Überregional : Begnadeter Mann des Worts Wolfgang Kohlhaase

zum 80. Geburtstag

Torsten Hilscher

Der Jubilar sitzt in einem lichtdurchfluteten Wohnzimmer seines Landhauses nahe Storkow. Nebenan wirtschaftet Ehefrau Emöke Pöstenyi, einst eine der bekanntesten Tänzerinnen der DDR, draußen streifen die Familienkatzen über eine große Wiese.

Die 80 Jahre sind dem Drehbuchautoren und Schriftsteller nicht anzusehen. Immer wieder strafft sich sein Rücken, wenn er beim gestenreichen Erzählen in der Couchgarnitur zu versinken droht. Aber Wolfgang Kohlhaase räumt ein: „Man versucht natürlich der Magie dieser Zahl zu entkommen, indem man sagt: Es ändert sich ja nichts im Leben mit dem Uhrzeiger.“ Kohlhaase kann druckreif sprechen. Er kann sich aber auch vor Lachen wegwerfen, wenn ihm eine Anekdote, ein Witz, ein Zitat besonders treffend erscheinen. Schnell wird klar, wie es zugehen kann, wenn Regisseur Andreas Dresen („Halbe Treppe“) im Haus ist oder wie es früher war, wenn er seine Freunde, die Regisseure Konrad Wolf (1925-1982) und Frank Beyer (1932-2006) zu Gast hatte. Beyer wohnte gleich in der Nachbarschaft.

Kohlhaase liebt gesellige Arbeit Diese Nähe zu einem Regisseur war ihm immer wichtig. „Sie können ein Drehbuch so genau wie möglich schreiben, es ersetzt aber nicht die Herstellung eines gemeinsamen Gefühls, einer emotionalen Ebene.“ Zum Glück, sagt Kohlhaase, habe er diese Art von „geselliger Arbeit“ immer so gepflegt.

Der Drehbuchautor verteidigt seinen Kollegen Volker Schlöndorff, mit dem er zusammenarbeitete, obwohl dieser 2008 die DEFA-Filme als „furchtbar“ bezeichnete. Diese Äußerung sei zwar „dumm“ gewesen, aber ein Mensch müsse doch immer nach der Summe seiner Leistungen beurteilt werden, betont Kohlhaase. Das Ganze gehöre in die öffentliche Rubrik „schnelle Aufregung“, etwas, das ihm ganz und gar nicht liege.

Zu seinen Geburtstagswünschen sagt Kohlhaase: „Ich wünsche mir, dass sich das Kino immer wieder erneuert an den Abenteuern des Lebens und der Welt.“ Geschichten lägen zwar auf der Straße, das Aufheben mache aber eine gewisse Mühe.

Kohlhaase zumindest macht sich die Mühe. Gerade liest er die Geschichte jenes DDR-Grenzpolizisten, der am 9. November 1989 in Berlin an der Bornholmer Straße mehr oder weniger freiwillig die Mauer öffnete. „Der arme Kerl war ganz auf sich allein gestellt.

Keiner erreichbar, der ihm was sagt“, sagt Kohlhaase. Daraus ließe sich vielleicht etwas machen. Sein Blick ist schelmisch, dann aber auch nachdenklich. Er weiß: Zu oft sind in den vergangenen Jahren solche Geschichten von Filmemachern kaputt gemacht worden.

Kohlhaases nächstes fertiges Projekt können die Zuschauer im Mai sehen. „I Phone Y(o)u“ heißt es. Regie führte Dan Tang. Die chinesische Studentin hatte Glück im Unglück. An der Potsdamer Filmhochschule „Konrad Wolf“ zeigte sie dem Dozenten Kohlhaase das Drehbuch für ihre Diplomarbeit. Der Meister fand es unausgereift und setzte sich selbst an den Stoff – und prompt meldete sich das Kino.

Das Werk des Drehbuchautors Wolfgang Kohlhaase ist omnipräsent: Bibliotheken, Videotheken, Buchläden, Medienarchive haben seine Arbeiten im Bestand. Regelmäßig werden seine Filme im Fernsehen ausgestrahlt. Am 13. März feiert der gebürtige Berliner seinen 80. Geburtstag. Er sei ein „begnadeter Mann des Worts“ heißt es beim Filmverleih Progress, zu dessen Besitz alle 15 Filme gehören, die Kohlhaase zu DDR-Zeiten für die DEFA-Studios schuf. Nach Ansicht von Cineasten, Filmwissenschaftlern und Regisseuren verfügten in der deutschen Filmgeschichte nur noch zwei Drehbuchautoren über einen solch vielfältigen Sprachwitz und eine so genaue Beobachtungsgabe einzelner Milieus: Billie (Billy) Wilder und Erich Kästner.

Kohlhaase ist seit 60 Jahren erfolgreich im Geschäft. 2010 erhielt er für sein Lebenswerk den Goldenen Ehrenbären der Berlinale, 2011 den Deutschen Filmpreis. Torsten Hilscher