Buch dokumentiert Schreiben von Holocaust-Überlebenden : Die ersten Briefe

Das Buch „After So Much Pain and Anguish“ der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem dokumentiert rund 50 Schreiben von Menschen, die die systematische Judenvernichtung überlebt haben. Einen deutschen Verlag hat es bislang nicht gefunden.

Gedenken und Erinnern. Ein alter Güterwaggon aus Deutschland, in dem jüdische Bürger in Konzentrationslager verbracht wurden, steht in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem.
Gedenken und Erinnern. Ein alter Güterwaggon aus Deutschland, in dem jüdische Bürger in Konzentrationslager verbracht wurden,...Foto: Abir Sultan/ dpa

Sie haben die Hölle auf Erden erfahren. Den Bruch der Zivilisation, die systematische Barbarei: die Überlebenden des Holocaust. Mit dem Tod haben sie sich arrangiert, ihn teilweise sogar herbeigesehnt. Aber dann war es plötzlich vorbei. Die Alliierten befreiten die Konzentrationslager. Für Millionen zu spät, für Tausende noch rechtzeitig. Teilweise wurden die Befreier 1945 jubelnd von den KZ-Insassen empfangen. Doch Freude, konnten Überlebende sie überhaupt noch empfinden? Die wieder gewonnene Freiheit für real halten? Ist es möglich, anderen von dieser vermutlich grauenvollsten Zeit zu berichten? Darüber gibt das Buch „After So Much Pain and Anguish – First Letters after Liberation“ („Nach so viel Schmerz und Angst – Erste Briefe nach der Befreiung“) Aufschluss. Das Werk dokumentiert die Gedanken von Überlebenden unmittelbar nach ihrer Befreiung – festgehalten in Briefen an die Verwandten, Freunde und Bekannten. Es ist ein beeindruckendes, gefühlsstarkes, ein beklemmendes Zeitdokument, veröffentlicht im Buchverlag der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Entstanden ist das Werk der beiden Herausgeber Robert Rozett und Iael Nidam-Orvieto aus einer Briefsammlung der Gedenkstätte – gespendet von Überlebenden und ihren Angehörigen. 

Geschrieben wurden die 50 Briefe auf vielen Sprachen, darunter Russisch, Dänisch, Französisch, Deutsch, aber auch auf Jiddisch und Hebräisch. Sie alle wurden für die Veröffentlichung ins Englische übersetzt. Jetzt gibt es Bestrebungen, das Buch auf Deutsch herauszugeben. Yad-Vashem-Sprecher Simmy Allen sagte den PNN dazu auf Anfrage: „Wir hoffen, einen Verlag zu finden, der dieses wichtige Buch dem deutschsprachigen Publikum zugänglich macht.“ Zwar habe man bereits mit einem deutschen Verlag dazu in Kontakt gestanden – am Ende klappte es aber nicht. Zu den genauen Gründen sagte Sprecher Allen nichts.

Fast alle Schreibenden wollen von dem Grauen erzählen

Der Umgang der Überlebenden des Holocaust mit dem, was ihnen angetan wurde, ist völlig unterschiedlich. Eines aber ist fast allen gemein: Sie wollen erzählen, auch der Bürde des eigenen Erlebens entkommen. Autor Robert Rozett sagt: „Die Überlebenden verspürten das Bedürfnis, anderen zu erzählen, was ihnen und den Menschen, die ihnen lieb und teuer waren, geschehen war, vor allem, um diejenigen zu informieren, an die sie schrieben.“

Viele Überlebende schrieben auch darüber, wie schwierig es für sie war, die erlebten Schrecken in Worte zu fassen, sagt Rozett. Aber die Briefe waren auch der Versuch, wieder nach vorn zu blicken. „Das Schreiben von Briefen legt auch nahe, wie wichtig es für die Überlebenden ist, mit einer normaleren Welt in Kontakt zu treten“, sagt Rozett. In einigen Fällen wisse man, dass der wiederhergestellte Kontakt insbesondere zu Familienmitgliedern für die Menschen ein Lichtblick war, so Rozett.

„Niemand, der Zeuge von Auschwitz geworden ist, wird zu Lebzeiten wieder Mensch werden können.“

Wie schwer es den Überlebenden gefallen ist, das erlebte Grauen in Worte zu fassen, dokumentiert etwa dieser Brief, geschrieben von Syme Rysavy im Oktober 1945: „Niemand, der Zeuge von Auschwitz geworden ist, wird zu Lebzeiten wieder Mensch werden können.“ Die 37-Jährige hat ihrem Bruder Nadénko Spindel geschrieben, ihren Mann Fritz hat sie in Auschwitz verloren – vergast. „Du wirst es dir nicht vorstellen können – auch wenn du einen Krieg erlebt hast –, aber dieser Sadismus war der Welt unbekannt“, fährt Rysavy fort, um ihrem Bruder kurz darauf mitzuteilen, dass auch die Mutter in Polen vergast wurde. „Nadénko, wir haben keine Mutter. Das Wunderbarste und Heiligste ist uns auf solch bestialische Weise genommen worden.“ Man kann sich vorstellen: Es wird der grausamste Brief gewesen sein, den Nadénko Spindel je erhalten, je gelesen hat.

