• Über Ausgrenzung und Schuldgefühle

Kultur : Über Ausgrenzung und Schuldgefühle

Sascha Hawemann bringt heute den Erfolgsroman „Tschick“ auf die HOT-Reithallen-Bühne

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08.05.2012 21:00Regisseur: Sascha Hawemann.

Er weiß, was es heißt, nicht dazuzugehören, sich gegen die Mehrheit zu behaupten. Fast wöchentlich kam Sascha Hawemann als Jugendlicher mit einem blauen Auge nach Hause, weil er in seinem Ostberliner Kiez verprügelt wurde. Er trug in der DDR seine politische Gesinnung nach außen, als Punk mit schrillem Outfit und widerspenstig abstehendem bunten Haar. Nein, er hat sich nicht weggeduckt, konnte nicht leiser, nicht unauffälliger sein, wie es sich die Eltern gewünscht hätten, die sich natürlich um den Sohn sorgten. So wie sich Sascha Hawemann heute um den eigenen Sohn sorgt, der allerdings nicht gegen ein ganzes System rebelliert. Aber auch der Achtjährige hat es nicht leicht als Fantasiesegler bei den zumeist auf Sport orientierten Klassenkameraden. „Aber noch hat er als Geschichtenerzähler eine Chance. Es gibt ein paar, die ihm zuhören.“

Sascha Hawemann, der heute das Jugendstück „Tschick“ am Hans Otto Theater zur Premiere bringt, nimmt seine Vaterrolle sehr ernst. Es quält ihn, dass ihm so wenig Zeit für den Sohn bleibt und es irritiert ihn zugleich, wie verständnisvoll der darauf reagiert. „Regie zu führen ist nicht wirklich ein guter Beruf zum Vatersein. Aber als Freiberufler kann man es sich nicht leisten, Angebote abzulehnen.“ „Tschick“ ist bereits seine vierte Produktion in dieser Spielzeit, eine, für die Sascha Hawemann brennt. Als ihm der preisgekrönte Bestseller von Wolfgang Herrndorf in die Hände fiel, las er ihn in einem Atemzug durch. Er fand in dieser komödiantischen und ernsthaften, sehr warmherzig erzählten Geschichte seine eigene Haltung, seine einstigen Auf- und Ausbrüche wieder. „Der Autor ist etwa in meinem Alter und ebenfalls Vater. Ich spüre eine große Nähe“, so der ganz in Schwarz gekleidete 44-Jährige, dem die Erinnerungen auf den Leib rückten. Sie führten ihn direkt ins Herz seiner Bühnenfiguren.

In „Tschick“ geht es um Maik und Andrej, zwei sozial sehr unterschiedlich geprägte 14-Jährige. Maik wohnt in einer Villa und verbringt seine Ferien allein am Pool. Die alkoholabhängige Mutter ist in der Entzugsklinik, der Vater mit Assistentin auf Geschäftsreise. Plötzlich taucht Andrej, den alle Tschick nennen, am Pool auf. Er kommt aus der Plattenbausiedlung in Hellersdorf und ist nicht gerade ein Musterbeispiel gelungener Integration, selbst wenn er es bis aufs Gymnasium geschafft hat. Was beide verbindet, ist ihr Außenseiterdasein. Maik, der von seinem Vater geschlagen wird, ist der Ängstliche. Er lernt nicht, sich selbst zu behaupten und Widerstand zu leisten. Er passt sich an, um alles ertragen zu können, auch dass seine Mutter ständig betrunken ist. Er ist kein Angsthase, aber ein Leiser. Nicht der Partytyp, wie die meisten in der Klasse. Tschick wiederum nimmt sich, was er will, wie jetzt den Lada, mit dem sich die Jungs auf die Reise durch das sommerglühende Brandenburg begeben: ohne Karte und Kompass. „Bei dieser Odyssee trifft Einfamilienhaus auf Platte, Wohlstandsverwahrlosung auf Armutsverwahrlosung. Und ganz nebenbei erfährt Maik mehr über die russische Kultur“, so Hawemann.

