Kultur : Turboschrille Straßenmusik

Klangerkundungen im Stadtraum: Das Abschlusskonzert der KAP-modern-Reihe im Foyer des Nikolaisaals

Peter Buske

Klangräume der Stadt zu entdecken und zu ergründen, hat sich die Kammerakademie Potsdam auch in ihrer saisonalen, dem Zeitgenössischen verpflichteten dreiteiligen Reihe vorgenommen. Nach „inter pares“ und „Klangspaziergang“ geriet nunmehr die „Street Music“ am Dienstagabend in den Mittelpunkt der KAP-modern-Erkundungen im dichtbesetzten Nikolaisaal-Foyer. Doch was eigentlich ist Straßenmusik? Auf der Straße mehr oder weniger erlaubt aufgeführte Musik oder zu Musik geronnene Straßengeräusche von Gesprächsfetzen bis zu Autohupereien. Erstere Variante kann dem eiligen Passanten als Schlagerschnulze, Folkloreverschnitt oder Klassikhit ins Ohr rauschen. Letzterer Variante huldigen die vorgestellten Komponisten, größtenteils der vergangenen 60er-Jahre entstammend.

Die gelungene Mischung aus beidem ist Lucia Ronchetti in ihrem Scherzo „Rosso pompeiano“ auf die vorzüglichste Weise gelungen. Sie hat die Tonaufnahme einer neapolitanischen Rumba transkribiert, mit rhythmisch aufreizenden Zutaten à la Kurt Weill versehen. Für die „Hauptdarsteller“ – Klarinette (Markus Krusche) und Viola (Ralph Günthner) – eine Aufforderung zu herrlich krächzendem und schrill kreischendem Turbospiel. Mit dabei noch Cello (Ulrike Hoffmann), Klavier (Prodromos Symeonidis) und Schlagzeug (Alexandros Giovanos). Originell auch die Melange aus Straßengeräuschen und schrägen Klängen des Stückes „One-Way Street“ von Ming Tsao, für dessen verrückte Wirkung ein verstimmtes Streichtrio (mit Renate Loock als zusätzlicher Violinistin) genauso sorgen wie Klarinette, Oboe (Birgit Zemlicka-Holthaus) und ein leiernder Vibraphonmotor. Sie suggerieren Regen-Impressionen auf dunkler Landstraße nebst reifenquietschenden Autowettrennen.

Höchst tumultuarisch geht es in „Klangräume II“ von Gerald Eckert zu, die Bettina Lange auf der Piccoloflöte von der Galerie herab mit glitzerklarer Raffinesse in den Raum schleudert. Mit seinem eigenen Werk „Zahlen, die still stehen, irgendwo in einem fernen, gewöhnlichen Sommer“ erzählt Theo Nabicht auf der riesigen Kontrabassklarinette von der Möglichkeit, einen orgelpunktartigen Grundton mit Obertönen und rhythmusgebenden Klappengeräuschen zu transzendentaler Wirkung zu bringen. Die „Schweißarbeit“ des Enno Poppe entpuppt sich als ein introvertiertes, tieftöniges, durchweg jammerndes Klanggebilde, das von Bassflöte, Bassklarinette und Streichtrio (mit vielen Glissandi) erzeugt wird. Es wird lauter und intensiver, endet – wie viele andere dieser neutönerischen Arbeiten – abrupt. György Ligetis Kultstück „Poème Symphonique für 100 Metronome“ (auf dem Tresen der Garderobe aufgestellt), deren kollektives Anfangsticken langsam erstirbt, bis ein einzelner Langticker schließlich auch zum Stillstand kommt, bildet den witzigen Ausklang eines reichlich applaudierten Abends.Peter Buske