wurde kreidebleich: „Meine Cutterin ist doch nicht tot. Sie kommt gleich sehr lebendig hier herein. Sie hat ihren Absatz verloren und zieht sich andere Schuhe an.“

Peinliche Pause. Ich muss wohl noch entsetzter geschaut haben. Man hatte mich bei der Auskunft falsch informiert. Die Juliane Lorenz, die im Telefonbuch stand, war offenbar eine andere. Das hätte ich mir denken können, dass Fassbinders Cutterin und damalige Lebensgefährtin Juliane eine Geheimnummer hatte. Da es aber so viele Tote in dieser Szene gab, nahm ich die Auskunft für bare Münze. All das erzählte ich Fassbinder, die Spannung löste sich.

„Nur Leute, die mich nicht kennen, haben Angst vor mir“, sagte RWF. Hinter seinem hauchdünnen Bärtchen sah er asiatisch aus, weise und hinterlistig zugleich, wie ein alter Mongole.

Die Zigarette zwischen Daumen und Zeigefinger, die Glut in der hohlen Hand, nahm Fassbinder hastig einen Zug. Mit seinen etwas kurzen, gelblichen, schwieligen Fingern, unter den Nägeln Schmutz, schrieb er eine Telefonnummer auf ein Stück kariertes Papier, das Harry Baer aus einem Heft gerissen hatte. Eine Schwabinger Nummer, dahinter „= Juliane Lorenz“. Er gab mir den Zettel. „Dann lassen Sie uns den Film doch zusammen machen, wenn Sie schon so viel Vorarbeit geleistet haben, das ist doch ideal.“

Der Hofstaat hatte die Szene beobachtet. Triumphierend zeigte ich den Zettel Sam Weinberg, dem Produzenten von Roman Polanski, Rolf Albrecht, dem Besitzer der angesagten Boutique Sweetheart, und Peter Berling und meinte euphorisch: „Seht, er will mit mir arbeiten.“ Aber Berling meinte nur: „Wenn du glaubst, du hast seine Telefonnummer, dann hast du auch ihn, dann täuschst du dich. Jetzt beginnt der klassische RWF-Eiertanz...“

Er sollte Recht behalten. RWF blickte auf die Austern, die ein bildschöner Boy vorbeitrug. „Rufen Sie mich ab 1. Januar an, da bin ich wieder in München“, sagte er noch, dann konzentrierte er sich auf den Jungen. Er ließ mich einfach stehen.

Silvester las ich in der Zeitung, RWF feiere in der Deutschen Eiche, seinem Münchner Lieblingslokal, mit seiner Mutter Lilo Eder und den Schauspielerinnen Barbara Valentin und Elisabeth Volkmann. Am Morgen des 1. Januar 1982 wählte ich wie abgemacht die Nummer: „Grüß Gott, mein Name ist Alexandra, Herr Fassbinder hat mich gebeten, ab 1. Januar anzurufen.“ – „Tut mir leid, Herr Fassbinder ist heute früh weggeflogen. Er kommt in ein bis zwei Wochen wieder.“

Das war er, der Klassiker, das berühmte Spiel „Rufen Sie Montag an, rufen Sie Freitag an.“ Am 13. Januar versuchte ich es wieder. Ich hatte das Gefühl, er sei in der Stadt. Juliane Lorenz reagierte ungehalten, aber professionell: „Ich sagte Ihnen schon, er ist nicht da. Hier rufen so viele Leute an, Erpresser, Wahnsinnige...“ Sie verwickelte mich in ein Gespräch über ihre Rolle in RWFs Leben, die darin bestand, andere abzuwimmeln, was ich bestens aus meiner Zeit mit dem Regisseur Werner Schroeter kannte.

Sie rief nach Mitternacht zurück. RWF hätte seinen Karibikaufenthalt wegen eines verspäteten Kokspakets verlängert, er sei erfreut gewesen, dass ich angerufen habe. Bis 2.40 Uhr schilderte mir Juliane ihre Situation an Fassbinders Seite. Merkwürdig, dieses enorme Mitteilungsbedürfnis gegenüber einer Fremden.

