"Carmen la Cubana"-Musical in Berlin : Der Stoß mit dem Fächer

„Carmen la Cubana“ interpretiert Georges Bizets klassische Carmen-Musik neu. Mit kubanischen Rhythmen und bewegend-moderner Frauenpower. 

Nilz Böhme/BB Promotion

Schon das Aufklappen des Fächers setzt ein Statement. Das vollzieht sich nämlich nicht etwa leise und kokett, sondern mit einem wuchtigen Knall. Der Fächer ist hier eine Waffe, ein Schutzschild, auf keinen Fall nur ein Schönheits-Accessoire. Ein solches braucht Carmen nicht. Nicht nur, weil sie schön genug ist, sondern auch, weil es ihr nicht an Selbstvertrauen fehlt. Schon in Georges Bizets Oper ist das so, in der Musicalversion hat sich das nicht geändert. 

„Carmen la Cubana“ heißt die moderne Version des Opernklassikers, die Anfang Oktober für zwei Wochen im Berliner Admiralspalast zu sehen ist. 
Die bekannten Melodien von Bizet bleiben in der Musicalversion erhalten, sind jedoch mit kubanischen Rhythmen und neuen Texten in spanischer Sprache aufgearbeitet. Der kubanische Autor Norge Espinosa Mendoza, der britische Librettist Stephen Clark sowie Regisseur Christopher Renshaw sind die Hauptakteure hinter dem Kreativteam, das die Musicalversion entwickelt hat. Über drei Jahre hat das gedauert, herausgekommen ist eine explosive Bühnensensation. 

Weiß, was sie will. Carmen ist auf der Suche nach Liebe, möchte sich aber nicht in festgelegte Normen pressen lassen. 
Weiß, was sie will. Carmen ist auf der Suche nach Liebe, möchte sich aber nicht in festgelegte Normen pressen lassen. Nilz Böhme/BB Promotion

Carmen - eine Verführerin?

Allein die Musikarrangements – gespielt von einer kubanischen Band – machen es dem Publikum nicht leicht, auf seinen Plätzen zu bleiben. Der Drang das Stück durchzutanzen ist groß – obwohl das Bühnengeschehen ganz und gar nicht immer zum Tanzen ist.

Erzählt wird die Geschichte von Carmen, Arbeiterin in einer Zigarrenfabrik im Süden Kubas. Sie hat ihren eigenen Willen, lässt sich nichts verbieten und eckt häufig bei ihren Kolleginnen an. Irgendwann beziehen Soldaten vor der Zigarrenfabrik Quartier – die kubanische Revolution ist im vollen Gange. Sie alle bewundern Carmen, doch die hat nur Interesse an José. Der ist zwar mit Marilú verlobt, kann sich Carmens Ausstrahlung aber nicht entziehen. Nach einigen Verwicklungen fliehen die beiden zusammen nach Havanna. Dort langweilt sich Carmen jedoch schnell, fühlt sich eingesperrt in der Beziehung und in ihren Freiheiten beschnitten. José hingegen reagiert extrem eifersüchtig auf ihre Tanzabende. Als Carmen sich dann noch in den Boxer El Niño verliebt, nimmt das Drama seinen Lauf.

Nilz Böhme/BB Promotion

Figuren mit Charaktertiefe

So bekannt die Geschichte sein mag, „Carmen la Cubana“ erzählt sie mit neuem Schwung und Charaktertiefe. Carmen ist hier weit mehr als nur die verführende Schöne. Sie ist eine moderne Figur, gefangen in einer Zeit und Gesellschaft, die ihr Wesen nicht versteht. Als Frau, die zwar auf der Suche nach Liebe ist – und José auch wirklich liebt –, sich aber gleichzeitig nicht in das Muster der klassischen Hausfrauenmutterrolle drängen lassen möchte, stößt sie auf Unverständnis und Ablehnung. 

Darstellerin Luna Manzanares Nardo spielt diese Zerrissenheit zwischen Freiheitsliebender und Liebessuchender hoch emotional ohne jemals in eine Überzeichnung zu verfallen. Ihre Carmen ist echt, liebenswert, anstrengend, sexy, verzweifelt – eine Figur aus dem Leben. In ihrer Heimat – Nardo wurde 1990 in Havanna geboren – ist die Sängerin längst ein Star. An über 15 CDs war sie beteiligt, in sieben Filmsoundtracks ist sie zu hören, in „Carmen la Cubana“ war sie schon 2016 in der Originalbesetzung zu sehen. Bei ihr von einer großartigen Stimme zu sprechen, ist fast ein Understatement, so überzeugend präsentiert sie ihre Songs auf der Bühne. Hier stimmt jeder Ton, jede Emotion. In Kombination mit ihren geschmeidigen Bewegungen, scheint sie nicht wirklich der irdischen Welt zu entspringen. 

Feiert das Leben. Luna Manzanares Nardo als Carmen im Musical "Carmen la Cubana"
Feiert das Leben. Luna Manzanares Nardo als Carmen im Musical "Carmen la Cubana"Nilz Böhme/BB Promotion


Tatsächlich ist der Cast insgesamt ein Geschenk: Saeed Mohamed Valdés überzeugt als gefühlvoller, etwas naiver José, der sich zwischen seinen beiden Frauen nicht entscheiden kann. Stimmlich überzeugt er mit seiner Liebesarie voll und ganz, seine Zerrissenheit ist bewegend bis zum dramatischen Ende. Joaquín Garcia Mejías schmettert als Boxer El Niño seine Torrero-Arie gekonnt lässig aus dem Boxring. Überhaupt ist die Umwandlung vom Torrero zum Boxer eine erfrischende Neuinterpretation der Figur. 

Starke Frauen und entscheidungsschwache Männer

Das eigentlich starke Element bleiben in „Carmen la Cubana“ trotzdem die Frauen: Christina Rodríguez Pino ist weit mehr als nur die naive José-Verlobte Marilù. Zwar bleibt sie als sittsame, schüchterne Frau das Gegenstück zu Carmen, steht aber auch für Konsequenz und mit ihrer Treue zu José für die romantische Liebe. Ihr Liebesbekenntnis an José singt sie zärtlich bewegend. Wuchtig hingegen ist Albita Rodríguez als La Señora, eine mystische Figur, die als eine Art Schicksalsleserin auftritt und sowohl stimmlich als auch in der Verkörperung unterschiedlicher Rollen überzeugt. 

Nilz Böhme/BB Promotion


Inszeniert ist „Carmen la Cubana“ vor einer Kulisse, die das Flair Kubas mit bunten, leicht abgeblätterten Wänden wiedergibt und immer wieder mit kleinen Kniffen leicht verändert wird. Das gesamte Stück wird in spanischer Sprache mit deutschen Übertiteln aufgeführt. Mit einem Blick in das Programmheft ist der Handlung leicht zu folgen. Lediglich manche Witze zünden während der, ebenfalls spanischen Sprechpassagen etwas langsamer. Der Authenzität des Stückes tut die Einheitlichkeit der Sprache jedoch sehr gut. 

Und spätestens wenn Carmen ihren Fächer aufklappt, spielt die Sprache auf der Bühne sowieso keine Rolle mehr. Egal, ob sie ihn als Mordwaffe benutzt oder als Verführungshilfsmittel. 

+++
„Carmen la Cubana“, vom 2. bis 14. Oktober im Berliner Admiralspalast, Friedrichstraße 101. Tickets zwischen 28,40 Euro und 69,90 Euro sind im PNN-Shop in der Wilhelmgalerie erhältlich.

Autor