Kultur : Trotzige Widerständler

Zeichnungen von Marlen Melzow im Sans Titre

Richard Rabensaat
Mondäne Radfahrerin Grafik: Marlen Melzow
Mondäne Radfahrerin Grafik: Marlen Melzow

Viel will sie nicht zu ihren Arbeiten sagen, denn die sollen für sich sprechen. Im Kunsthaus Sans Titre zeigt Marlen Melzow eine Reihe von schwarz-weißen Tuschezeichnungen. Einige sind sparsam mit Farben angereichert. „Vielleicht ist das Petrus“, entschlüpft es ihr dann doch, als sie das Bild einer Figur betrachtet, die auf schwankendem Grund steht und einen langen Stab in der Hand zu halten scheint. Petrus, Jünger Jesu, aus der Bibel bekannt als der Fischer, der seinen Job aufgab, um fortan Heiden für den christlichen Glauben zu angeln. Auch andere Zeichnungen seien von literarischen Figuren inspiriert. Welche, will sie aber nicht sagen, um dem Betrachter keine Richtung bei der Deutung vorzugeben.

Es sind meist männliche Figuren. Einsam posieren sie in der Mitte des Blattes, mit schnellem Strich ohne weitere Korrekturen auf das Blatt geworfen, meist um einige Linien ergänzt, die Hände und Kleidung andeuten. In der weißen Weite der großen Papierblätter wirken sie nicht verlassen, sondern blicken dem Betrachter fragend und gelegentlich ein wenig trotzig entgegen. Sie scheinen sich von Widerständen, die sich ihnen entgegenstellen, nicht unterkriegen zu lassen: Der Skifahrer wirkt clownesk und unsicher, will aber trotzdem nicht von seinen Brettern steigen. Der Radfahrerin platzt anscheinend gerade der Hinterreifen, aber mondän geschminkt, mit keckem Blick, setzt sie ihre Fahrt fort.

Vielleicht spiegeln die meist schlanken Figuren die Haltung ihrer Zeichnerin wieder. 1964 in Joachimsthal geboren, studierte Marlen Melzow zunächst an der Ingenieursschule für Bauwesen. Aber das Theater faszinierte sie. Sie wollte nicht als Bauingenieurin hinter einem Schreibtisch über Berechnungen sitzen oder den Bauablauf leiten. Ihre kreative Fantasie in Geschichten, in Bilder umzusetzen reizte sie. Deshalb schloss sie ein weiteres Studium im Bereich des Figurentheaters ab. Projekte, bei denen sie als freie Bühnenbildnerin mitarbeitete und auch eigene Inszenierungen folgten. Die Zeichnungen im Kunsthaus prägt die Nähe zu ihren Verwandten im Kostüm und auf der Bühne.

Aber Melzow interessiert nicht nur die Bühnengestaltung. In eigenen Arbeiten setzt sie sich mit Figuren der Lokalgeschichte auseinander, und damit, wie das Land und die Geografie den Einzelnen prägen. Bei „Spinning Jenny viewing session“ schildert sie, wie die „Spinning Jenny“, eine um 1764 in England erfundene Spinnmaschine, das Leben der Textilarbeiterinnen veränderte. Mit dem Faden, der auf den maschinell angeordneten Spindeln rotierte, begann die industrielle Textilproduktion, die zuvor in Manufakturen stattgefunden hatte. Die Geschichte der Spinnmaschine nahm Melzow zum Anlass, die Veränderungen der Industrieproduktion zu untersuchen. Aber auch die mythologischen Verknüpfungen, die sich mit Tuch und Textil verbinden, spielten eine Rolle. „In der griechischen und in der nordischen Mythologie finden sich viele Bezüge zum Tuch“, stellt Melzow fest. Sprichwörtlich ist der Ariadnefaden. Auch die Suche nach dem goldenen Vlies, das ja eigentlich ein Fell ist, hat Eingang in die Populärmythologie gefunden.

„John Most oder das Ende der Freiheit“ war der Titel eines anderen Projektes. Melzow begab sich auf die Spuren von John Most, einem Reichstagsabgeordneten, der im 19. Jahrhundert zum Revolutionär und Anarchisten wurde, als Redner durch Sachsen reiste, mehrfach inhaftiert wurde und auch Zeitungen herausgab. Most organisierte Theater für Schichten, die ansonsten kaum Zugang dazu hatten. Mit einer Installation und in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern versuchte Melzow, am Beispiel des Anarchisten Most einen Diskurs über die noch immer aktuellen Themen der Grenzen und der Gestaltung der Freiheit anzuregen. Das gelang in einer Galerie in Chemnitz. „Gerne hätte ich den Dialog in Potsdam fortgeführt“, stellt Melzow fest. Weil hierfür jedoch nicht die Mittel zur Verfügung standen, sei die Ausstellung im Sans Titre eher ein ferner Nachklang der Beschäftigung mit dem verstorbenen Feuerkopf Johann Most. Richard Rabensaat

Noch bis 10. November, Kunsthaus Sans Titre, Französische Straße 18, Do bis So 14-18 Uhr

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