Die Dokumentation der Briefe der Überlebenden rückt ihre Schicksale nah heran. Der Leser erhält Zutritt zu ihren persönlichsten Gedanken. „Wenn die Nazis versucht haben, sie ihrer grundlegenden Menschenwürde und ihres Lebens zu berauben, ist es unsere Pflicht, unser Bestes zu tun, um sie so umfassend wie möglich darzustellen“, schreiben die Autoren in ihrem Vorwort. Aus diesem Grund seien möglichst vielen Menschen auch genaue Geburtsdaten, Geburtsorte und andere persönliche Informationen zugeordnet worden.

Warum das Buch nicht vollkommen ist

Im März 1945, nur zehn Wochen nach der Befreiung von Auschwitz-Birkenau, hat die damals 19-jährige Adelheid Roet ihren Verwandten geschrieben: „Alles in Ordnung. Ich blieb am Leben wegen meiner Willenskraft, Gottes Hilfe und meines unvergesslichen Zuhauses, denke an die Freitagabende und die Hohen Feiertage. Ich suche Hilfe, um bald nach Hause zu kommen.“ Einen Tag, nachdem sie den Brief geschrieben hatte, starb Roet. Ihr Körper hatte den Kampf verloren. Im Alter von 19 Jahren.

Wer die Briefe der Überlebenden liest, sollte sich darüber bewusst sein, dass das Buch nicht vollkommen ist, nicht vollkommen sein kann und es das auch nicht sein will. Das heben Rozett und Nidam-Orvieto gleich zu Beginn hervor. Sie schreiben: „Man muss bedenken, dass die beeindruckende Zahl der Briefe, die wir sammeln konnten, nicht die Mehrheit der Überlebenden repräsentieren kann. Wir müssen daher davon ausgehen, dass, während viele schrieben, viele andere es nicht taten.“

Entweder, weil sie keine Verwandten oder Bekannten gefunden haben, weil sie zu schwach und krank waren, um zu schreiben, oder weil sie einfach noch nicht die Kraft hatten, sich wieder der Gesellschaft und der Menschheit, die sie im Stich gelassen hat, zu nähern. „Unter diesem Gesichtspunkt, wenn wir die Worte derer lesen, die geschrieben haben, müssen wir uns die Stimmen derer im Hinterkopf behalten, die es nicht taten oder nicht konnten“, schreiben die Autoren.

„After So Much Pain and Anguish – First Letters after Liberation“, 2016, Robert Rozett und Iael Nidam-Orvieto, Yad Vashem Publications, 290 Seiten, 38,90 Euro. 

Anlässlich des Internationalen Holocaust-Gedenktages hat die israelische Gedenkstätte Yad Vashem eine digitale Online-Ausstellung gestartet. Unter dem Titel „Lebt wohl, meine Lieben!“ werden letzte Briefe aus dem Holocaust präsentiert. Sie bilden eine Auswahl der letzten Nachrichten, die Angehörige von Holocaust-Opfern in den Jahren 1941 und 1942 erhalten haben, die in den ersten Jahren des Zweiten Weltkriegs im Inferno Europas gefangen wurden, heißt es in einer Mitteilung der Gedenkstätte.

Was als Entrechtung, Enteignung, Missbrauch, Erniedrigung und Verhungern begann, verwandelte sich im Juni 1941 in die kalkulierte, systematische und totale Vernichtung des jüdischen Volkes, die bis zum Ende des Krieges zum Verlust von sechs Millionen jüdischen Menschenleben führte. „Verwandte schenkten Yad Vashem diese kostbaren Erinnerungsstücke für die Ewigkeit, zusammen mit Fotos ihrer Lieben“, schreibt die Gedenkstätte.

Ende April will darüber hinaus das brandenburgische Bildungsministerium eine Kooperationsvereinbarung mit Yad Vashem unterzeichnen. Dafür wird Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) vom 29. April bis 3. Mai mit einer Delegation nach Israel und in die Palästinensischen Gebiete reisen. Ziel ist es, die Zusammenarbeit mit Israel in der Jugend- und Bildungsarbeit auszubauen. Bislang gibt es zwölf brandenburgische Schulpartnerschaften mit Einrichtungen in Israel. Im Schuljahr 2016/2017 besuchten sich laut der Staatskanzlei 120 Schüler gegenseitig.