Berlinale 2015 : "Als wir träumten" feiert Premiere

Am Montag feiert "Als wir träumten" Premiere auf der Berlinale. Der Potsdamer Regisseur Andreas Dresen und Clemens Meyer sprechen im Interview über ihren Film, die ungewöhnliche Zusammenarbeit und das Erwachsenwerden in der Nachwende-Zeit.

Gerrit Bartels Christiane Peitz
Der Schriftsteller Clemens Meyer (li.) in Leipzig am Set der Roman-Adaption "Als wir träumten", rechts daneben Andreas Dresen.Alle Bilder anzeigen
Foto: Peter Hartwig/Rommel Film
08.02.2015 21:10Der Schriftsteller Clemens Meyer (li.) in Leipzig am Set der Roman-Adaption "Als wir träumten", rechts daneben Andreas Dresen.

Herr Dresen, Herr Meyer, ein ostdeutscher Regisseur verfilmt den Debütroman eines ostdeutschen Schriftstellers. Ist das Ossi-Ding ein Klischee oder verbindet sich damit auch ein Stück Identität?

CLEMENS MEYER: Als Schriftsteller habe ich mich noch nie in eine ostdeutsche Ecke gedrängt gesehen, dafür bin ich zu jung, so wie meine jugendlichen Protagonisten. Klar, das Buch spielt in Leipzig, kurz nach der Wende, da gibt es den DDR-Hintergrund. Aber es erzählt vor allem eine Geschichte von Freundschaft, Liebe und Verrat, eine Geschichte übers Heranwachsen, über die Träume von Jugendlichen, das ist ein universeller Stoff.

ANDREAS DRESEN: Ich habe kein Problem mit der Zuschreibung, auch wenn es kurios ist, dass es sie nur in eine Richtung gibt. Bei Christian Petzold würde keiner von dem „westdeutschen Regisseur“ reden. Ja, mich hat die Erfahrung der Umbruchszeit nach der Wende geprägt – und auf Prägendes kommt man halt immer wieder zurück. Das Wichtigste für einen Künstler ist aber, dass auch Menschen ohne meine Erfahrung mit den Geschichten etwas anfangen können. „Als wir träumten“ soll auch Leute jenseits der deutschen Grenzen ansprechen.

Wie kam es zu Ihrer Zusammenarbeit?

DRESEN: Ich war ein begeisterter Leser des Romans, kurz nachdem er 2006 herauskam. Ich mochte das Düstere und Böse, aber der Roman hat ja auch etwas Zärtliches im Umgang mit den Figuren. Allerdings lagen die Rechte einige Jahre bei einer anderen Produktionsfirma, deshalb kamen mein Produzent Peter Rommel und ich nicht an den Stoff ran.

MEYER: Kennengelernt haben wir uns schon vor der Verfilmung, Andreas wollte mich als Drehbuchautor für ein anderes Projekt gewinnen. Wir verbrachten einen denkwürdigen Abend in Leipzig, tranken Whiskey und schauten ein AC/DC-Konzert im Fernsehen. Da sind wir uns buchstäblich nahegekommen: Um 4 Uhr morgens mussten wir uns gegenseitig stützen, um die Treppen hochzukommen, das war so eine Kellerbar.

Ein Herz und eine Seele seitdem?

DRESEN: Wir sind sehr verschieden, aber zu seiner Komplementärfarbe fühlt man sich ja hingezogen. Ich hoffe, dass ich mit meinen Mitteln den Geist von „Als wir träumten“ bewahrt habe, den Geist der Anarchie. Kino ist eine Kunst, die aus der Begegnung mit anderen Menschen schöpft – im Gegensatz zur Literatur.

War Ihnen, Herr Meyer, schon bei der Veröffentlichung bewusst, dass der Roman einmal verfilmt werden würde?

MEYER: Gleich nach der Veröffentlichung kamen Anfragen. Mal ganz profan gesagt: Für mich ist das auch wirtschaftlich wichtig. Als Schriftsteller ist es sehr schön, einmal nicht arbeiten zu müssen. Jemand kauft die Rechte und du bekommst Geld, einfach so.

Hatten Sie keine Angst, dass es nicht nach Ihren Vorstellungen laufen könnte?

MEYER: Als ich erfuhr, dass Wolfgang Kohlhaase als Drehbuchautor mit ins Boot kommt, wusste ich, dass ich mir keine Sorgen machen muss. Außerdem war mir klar, dass man den Roman für einen Film bearbeiten, schneiden und komprimieren muss. Ich hänge da nicht an bestimmten Szenen. Übrigens bin ich im Bild, zehn Sekunden, als Polizist (lacht).

DRESEN: Clemens war ein Sparringspartner. Er ist manchmal in den Ring gestiegen und hat uns im richtigen Moment eins auf die Schnauze gegeben. Wolfgang Kohlhaase ist es auch gleich richtig angegangen: Er hat Clemens gebeten, seine Erwartungen zu äußern und seine Befürchtungen zu verschweigen.

Der „Geist der Anarchie“, wie viel hat das mit dem Mauerfall zu tun? Probieren Jugendliche sich nicht sowieso aus, machen Party, nehmen Drogen, knacken Autos?

MEYER: Es hatte zu der Zeit schon etwas Anarchisches. Man tanzte, pathetisch gesagt, auf den Ruinen des Ostens. Und die Polizei hatte keine Lust, auch noch in illegale Clubs einzureiten, das war denen zu stressig. Es gab dieses Vakuum. Gangs hatte es vorher in der DDR nicht gegeben, auch keinen Drogenmarkt, das kam alles mit einer riesigen Geschwindigkeit.