Nach dem langen Telefonat waren wir neugierig aufeinander geworden, wir verabredeten uns für den nächsten Tag. Aber sie hatte zu viel im Schneideraum zu tun, also telefonierten wir nur wieder am Abend, fast bis 23 Uhr. Danach schaute ich mir im Fernsehen die Wiederholung eines „Tatorts“ an, in dem ich eine kleine Rolle als Journalistin spielte. Am nächsten Tag holte Juliane mich ab. „Ich habe dich gestern im ‚Tatort’ gesehen, Rainer hatte mir das im Programmheft angestrichen.“ – „Ach, diese kleine Rolle“, sagte ich, „ich nenne so was immer Sie-kam-und-ging-Auftritte. Der sinnlichste Augenblick ist der, wenn man zur Kasse geht.“

Juliane trug einen herrlichen, sündhaft teuren Luchs, ein grau-beiges Seidenkleid, achteinhalb Zentimeter hohe knallrote Stöckelschuhe, einen Jean-Seberg-Haarschnitt und ein frisches, freches Lachen. Bevor wir mit dem Taxi in die Leopoldstraße fuhren, nahm sie „Die Glasglocke“ aus dem Regal. „Ach, du liest auch Sylvia Plath? Rainer hat sie mir empfohlen, aber ich sollte vorher erst Grimmelshausen lesen.“

Im Café Extrablatt erzählte sie mir ihre Lebensgeschichte. Danach verschwand sie für zwei Monate nach Berlin zu den Dreharbeiten von „Querelle“. Zwischendurch, im Februar, lud sie mich in die Deutsche Eiche zum Faschingsfest ein. An diesem Abend hatte ich meine Kamera dabei, mit der ich mich schon länger bewaffnet hatte, weil ich mich überall maßlos langweilte und das „Nichts“ dieser Scheinwelt ins Bild setzen wollte. Ich trug eine schwarze Lederschlägermütze, ich dachte, so könnte ich RWF gefallen: Er liebte doch schwarzes Leder.

Als Faschingsmotto war „Denver Clan“ angekündigt, Juliane Lorenz kam mit großem Hut à la Joan Collins. Fassbinder setzte sich neben sie auf ein Holzgeländer. Er war nicht verkleidet, der Schweiß rann ihm in dicken Bächen die bleichen Backen herunter. Er sah erbärmlich aus, grüßte nicht, sagte nichts, war launisch, unberechenbar. Der ist krank, der lebt nicht mehr lange, dachte ich. So elend konnte ich ihn nicht fotografieren.

Was Fassbinder gesagt hätte, wollte ich von Juliane wissen. „Nur: Wer hat die denn eingeladen?“, meinte sie. Lag es an der Ledermütze? Fassbinder verschwand in der Küche, ich lief ihm nach, scharwenzelte um ihn herum, er schaute interessiert – allerdings nur in den Linsentopf.

Das waren meine Begegnungen mit RWF. Seltsame Begegnungen, denen der eine historische Abend folgen sollte, den ich mit Juliane Lorenz verbrachte. Er ging jener Nacht voraus, in der Rainer Werner Fassbinder starb.

Ich hatte einen Kurzfilm über die Munich-International-School gedreht und wollte Juliane als Cutterin beschäftigen. Am Abend des 9. Juni 1982 rief ich sie in der Clemensstraße an und fragte, ob sie Zeit und Lust hätte zu kommen. Es würde mich freuen, wenn sie den Film schneiden würde. Sie sagte, sie habe im Augenblick wenig Zeit, müsse nach Berlin wegen „Querelle“, aber später schneide sie gerne für mich. Das war zwischen acht und neun Uhr abends.

Kurz darauf – ich machte meiner Tochter gerade das Abendessen – läutete das Telefon, wieder war Juliane dran. Sie war ziemlich erregt. „Ich halte das hier nicht mehr aus!“ Wenig später stand sie aufgelöst bei uns in der Kaiserstraße: „Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr, beim nächsten Krach ziehe ich aus.“ Ich beruhigte sie und schlug vor, mal etwas essen zu gehen. Nachdem ich meine Tochter ins Bett gebracht hatte, fuhren wir mit ihrem Auto zum Romagna Antica in Schwabing. Dort hockten wir bis ein, zwei Uhr, ich weiß es nicht mehr genau. Wie immer wurde Juliane bewundert. „Schau, die türkisfarbene Tasche, und die Schuhe dazu hat Rainer mir in Cannes gekauft.“ Plötzlich war sie verschwunden.