Drei Schauspieler schlüpfen in der Inszenierung in die verschiedensten Rollen und bringen dabei die Welt auf die Bühne. „Die Jugendlichen gehen mit sich selbst auf die Reise und verändern sich bei ihren Begegnungen mit Alternativkulturen, dem Alter und vielen Lebensfragen, bis sie am Ende ganz andere sind.“

Hawemann, der Ende der 90er Jahre leitender Regisseur am Hans Otto Theater war und jetzt regelmäßig am Deutschen Theater Berlin und am Centraltheater Leipzig inszeniert, bebildert nichts im realistischen Sinne. Auch in dieser Arbeit bleibt er zeichenhaft. „Aber ich werde wie immer meine Haltung klar formulieren und nicht herumeiern.“

Das hat er nie getan. Sascha Hawemann, Sohn zweier Theaterregisseure, wusste früh, was er will und was nicht. Er wusste auch, dass er als Mitglied der Punk-Szene nicht studieren durfte und er ertrug diese Konsequenz ebenso wie die Fausthiebe von systemkonformen Bauarbeitern, die ihm immer wieder übel mitspielten. Doch er hielt dagegen, wurde selber militant. Bis es nicht mehr ging und er mit 17 Jahren über Ungarn nach Jugoslawien floh, in die Heimat seiner Mutter. „Fast alle meine Kumpels aus der Punkszene waren da bereits verhaftet oder mit ihren Eltern ausgereist.“ Auch er stand auf der schwarzen Liste, wie er später aus seinen Stasiakten erfuhr. Dass er nicht in den Knast musste, lag vielleicht daran, dass die DDR keine Komplikationen mit den jugoslawischen Staatsorganen haben wollte. Schließlich war der Großvater General bei der jugoslawischen Volksarmee und kämpfte zuvor bei den Partisanen gegen die Faschisten.

Sascha Hawemann durfte jeden Sommer zwei Monate in Jugoslawien verbringen. „Vater und ich mussten allerdings immer in letzter Sekunde zu den Behörden und um Erlaubnis betteln, während meine Mutter schon heulend auf den gepackten Koffern saß, in Angst, dass wir nicht mitdürfen. Ein prägendes Bild meiner Kindheit.“ Doch dann ging es los: zum Haus ans Meer, zu den Adria-Laubenpiepern, bei denen er seine Freunde fand.

Die Rückkehr in den grauen DDR-Alltag traf ihn immer härter. Bis er einfach ausreißen musste. Nicht wie Maik und Tschick vor der Familie und den sozialen Problemen, sondern vor der gesellschaftlichen Enge. „Meine Not war so groß. Ich hatte schließlich auch diese nichtdeutsche Identität.“ Seine Eltern sorgten sich zutiefst. „Aber Jugend ist nicht Vernunft und klares Denken. Sie wird von einer anderen Wut und Furor getrieben.“

Als er floh, bekam der Vater, Horst Hawemann, für ein Jahr Berufs- und Reiseverbot. „Ich schleppte mich mit den größten Schuldgefühlen herum. Es hätte sein können, dass ich durch meine Flucht sein Leben als Künstler ganz zerstört hätte. In der DDR gab es wie bei den Nazis Sippenhaft.“ Sascha Hawemann erinnert sich an die großen Schmerzpunkte, aber auch an die starke Zuneigung zu dem Vater. Und gerade deshalb konnte er kein Wort mit ihm reden, was die Gewissensbisse noch schlimmer machte.

Als der Regisseur „Tschick“ las, war das, als würde die Jugend wieder aufblitzen. „Es ist tieftraurig. Aber es ist auch von einer sehr warmen menschlichen Welt durchdrungen. Es zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht, wie ein kleiner Sommer, der sich auftut.“ „Tschick“ erinnert ihn an die Bücher seiner Jugend, an „Fänger im Roggen“ oder „Huckleberry Finn“.

Oft erzählt Sascha Hawemann auch dem Sohn von seiner Kindheit und Jugend, „was bei heiklen Dingen nicht immer einfach ist“. Aber lieber das wahre Leben mit all seinem Konfliktstoff, als ihn dem Sog der Nintendospiele zu überlassen. „Ich muss mir viel einfallen lassen und kenne alle Harry-Potter-Bücher auswendig.“ Und nach allen geschlagenen Star-Wars-Schlachten fällt er dann todmüde mit dem Sohn zusammen ins Bett.

Doch dann gibt es auch wieder diese Wut, jetzt auf eine Gesellschaft, die es so schwer macht, sich für Kinder zu entscheiden, wenn beide Elternteile arbeiten gehen. Eine Gesellschaft, die sagt, die Frau gehört an den Herd, ist für ihn eine nicht hinnehmbare Entmündigung.

Premiere am heutigen Mittwoch, 18 Uhr, Reithalle, Schiffbauergasse, ab 13 Jahre

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