DRESEN: Der Film handelt von einer Gruppe von Jungs, die zu Männern werden, und die Zeit wirkt als Katalysator. Das ist schon alles extremer als unter normalen Umständen. Beim Tanz auf dem Seil, der das ja war, konnte man schnell übersehen, dass der Abgrund sehr tief war. Es war fast Glückssache, ob einer abstürzt oder überlebt.

Ihr Film ist härter als Ihre bisherigen, die Verfolgungsjagden und Schlägereien, es ist sehr physisch.

DRESEN: Es geht nicht gerade sanft zu. Ich bewundere jemanden wie Luis Buñuel. Der liebte seine Figuren und war doch knallhart in seiner Sicht auf die Dinge, unversöhnlich, gnadenlos. „Viridiana“ zum Beispiel ist ein großartig moralischer Film, weil er davon erzählt, wie Moral sich als Pseudomoral entpuppt.

 

 

Auch die Musik spielt in „Als wir träumten“ eine große Rolle, vor allem Techno.

DRESEN: Den habe ich erst spät für mich entdeckt, beim Drehen, das hatte ungemeine Suggestivkraft. Wir haben einen Leipziger Brauereikeller hergerichtet: dunkel, nüchtern, mit Rauch und Stroboskopgewittern, dazu einen DJ, der damals im echten Eastside aufgelegt hat, ein Freund von Clemens. Wir hatten Takes von 15, 20 Minuten, da kommt man in einen Flow rein. Ich wollte authentische Technoszenen: Einige Komparsen haben sich bei mir beschwert, dass hier angeblich Drogen verkauft werden und Nazis herumlaufen, die hatten teilweise richtig Angst. Obwohl es alles nur Fiktion war.

Der Titelsong von Moderat ist aber ein aktuelles Stück.

DRESEN: Klar, der Film ist von heute, nicht aus den 90ern. Ich wollte die kunstvoll-chaotische Komposition des Romans in eine zweistündige Kinoerzählung bringen und den Zeitgeist bewahren, aber auch nicht eins zu eins ein historisches Abbild schaffen, sondern ein eigenes Bild der Zeit. Wobei die Musik bei den Szenen im Club original 90er-Jahre-Techno ist.

MEYER: Der Film hat eine ungeheure Kraft, einen ungeheuren Rhythmus, er reißt mich mit. Man spürt das alles noch einmal nach. Es hat nichts Dokumentarisches, schon der Roman heißt ja „Als wir träumten“. Wie Sten Nadolny im Klappentext schrieb, es ist das „Monument einer Jugend“. Da ist eine unheimliche Größe und Fallhöhe, es ist ein Tanz auf dem Vulkan ... halt, stopp, geht es nicht eine Nummer kleiner? Das muss der Geist dieses Hotels sein, in dem wir hier sitzen (das Savoy in der Fasanenstraße, die Red.).

Einige Szenen haben eher etwas Verträumtes. Etwa als zwei der Jungs erstmals die Mikrowelle ausprobieren. Oder die zufällige Begegnung zwischen Dani, der Hauptfigur, und einer einsamen Frau.

DRESEN: Ich fand schon im Roman sehr schön, dass es Verschiebungen gibt, die Erinnerung sich selbst einen Streich spielt und Träume dazwischenfunken. Das hat auch etwas Surreales. Ich liebe diese Szene mit der einsamen Frau in der Küche, die haben wir gewissermaßen eins zu eins aus dem Roman verfilmt, die steht für sich. Da ist die Frau, die sich dem Jungen anbietet, mit klapperndem Kochtopf im Hintergrund ...

MEYER: Der klappert nicht, der brodelt.

DRESEN: Ja gut, der brodelt, ich wollte da so eine schwüle Atmosphäre herstellen. Es wird eine echte Entschleunigung im Film, quasi eine Kurzgeschichte über Einsamkeit und unerfüllte Sehnsucht.

Trotz seiner Zeitbezogenheit hat der Film auch etwas Aktuelles, spätestens wenn die Neonazis im Club auftauchen. Stichwort Rechtsradikalismus, Stichwort Pegida.

DRESEN: Pegida hat mit einer zutiefst verunsicherten Bevölkerung zu tun. Leute, die nach der Wende schon einmal einen großen Umbruch erlebt haben, haben jetzt Angst, dass wieder alles nur auf tönernen Füßen steht. Es geht jetzt häufig gegen „Wirtschaftsflüchtlinge“, aber gab es nach der schnellen Wiedervereinigung gerade im Osten nicht auch so etwas wie Wirtschaftsflucht? Die Leute wollten das haben, was sie im Westfernsehen sahen, sie wollten die D-Mark, so schnell wie möglich. Ich will nicht den Stab darüber brechen. Aber man könnte auch darüber nachdenken, ob es Menschen anderswo nicht auch deshalb schlecht geht, weil wir auf ihre Kosten leben.

MEYER: Fremdenhass hat es zu allen Zeiten gegeben, auch vor der Wende im Osten. Lassen wir den Romanstoff doch lieber für sich stehen – bloß nicht zu viel hereininterpretieren.

Das Gespräch führten Gerrit Bartels und Christiane Peitz.

 

Regulärer Kinostart: 26.02.2015