Am nächsten Morgen, es war Fronleichnam, war es draußen glühend heiß. Beim Frühstück schaltete ich das Radio ein. Rainer Werner Fassbinder tot, darauf war ich nicht vorbereitet. Zwischen zwei und halb drei Uhr sei er gestorben, hieß es. Ich bekam einen Schreck. Ausgerechnet an diesem Abend hatte ich Juliane angerufen, an seinem letzten Abend. Später erfuhr ich, dass noch jemand in der Wohnung war, der Regisseur Wolf Gremm. Fassbinder war nicht allein gewesen.

Peter Berling beschreibt den Tod des Regisseurs in seinem Buch „Die 13 Jahre des Rainer Werner Fassbinder“: „In der Münchner Szene wussten ausgepichte Nasen, dass eine hervorragende Sendung eingetroffen war. Kristallinisch reiner Schnee, mit nichts versetzt. Gegen fünf Uhr nachmittags erschien der Dealer, brachte eine Filmbüchse voller Kokain. Gegen vier Uhr dreißig kam Juliane zurück. Sie betrat Rainers Zimmer, um zu sehen, ob er schliefe. Das Fernsehbild rauschte Schnee. Sie sah neben seinem Bett eine offene Negativbüchse mit einer angefangenen Linie. Sie ging ins Bad, um sich frisch zu machen für den Flug nach Berlin. Plötzlich kam ihr in den Sinn, dass sie ihn gar nicht hatte schnarchen hören. Sie lauschte in der Stille. Sie kehrte zurück, schaltete den Fernseher aus, was ihn normalerweise immer hochfahren ließ. Sie schaute auf sein Gesicht, an der Nase war Blut ausgetreten. Sie bekam es mit der Angst zu tun, sie schüttelte ihn, er fühlte sich warm an, sie wurde laut. ‚Ich muss gehen, Rainer wach auf’.“ Sie hat dann Wolf Gremm geweckt, gemeinsam haben sie Fassbinder aufzurichten versucht. Bis Juliane merkte, dass sein Herz nicht mehr schlug.

Ich ging zu Fassbinders Beerdigung. Der Sarg stand in der Mitte, er war leer. Die Gerichtsmediziner hatten die Leiche nicht freigegeben. Jean-Jacques Schuhl spricht in seinem „Ingrid Caven“-Roman von einer makabren Farce: „Die ganze Zeremonie war nur ein eiskaltes Hochamt in der glühend heißen Kapelle. Sie hatten ihn verschwinden lassen!“ Das trifft mich noch immer ins Mark.

Heute ist Juliane Lorenz die Chefin der Fassbinder-Foundation, Fassbinders Mutter hatte ihr das Erbe ihres Sohnes anvertraut, zehn Jahre nach dessen Tod. Seitdem gibt es immer wieder Streit um die Pflege des Erbes. Die Schauspielerin Ingrid Caven machte Juliane Lorenz 2007 schwere Vorwürfe, ebenso 25 Fassbinder-Wegbegleiter. Juliane Lorenz sei moralisch ungeeignet, sein Werk zu verwalten, da sie eine Heirat mit dem Regisseur in Florida erfunden habe, sagte Caven, die von 1970 bis 1972 mit dem Regisseur verheiratet war. Elfriede Jelinek schrieb, die Foundation habe engste Mitarbeiter des Regisseurs aus der Fassbinder-Geschichte verdrängt. Juliane Lorenz ihrerseits beteuerte, nach deutschem Recht sei sie tatsächlich nie seine Ehefrau gewesen, sie habe das auch nie behauptet. Wirbel, Witwenkrieg, ein hässliches Gezerre um einen Filmkünstler, wie die Bundesrepublik keinen zweiten gekannt hat.

Der kleine, zerknitterte Zettel mit der Telefonnummer hing lange bei mir hinter Glas an der Wand. Er erinnert mich an die Zeit, in der die Grenze zwischen Leben und Tod besonders durchlässig war.

Mehr über Rainer Werner Fassbinder lesen Sie heute im Kulturteil. Unsere Autorin ist Schauspielerin und Fotografin. Ihre Bilder von Butoh-Tanzenden wurden weltweit abgedruckt. Ihre Website finden Sie unter: www.paszkowska.de