• Über den Wert von Uneindeutigkeit : "Eine Geschichte der Welt" in der fabrik

Über den Wert von Uneindeutigkeit : "Eine Geschichte der Welt" in der fabrik

Monatelang haben Berliner Choreografen mit Potsdamer Schülern ein zeitgenössisches Tanzprojekt einstudiert, das Antworten auf die großen universellen Fragen gibt.

Urwesen: "Eine Geschichte der Welt" fragt nach den Beginnen des Alls
Urwesen: "Eine Geschichte der Welt" fragt nach den Beginnen des AllsFoto: promo

Potsdam - Angeleuchtete Pingpongbälle in einem dunklen Raum können aussehen wie funkelnde Sterne bei Nacht. Hierbei lässt es sich träumen, von unendlichen Weiten, denn die Dunkelheit kennt keine Grenzen. Doch was passiert, wenn sich die Lichtverhältnisse umkehren? Der Haufen weißer Plastikbälle wird zu Schrott. Was eben zu Schwärmereien über den Kosmos verleitet hat, erinnert plötzlich an ein unaufgeräumtes Kinderzimmer.

Dass Materialien ambivalent sein können, dies vielleicht sogar gezwungenermaßen sind, wollen die Berliner Choreografen Dennis Deter und Lea Martini anhand ihrer jüngsten Produktion in der fabrik zeigen. Dem Stück „Eine Geschichte der Welt“ liegt nämlich eine große Frage zugrunde: Woraus ist das Universum entstanden? Seit vergangenem Herbst haben Martini und Deter zusammen mit Potsdamer Schülern einer zweiten und sechsten Klasse nach möglichen Antworten gesucht. Eine Annäherung: Alles besteht aus Sternenstaub. „Es wird also alles umgewandelt und nichts geht verloren – diese Idee fanden wir schön“, sagt Martini.

„Eine Geschichte der Welt“ feiert am Samstag Premiere, schon am Freitag findet in der fabrik eine erste Aufführung für Schüler statt. Denn darum geht es vor allem: Das sperrige Genre Zeitgenössischer Tanz soll sich einem jungen Publikum öffnen. Das Stück bildet den Auftakt des Projekts „Explore Dance“, das von der fabrik gemeinsam mit Fokus Tanz München und dem am Produktionshaus Kampnagel angesiedelten K3 Tanzplan Hamburg ins Leben gerufen wurde. An jedem der drei Standorte sollen pro Spielzeit zwei Uraufführungen stattfinden, dafür werden jedem jährlich rund 140 000 Euro bereitgestellt. Finanziert wird das für drei Jahre angelegte Projekt größtenteils durch den Förderfond „Tanzpakt Stadt-Land-Bund“, auch das Land Brandenburg und die Stadt Potsdam sind Unterstützer. Das Neue: Schüler stehen nicht etwa mit auf der Bühne – das gab es schon oft –, sie sind stattdessen an der Konzeption beteiligt.

Sechs Mal haben sich Martini und Deter mit den Schülern der Grundschule Am Pappelhain und der Gerhart Hauptmann Grundschule getroffen, mal in den Klassenräumen, mal auf der Bühne. Deutlich sei die Kritik der Kinder ausgefallen, und konkret, erzählt Deter, viel konkreter als gedacht. Ganz zu Anfang hätten sie zusammen einen Stopptanz unternommen – damit die Schüler erfahren, welche Bewegungen im Raum möglich sind. Später sollten die jungen Konzeptionisten sich überlegen, wie es möglich ist, den Urknall anhand von Objekten darzustellen, die sich aus einer Kiste herausbewegen. Der Darsteller, der die Gegenstände dabei führt, sollte in den Hintergrund treten. Eine Aufgabe, die viele Lösungen haben kann, und die Schüler mit den Ausdrucksmöglichkeiten von Zeitgenössichem Tanz vertraut macht.

Die Produktionen des Projekts „Explore Dance“ ziehen jeweils in die anderen zwei Städte weiter. Einmal im Jahr soll zudem ein Festival stattfinden, auf dem alle Produktionen zu sehen sind. Dazu gibt es ein Rahmenprogramm, das sich auch an Lehrende richtet. Dass in vielen Bereichen auch die Uneindeutigkeit wertvoll ist, soll zum Beispiel vermittelt werden, sagt Martini. Während dieser Spielzeit findet das Festival in Hamburg statt: vom 30. April bis zum 4. Mai 2019.

Beide Altersstufen, die der zweiten und sechsten Klasse, gleichermaßen zu berücksichtigen, sei zunächst gar nicht so einfach gewesen, erinnert sich Deter. Die Themen Müll und Umwelt kamen wie selbstverständlich auf – und somit auch die Ambivalenz von Materialien allgemein. Für die Vorstellungen haben sich die Choreografen Johanna Ackva als Performerin dazu geholt. Als Dinosaurier verkleidet sind sie zu dritt auf der Bühne zu sehen. Doch sie sind viel mehr – ob sie verraten, was sie unter ihrer Haut tragen?

Premiere am 30. März 2019, 18 Uhr und 31. März, 16 Uhr, fabrik, Schiffbauergasse, Karten ab 13 Euro